ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Die psychiatrische Begutachtung. Eine allgemeine Einführung

BÜCHER

Die psychiatrische Begutachtung. Eine allgemeine Einführung

PP 5, Ausgabe Januar 2006, Seite 2

Hoffmann-Richter, Ulrike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Begutachtung: Der Mensch im Mittelpunkt
Ulrike Hoffmann-Richter: Die psychiatrische Begutachtung. Eine allgemeine Einführung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York, 2005, 168 Seiten, 10 Abbildungen, gebunden, 59,95 €
In den Lehrbüchern der forensischen Psychiatrie liegt der Schwerpunkt auf dem Strafrecht. Sozialrechtliche Fragen, die von großer Praxisrelevanz sind, kommen zu kurz. Diese Lücke schließt das Buch von Ulrike Hoffmann-Richter, Leiterin des Versicherungspsychiatrischen Dienstes der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) und Mitherausgeberin der Psychiatrischen Praxis.
Wichtige sozialrechtliche Grundlagen, wie Arbeitsfähigkeit, Erwerbsfähigkeit, Berufsfähigkeit, Minderung der Erwerbsfähigkeit, Grad der Behinderung, Gesundheitsschaden, Kausalität, Zumutbarkeit, aber auch freie Willensbestimmung, Urteilsfähigkeit und Schuldunfähigkeit, werden behandelt. Dabei ist es als Stärke zu sehen, dass die länderspezifischen juristischen Rahmenbedingungen für Deutschland, Österreich und die Schweiz in den einzelnen Kapiteln dargestellt werden.
Hilfreich für die konkrete gutachterliche Tätigkeit ist das Kapitel „Praktisches“. Die nützlichen Hinweise zum Aktenstudium, zur Exploration, zum Denkprozess, zur Literaturrecherche und zum Aufbau des Gutachtens zeigen die langjährige Praxiserfahrung der Autorin und geben wertvolle Anregungen und Hilfestellungen.
Das Verfassen des Gutachtentextes wird im Kapitel „Textproduktion“ detailliert erläutert und durch Beispiele illustriert. Dabei werden methodische Aspekte der Texterstellung systematisch beleuchtet. Erstaunlicherweise hat sich die Psychiatrie dieser wichtigen Frage bisher kaum angenommen. Sprach- und kulturwissenschaftliche Aspekte werden in der biologisch dominierten Ära kaum beachtet. Dem Zeitgeist folgend fokussiert sich das Interesse auf neurobiologische Methoden, Genetik und quantifizierbare „objektive“ Parameter. Dabei wird leicht übersehen, dass nach wie vor die Sprache die Grundlage der psychiatrischen Exploration ist. Es ist sehr zu begrüßen und bereichernd, dass sich Ulrike Hoffmann-Richter gerade auf diese Wurzeln besinnt. In einem interdisziplinären Zugriff berücksichtigt sie literatur- und kulturwissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse. Dadurch wird deutlich, wie sehr die Psychiatrie als sprechende Medizin von Methoden der Geisteswissenschaften profitieren kann.
Themen wie die Gutachter-Klienten-Beziehung, die Untersuchungssituation, Selbstverständnis des Gutachters, Subjektivität/Objektivität und Rollen und Funktionen der beteiligten Personen (Auftraggeber, Explorand, Gutachter, Rechtsvertreter, Angehörige, Behandelnde) werden ausführlich behandelt. Dem weiten Feld der psychiatrischen Diagnose ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Die Autorin betont, dass Gutachter primär Ärzte und nicht medizinische Bürokraten sind. Wie in jeder Arzt-Patienten-Beziehung spielen Empathie und Vertrauen eine wichtige Rolle. Die persönliche Begegnung zwischen Gutachter und Explorand steht im Zentrum der Betrachtung. In dem Buch kann man viel über Gutachten erfahren; „nebenbei“ lernt man eine Menge über Psychiatrie. Jürgen Brunner
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema