ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit: Wirksamkeitsnachweis steht noch aus

POLITIK

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit: Wirksamkeitsnachweis steht noch aus

Gerst, Thomas

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LNSLNS Über einen Mangel an Aufträgen kann sich das IQWiG nicht beklagen. Allerdings ist noch völlig offen, inwieweit der Gemeinsame Bundes­aus­schuss der Expertise des Instituts folgen wird.

Vor rund einem Jahr hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) seine Arbeit aufgenommen. Aufgabe des Instituts soll es sein, die kontinuierliche Einbeziehung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in eine qualitativ gesicherte Leistungserbringung dadurch zu gewährleisten, dass es den medizinischen Nutzen, die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der Leistungen bewertet. Viel wurde in den vergangenen Monaten über den Stellenwert des IQWiG im deutschen Gesundheitssystem geschrieben; mit seinem Vorbericht zum Nutzen von kurz wirksamen Insulinanaloga bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und der kritischen Bewertung des Wirkstoffs Atorvastatin hat es sich bei den Arzneimittelherstellern nicht beliebt gemacht. Übersehen wird aber oft, dass das Institut in seiner Wirksamkeit nicht autonom ist, sondern die wissenschaftliche Expertise für Entscheidungen seines Auftraggebers, des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), liefert. Die zentrale Frage, ob der G-BA die Bewertungen, die in nächster Zeit vom IQWiG zu erwarten sind, unverändert, in modifzierter Form oder gar nicht umsetzt, kann derzeit noch nicht beantwortet werden. „Sie können davon ausgehen, dass wir es nicht bei den Berichten des Instituts bewenden lassen, sondern daraus eigene Richtlinien machen“, betonte der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, Dr. jur. Rainer Hess, am 8. Dezember bei einer Euroforum-Konferenz in Köln. Bei Nichtberücksichtigung des IQWiG-Votums kann er sich kritischer Nachfragen aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) sicher sein.
Die Bundes­ärzte­kammer gehört dem G-BA nicht als Mitglied an. Deshalb kann sie nach Einschätzung ihres Hauptgeschaftsführers Prof. Dr. med. Christoph Fuchs am ehesten für sich in Anspruch nehmen, dessen Wirken frei von eigenen Interessen zu beobachten. Aus dieser Position beurteilt Fuchs die Entstehung des IQWiG kritisch: Die Politik habe alternative Steuerungsmodelle für das System der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung in Ablösung der gemeinsamen Selbstverwaltung gesucht. Deshalb sei das IQWiG ursprünglich als staatliche Behörde geplant gewesen. Durch die Umwandlung in ein Stiftungsinstitut habe die gemeinsame Selbstverwaltung dies in letzter Minute verhindern können; doch zeige die Performance des IQWiG, so Fuchs, mitunter noch einiges von der Ursprungsidee des Gesetzgebers, als Gegengewicht zu den Selbstverwaltungsorganen eine Bundesoberbehörde mit Meinungsführerschaft in Sachen Qualität und Wirtschaftlichkeit in der Medizin zu gründen. So habe das Institut trotz der Vielzahl der bereits vorliegenden Aufträge von sich aus noch keine externen Sachverständigen oder Institute zur Erledigung der Aufgaben hinzugezogen, obwohl dies vom Gesetzgeber ausdrücklich auch vorgesehen sei.
Erste Bewährungsprobe
Positiv vermerkte Fuchs das Bemühen des IQWiG um fachliche Unabhängigkeit, bei dem das Institut unterstützt werden müsse. In diesem Zusammenhang bezeichnete er es als eine erste Bewährungsprobe des IQWiG, dass es beim Auftrag des G-BA zu Mindestmengen bei Knie-Totalendoprothesen (TEP) zu dem Ergebnis gekommen sei, dass Fallzahlsteigerungen nicht automatisch zu signifikanten, klinisch bedeutsamen Qualitätsverbesserungen führen. Aus dem Qualitätsindikator „Infektion“ habe sich kein sinnvoller Schwellenwert ableiten lassen, der mit einer klinisch relevanten Qualitätsverbesserung assoziiert wäre. Die Krankenkassen hätten hier die Erfahrung machen müssen, „dass die Wahrheit woanders liegt als die Erwartung“. Fuchs kritisierte den G-BA dafür, dass er, ohne den IQWiG-Vorbericht abzuwarten, die Mindestmenge für die Knie-TEP bereits auf 50 pro Jahr erhöht hat.
Auch IQWiG-Leiter Prof. Dr. med. Peter T. Sawicki sprach von Versuchen der Einflussnahme jenseits der Pharmaindustrie. Der Stiftungsrat des Instituts könne jedoch nicht direkt auf dessen Arbeit einwirken. Höchstens sei eine indirekte Einflussnahme über die Höhe des IQWiG-Budgets vorstellbar. Die einzigartige Trennung zwischen Auftraggeber und Nutzenbewerter minimiere das Missbrauchsrisiko. Sawicki betonte, dass der Ablauf der Berichterstellung nach Beauftragung durch G-BA oder BMG transparent und jederzeit überprüfbar sei. Zu Irritationen sei es bei der Bewertung von Atorvastatin gekommen. Hier habe es keinen direkten Auftrag durch den G-BA gegeben, sondern die Bewertung erfolgte auf Initiative des IQWiG im Rahmen des ihm zugewiesenen Generalauftrags. Hierbei gebe es einen verkürzten Bearbeitungsablauf und keine Anhörung, sondern die Ergebnisse werden in einer wissenschaftlichen Publikation öffentlich zur Diskussion gestellt.
Wie Hess plädierte Sawicki für eine möglichst große Nähe der Nutzenbewertung zur Zulassung. Ansonsten könne sich mehrere Jahre nach Zulassung das Problem stellen, all denjenigen, die auf eine bestimmte Therapie eingestellt sind, erklären zu müssen, dass sie davon keinen Nutzen haben. Für den Februar 2006 kündigte Sawicki eine Bürgerinformation im Internet mit evidenzbasierten Inhalten an. Thomas Gerst
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