ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Dichtung und Wahrheit: Wie man Negatives positiv verbrämt

VARIA: Schlusspunkt

Dichtung und Wahrheit: Wie man Negatives positiv verbrämt

Ellermann, Bernd

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Zeichnung: Oliver Weiss
Zeichnung: Oliver Weiss
Auf vielen Rhetorik-Seminaren wird vermittelt, Negatives positiv
zu formulieren. Solche Kurse firmieren dann unter der Schlagzeile: „Der souveräne Auftritt: Positives Selbstmarketing und begeisternde Ideenpräsentation“. Unangenehme Nachrichten sollen vorteilhaft verpackt und rübergebracht werden, ohne dass es der Empfänger merkt.
In vielen Bereichen wird dies auf perfekte Weise praktiziert. Wenn etwa ein Makler zum Interessenten sagt „Diese Wohnung liegt in einer extrem verkehrsgünstigen Lage“, dann heißt das in Wirklichkeit: Lärm ringsherum. Der Personalchef schreibt ins Arbeitszeugnis: „Er stellte sich mit großem Engagement seinem Aufgabengebiet“ (auf Deutsch: Er hat nichts zuwege gebracht). Wenn der Fußballvereinspräsident in der Pressekonferenz „Der Trainer steht nicht zu Disposition“ von sich gibt – dann weiß der Insider: Bald fliegt der!
In Börsenbriefen bewertet der Analyst eine Aktie mit dem Attribut „Halten“ – der Laie denkt, aha, da ist noch Luft nach oben drin; in Wirklichkeit ist dies ein verstecktes Verkaufssignal. Der Versicherer schreibt seinem Kunden: „Ihr Versicherungsschutz wurde in großem Umfange den modernen Erfordernissen angepasst“ – gemeint: Die Prämie wurde saftig erhöht. Oder die Verkäuferin sagt zur Kundin „Dieses wunderschöne Kleid unterstreicht Ihre damenhafte Ausstrahlung“ (übersetzt: matronenhafte Erscheinung).
„Wir suchen für einen verantwortlichen Posten einen Facility-Manager und einen Fullfillment-Assistant“ heißt es großspurig im Stellenangebot – gemeint: Hausmeister plus Lagerarbeiter. Im Reisekatalog liest der Urlaubswillige „Aufstrebender Badeort mit naturbelassenem Strand“; das Reiseziel entpuppt sich als ein vom Bau- und Nachtlärm heimgesuchter Urlaubsort mit verwahrlostem Küstenstreifen.
Nur das Juristendeutsch schlägt alle. Hier wird oft so formuliert, dass man es weder positiv noch negativ übersetzen kann, etwa: „Das bedeutet aber nicht, dass die Anfechtung einer Anfechtung der Annahme hinsichtlich der Annahmefrist wie die Anfechtung einer Ausschlagung und die Anfechtung einer Ausschlagung wie die Anfechtung einer Annahme behandelt werden müssten.“ Bernd Ellermann
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