ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Elektronische Gesundheitskarte: Akzeptanz und Nutzen sichern

POLITIK: Kommentar

Elektronische Gesundheitskarte: Akzeptanz und Nutzen sichern

Lindner, Martin

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LNSLNS Der Streit um Kosten und Nutzen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) für die Leistungserbringer, die Körperschaften, die Politik, die Krankenkassen und nicht zuletzt für die Patienten wird sehr emotional und teilweise unsachlich geführt.
Die eGK ist nicht der Problemlöser für alle derzeitigen Defizite im Gesundheitswesen, und sie ist auch nicht die Voraussetzung für die Einführung des elektronischen Rezeptes (eRezept), der elektronischen Patientenakte und anderer geplanter Anwendungen. Diese Innovationen bedürfen nur eines hoch sicheren Gesundheitsnetzes, dessen Architektur in den Rahmenbedingungen genügend detailliert vorgegeben ist. Diese für alle wichtigen Entwicklungen werden durch die verspätete Einführung der eGK sogar verzögert.
Schuld daran sind die übertriebenen, politisch überfrachteten und forcierten Bestrebungen nach Stärkung der Patientenautonomie. Der mündige Patient soll Herr und Hüter seiner Gesundheitsakte werden. Diese Ziele sind richtig, aber zurzeit gar nicht realisierbar. Es mag schon heute für den gebildeten Patienten mit Diabetes Typ 2 zutreffen, seine Akte führen zu können. Für die meisten Bürger ist jedoch die Hoheit über die eigenen Gesundheitsdaten, die sie nach dem Gesetz haben, de facto weder machbar noch wünschenswert. Dieser Aspekt sollte nicht die Diskussion beherrschen.
Weitere Wünsche oder Vorgaben der Politik sind Kostenreduktion, bessere Gesundheitsleistungen, schnellere und sichere Diagnosen und Therapien bei einer flächendeckenden Verfügbarkeit der Gesundheitskarte. Diese Ziele sind schon heute über ein Gesundheitsnetz allein erreichbar. Wenn die Einführung des Netzes und die der Karte entkoppelt werden, ergeben sich für sämtliche Beteiligten nur Vorteile. In Ruhe und mit Sorgfalt können neue Leistungen und Dienste getestet und angeboten werden. Die Industrie und die Krankenkassen erhalten die notwendige Zeit, um technische und organisatorische Probleme zu lösen.
Damit ergeben sich folgende Anforderungen an die eGK und das Gesundheitsnetz:
- Sie müssen die jetzigen Arbeitsabläufe beim Arzt genau abbilden und unterstützen und auch dessen künftige Tätigkeiten erleichtern. So muss das eRezept beispielsweise genauso einfach zu erstellen sein wie das gedruckte Rezept.
- Die Technik muss ergonomisch bedienbar und in die Praxis- und
Krankenhaussoftware integrierbar sein.
- Sie muss auch von den medizinisch-technischen Angestellten akzeptiert werden.
- Schon heute müssen sich Investitionen in die Telekommunikation rechnen und von den Krankenkassen honoriert werden. Dem Arzt müssen die Vorteile des Gesundheitsnetzes durch Kostenersparnis direkt sichtbar werden. Er muss am eRezept verdienen, zum Mindesten keine Mehrkosten haben.
- Der Datenschutz und die Datenhoheit müssen für ihn transparent sein.
- Ärzte, Apotheken, Laboratorien, Krankenhäuser und andere Teilnehmer des Netzes müssen wählen können zwischen eigener Serverhaltung oder zentralisiertem Diensteangebot.
- Zentrale Datensicherung (Backup) und Archivierung müssen als neue Dienste den Leistungserbringern die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben abnehmen.
Sind diese Leistungen Bestandteil der Praxisrealität, werden die weiterführenden Ziele automatisch erreicht werden. Der „Pull“-Gedanke notwendiger Erleichterungen muss die Technik stärker bestimmen als der „Push“ innovativer, aber unrealistischer, praxisferner und letztlich nicht akzeptierter Funktionen.
Viele Ärzte sträuben sich gegen die geplanten Neuerungen. Das ist bedauerlich, denn eigentlich hätten alle etwas von dem Gesundheitsnetz und der Karte. Es ist deshalb höchste Zeit, dass die Zusammenarbeit der Gruppen verbessert wird. Dabei kann man von Nachbarländern lernen, wie der Input zeitnah in die Konzeption neuer Dienste einfließen kann.
Empfehlenswert ist eine wesentlich stärkere Mitarbeit praxiserfahrener Ärzte und anderer Leistungserbringer bei den Arbeiten zur Spezifikation der Karte und des Netzes, bei den Verhandlungen zu den Vergütungsstrukturen sowie in den Pilotprojekten. Die Streitschlichtungsteams müssen mehr Kompetenzen erhalten, damit sie im Vorfeld unterschiedliche Auffassungen klären können, ehe diese zu projektgefährdenden Konflikten eskalieren. Es ist dafür zu sorgen, dass in den Gremien Patienten und Ärzte stärkere Rechte als Industrie, Selbstverwaltung und Politik erhalten.
Ein Franzose sagte einmal: „Im Grunde eines jeden Problems steckt immer ein Deutscher.“ Die Einführung der eGK wurde zu stark ideologisiert und mit zu hohen Erwartungen belastet. Noch ist es nicht zu spät für Korrekturen, die den Nutzen sicherstellen und für die Ärzte und Patienten wirkliche Fortschritte ermöglichen. Prof. Dr. rer. nat. Martin Lindner
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