ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006zum Jahresauftakt: Keine Prognosen!

VARIA: Schlusspunkt

zum Jahresauftakt: Keine Prognosen!

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Sie werden an dieser Stelle vergeblich auf Erhellendes warten, wie das Jahr 2006 wohl werden wird. Erstens gibt es eh schon genug Veröffentlichtes von allerlei Börsenexperten, und zweitens wissen die meisten von uns, dass viele Zukunftsszenarien einfach nicht eintreten.
Dennoch wittern etliche Anleger frohe geheime Botschaften, wenn die Gurus dieser Welt Jahreswechselgedanken von sich geben. Dieser Tage erzählte mir ein Leser, dass er die ruhige Zeit nach Weihnachten nutzt, um alle möglichen Wirtschaftsmagazine und Börsenbriefe zu durchforsten, und aus dem Extrakt des Wissens ließe sich bestimmt eine gute Anlagestrategie für die nächsten Monate zimmern. Ich fürchte, dass sich der Mann am Ende alle Haare ausgerissen haben wird, weil sein Verwirrungsstatus, der eine sagt so, der andere genau das Gegenteil, am Ende hochschwappt. Nachmachen ist weiß Gott nicht angezeigt.
Solche Ansätze machen bestenfalls Sinn, wenn alle gelesenen Prognosen schön in einem handlichen Ordner abgelegt werden und nach einem Jahr dann genau nachrecherchiert werden kann, welche es denn nun gewesen wäre, die der schnöden Realität am nahesten gekommen ist. Diesem Experten dann nachträglich die Treue zu schwören und künftig auf ihn zu setzen wäre allerdings wieder grundverkehrt, denn, jede Wette, der läge dann im nächsten Jahr mit Sicherheit mit seiner Meinung daneben. Mit schlichten Worten, irgendeine Meinung trifft immer zu.
Interessant scheint mir mehr die Überlegung zu sein, warum Experten so oft schief liegen. Das hat sicher in erster Linie damit zu tun, dass das heutige Wissen in den derzeitigen Kursen bereits enthalten ist. Hinzu kommt, dass Analysten dazu neigen, Trends einfach fortzuschreiben und deswegen zuweilen von der Realität böse überrascht werden. Von großer Bedeutung ist sicher auch, dass es praktisch keine negativen Prognosen gibt, am Markt finden wir fast ausschließlich nur optimistische Aussagen, was eigentlich nicht geht. Mathematisch gesehen fallen so viele Kurse, wie auch welche steigen, also müsste sich das etwa die Waage halten. Welche Bank würde sich trauen, eine negative Expertise abzugeben? Keine.
Wie aber kommt dieses interessante Phänomen zustande, dass gleichwohl Jahr für Jahr die Zeitungen immer wieder aufs Neue von vermeintlich klugen Worten strotzen, wie das Jahr denn nun werden möge? Nach dem wahren Erkenntnisstand müsste ein kluger Chefredakteur doch sagen, nun ist aber Schluss mit dem Unsinn, jahraus, jahrein liegen die Leute schief, also keine Prognosen mehr! Dass dies eben gerade nicht passiert, hat fast schon mystische Gründe. Ohne Prognosen würden sich die meisten Anleger noch unsicherer fühlen, und vor allem müssten sie dann für ihre falschen Anlageentscheidungen selber geradestehen und vor sich verantworten. So gibt es immer einen bösen (anderen) Buben, der es dann schuld war. Deswegen werden Prognosen niemals aussterben.
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