ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Antidepressiva: Erhöhtes Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen

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Antidepressiva: Erhöhtes Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen

Bühring, Petra

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LNSLNS Nationale und internationale Zulassungsbehörden für Arzneimittel haben ihre Warnhinweise, selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei Kindern und Jugendlichen anzuwenden, verschärft. SSRI werden zur Behandlung von Depressionen oder Angststörungen eingesetzt und wirken stimmungsaufhellend. Verschiedene Studien haben allerdings Anhaltspunkte dafür geliefert, dass diese Arzneimittel bei Kindern und Jugendlichen mit depressiven Störungen oder Angststörungen das Risiko für Selbstmordgedanken und selbstschädigendes Verhalten steigern. Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ulm, und Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann, Aachen, befassen sich in einem Übersichtsartikel mit den Untersuchungsergebnissen dieser Studien und ihrer Bedeutung für die Behandlung von Depressionen im Kindes- und Jugendalter.
Eine Zusammenfassung der Analysen von neun Antidepressiva (SSRI und andere) in placebokontrollierten Versuchen von vier- bis sechswöchiger Dauer bei Heranwachsenden mit Depression, Zwangsstörung oder anderen Störungen (24 Studien mit mehr als 4 400 Patienten) ergab, dass ein erhöhtes Risiko unerwünschter Wirkungen wie Suizidgedanken oder suizidales Verhalten in den ersten Monaten bei den Probanden festgestellt wurde, die Antidepressiva erhielten. Das durchschnittliche Risiko solcher Ereignisse unter medikamentöser Behandlung lag bei vier Prozent, das Placeborisiko dagegen nur bei zwei Prozent. In den untersuchten Studien gab es keine vollendeten Suizide.
Nach Bewertung der Europäischen Zulassungsbehörde für Arzneimittel sollen wegen dieses Risikos SSRI bei Kindern und Jugendlichen außerhalb zugelassener Indikationsbereiche nicht angewandt werden. Im Einzelfall können sich Ärzte jedoch nach Abwägung des Risikos und des Nutzens für den Einsatz dieser Medikamente bei Kindern und Jugendlichen entscheiden. Bei leichten Formen der Depression sollte zunächst psychotherapeutisch beraten werden. Die kognitive Verhaltenstherapie empfiehlt sich für Kinder, die unter länger dauernden depressiven Störungen leiden. Bei schweren Formen der Depression im Jugendalter und wenn eine Psychotherapie scheitert, ist eine Behandlung mit SSRI notwendig. Der Arzt muss die Eltern des Erkrankten dann über die Risiken aufklären, damit sie selbst entscheiden können. Eine zusätzliche Verhaltenstherapie verringert nach Ansicht der Autoren das durch die Einnahme von SSRI leicht erhöhte Risiko von Selbstmordgedanken und -impulsen. PB

Fegert JM, Herpertz-Dahlmann B: Serotonin-Wiederaufnahmehemmer im Kindes- und Jugendalter – Warnhinweise der Behörden, Analyseergebnisse und Empfehlungen. Nervenarzt 2005; 76: 1330–1339.

Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Universitätsklinik für Kinder-
und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie, Steinhövelstraße 5, 89075 Ulm, E-Mail: joerg.fegert@medizin.uni-ulm.de
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