ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Willensfreiheit: Erschüttertes Selbstbild

POLITIK

Willensfreiheit: Erschüttertes Selbstbild

Rieser, Sabine; CU

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LNSLNS Die Frage nach der Willensfreiheit stand im Mittelpunkt des diesjährigen Kongresses. Denn neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung haben eine heftige Diskussion darüber ausgelöst, ob die Annahmen über Entscheidungs- und Handlungsfreiheit für die therapeutische Praxis aufrechterhalten werden können und ob die Frage nach der Schuldfähigkeit in der forensisch-psychiatrischen Begutachtung anders als bisher zu beantworten ist.
So haben unlängst elf führende Neurowissenschaftler in einem „Manifest“ über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung zwar erklärt, dass das Gehirn trotz aufschlussreicher bildgebender Verfahren ein Rätsel ist: „Nach welchen Regeln (es) arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; . . . wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir noch nicht einmal in Ansätzen.“ Die Fachleute sind aber überzeugt davon, dass enorme Erkenntnisfortschritte zu erwarten sind. So würden Ergebnisse der Hirnforschung beispielsweise dazu führen, dass „psychische Auffälligkeiten und Fehlentwicklungen, aber auch Verhaltensdispositionen zumindest in ihrer Tendenz vorauszusehen und ,Gegenmaßnahmen‘ zu ergreifen sind.“
Vielen Ärzten und Psychologen erscheinen solche Ansätze zu mechanistisch. Ein Menschenbild, das über die bekannten Schuldunfähigkeitsursachen hinaus Determiniertheit unterstellt, „ist mit den Grundlagen unseres Denkens und Handelns als Psychiater, Psychotherapeuten und Gutachter schwerlich zu vereinbaren“, gab während des Kongresses Prof. Dr. Henning Saß, Aachen, zu bedenken. Er verwies darauf, dass sich Qualitäten wie Hoffnungen, Gefühle, Selbsteinschätzung, Einschätzung von anderen, die bei psychischen Erkrankungen für den Einzelnen eine große Rolle spielen, mit den objektivierenden Verfahren der neurowissenschaftlichen Forschung nicht direkt abbilden ließen. „Würde das Postulat der Verantwortlichkeit, dem die Vermutung der Freiheit von Wille und Entscheidung zugrunde liegt, aufgegeben, so wäre eine wesentliche Basis des menschlichen Zusammenlebens gefährdet“, warnte Saß.
Dass die Wirkungsmechanismen von Medikamenten in viel größerem Umfang aufgeklärt seien als die komplexer psychosozialer Interventionen, betonte Prof. Dr. Sabine Herpertz, Rostock. Erst seit wenigen Jahren erforsche man, wie Psychotherapie auf das Gehirn wirkt oder welche neuronalen Mechanismen einer gezielten Veränderung des psychischen Befindens zugrunde liegen. So konnte gezeigt werden, dass die Aufforderung zur Unterdrückung von Erinnerung ähnlich viele Hirnregionen aktiviert wie die Aufforderung zum Erinnern. Zudem aktivieren häufig verwendete Techniken der Psychotherapie offenbar bestimmte Hirnregionen. Die biologische Psychotherapieforschung stecke aber noch in den Kinderschuhen, konstatierte Herpertz. Vorher-Nachher-Messungen erklärten lediglich eine Symptomverbesserung, spiegelten aber nicht den Veränderungsmechanismus wider. In der Diskussion wurde zudem ergänzt, dass ein wesentlicher Faktor der Behandlung noch immer die therapeutische Beziehung sei.
Begrenztes Vorstellungsvermögen
Für die Auseinandersetzungen um die richtigen Schlüsse aus der modernen Hirnforschung bot Prof. Dr. Wolf Singer einen Ansatz. In einem Beitrag für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie schrieb er unlängst: „Uns ist, als ob es in unserem Gehirn ein Zentrum gäbe.“ Die moderne Hirnforschung entwerfe allerdings ein ganz anderes Bild: Das Gehirn sei demnach extrem distributiv organisiert; eine Fülle von Verarbeitungsprozessen vollzöge sich gleichzeitig. „Die Begrenzung unseres Vorstellungsvermögens erklärt vielleicht, warum unsere Intuition über die Vorgänge in unserem Gehirn nicht mit dem übereinstimmt, was die Hirnforschung über diese in Erfahrung gebracht hat“, heißt es. „Die Einsicht in diese Begrenzung mag uns auch Warnung sein, die aus unserer Intuition abgeleiteten Vorstellungen nicht zur alleinigen Grundlage zu machen für unser Urteilen und Handeln.“ Rie, CU
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