ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Kriegs- und Krisengebiete: Zwischen den Fronten

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Kriegs- und Krisengebiete: Zwischen den Fronten

Neuber, Harald C.

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April 2003: Britische Soldaten versorgen die Bevölkerung in der südirakischen Stadt Basra mit Trinkwasser. Foto: AP Photo
April 2003: Britische Soldaten versorgen die Bevölkerung in der südirakischen Stadt Basra mit Trinkwasser. Foto: AP Photo
Militärs setzen auf humanitäre Hilfe, um die Akzeptanz in Einsatzgebieten zu steigern. Für Hilfsorganisationen birgt dies Gefahren.

Es war ein normaler Montag in Bagdad – soweit der Krieg Normalität zuließ. Sieben Monate nach der US-Invasion in den Irak hatten zahlreiche Hilfsorganisationen im Zentrum der irakischen Hauptstadt ihr Quartier bezogen. Es gab viel zu tun, nicht nur des Krieges wegen. Bereits zwölfeinhalb Jahre vor dem Einmarsch hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen umfassende Wirtschaftssanktionen gegen das Land verhängt. Sie sollten das Regime Saddam Husseins in die Knie zwingen. Während die Machthaber aber weiterhin in goldenen Palästen residierten, trug vor allem die Bevölkerung die Last der Blockade. Zuletzt hatte kaum mehr ein irakisches Krankenhaus die medizinische Versorgung gewährleisten können. Obgleich internationale Hilfsorganisationen ihre Arbeit im Irak nie ganz eingestellt hatten, fehlten Geräte und Medikamente. Hier plante das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), mit der nun wieder im großen Maßstab angelaufenen Hilfe anzusetzen. Vor dem Gebäude des IKRK herrschte deswegen reges Treiben – auch an diesem 27. Oktober 2003. Der Ablauf der Geschehnisse jenes Tages wird später durch Augenzeugenberichte rekonstruiert werden: Gegen 8.30 Uhr habe ein Krankenwagen die Straße zur IKRK-Zentrale passiert. Gerade als das geräumige Fahrzeug die Pforte zu dem Komplex passierte, sei es explodiert (1). Die gewaltige Explosion sprengte ein zwölf Meter breites Loch in die Fassade des Gebäudes. Brennende Autowracks säumten die Straße. Als US-Brigadegeneral Mark Hertling Stunden nach dem Attentat vor die Presse trat, musste er bereits zehn Todesopfer vermelden. Zwei weitere Opfer des Anschlages erlagen später ihren Verletzungen. Der Angriff auf das Rote Kreuz vor zwei Jahren war der schwerste in der jüngeren Geschichte der humanitären Hilfe. Zugleich lieferte er den Anlass für eine anhaltende Debatte um die neue Gefahrenlage für Helfer in Kriegs- und Krisengebieten.
„Dieser Anschlag auf das IKRK lässt befürchten, dass künftig alle Hilfsorganisationen zur Zielscheibe werden können“, sagte Ulrike von Pilar, die damalige Geschäftsführerin der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen einige Wochen später (2). Pilar zeigte sich damals davon überzeugt, „dass die Risiken, denen die humanitären Organisationen heute im Irak ausgesetzt sind, auch damit zu tun haben, dass sie immer mehr als verlängerter Arm der Politik oder des Militärs angesehen werden“.
Diese Befürchtung war nicht neu. Nicht nur im Irak hatten US-amerikanische Soldaten bereits vor dem verheerenden Anschlag in Autos patrouilliert, an deren Scheiben Schilder mit der Aufschrift „Humanitäre Hilfe“ befestigt waren. Militärs, die kämpfen und helfen, oder Militärs, die sich als humanitäre Helfer tarnen. Hilfsorganisationen verfolgen mit Sorge, dass die Grenze zwischen militärischen und humanitären Akteuren in Krisen- und Konfliktregionen immer mehr verschwimmt. „Für die Zivilbevölkerung sind neutrale Helfer und Militärs oft kaum mehr voneinander zu unterscheiden“, betonte auch Wolf-Christian Ramm, Sprecher der Hilfsorganisation terre des hommes (tdh). Was für die Zivilbevölkerung zutrifft, gilt auch für die bewaffneten Akteure, die gegen internationale Truppenstationierung kämpfen. Sowohl im Irak als auch in Afghanistan seien humanitäre Helfer Anschlägen zum Opfer gefallen, die US-Soldaten gegolten hatten, sagte Ramm. Mit harscher Kritik begegnen internationale Hilfsorganisationen daher militärischen Strategien, die durch den gezielten Einsatz von humanitärer Hilfe die Akzeptanz der Zivilbevölkerung für die eigene Truppenpräsenz zu steigern versuchen. Bei der NATO laufen entsprechende Aktionen unter dem Begriff „Force Protection“ – als Vorgehen zum „Schutz der Streitkräfte“ also (3). Einen Schritt weiter ist man in den USA; dort soll die humanitäre Hilfe direkt den außenpolitischen Zielen untergeordnet werden.
Januar 2005: Tsunami-Überlebende in der Provinz Aceh erhalten Hilfsgüter von US-Truppen. Foto: dpa
Januar 2005: Tsunami-Überlebende in der Provinz Aceh erhalten Hilfsgüter von US-Truppen. Foto: dpa
Szenenwechsel: die nordindonesische Krisenprovinz Aceh im Januar 2005. Auch nach der verheerenden Flutkatastrophe in Süd- und Südostasien Ende vergangenen Jahres konkurrierten zivile und militärische Akteure um das Hilfsmonopol. Ob Deutschland, die USA, Australien, Neuseeland, Taiwan, Malaysia, Indien oder Pakistan: Weit mehr als ein Dutzend Staaten hatten damals Soldaten zur humanitären Hilfe in die Krisenregion entsandt. Doch selbst wenn solche Militäreinsätze an Normalität gewinnen, so beklagten sich zivile Organisationen auch hier über das Vordringen militärischer Akteure auf das Terrain der humanitären Hilfe. Das Beispiel Aceh ist symptomatisch, weil sich zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe seit fast drei Jahrzehnten indonesische Soldaten und Aufständische der Rebellengruppe „Bewegung Freies Aceh“ (GAM) gegenüberstanden. Während indonesische Soldaten die Not leidenden Menschen in der von dem Tsunami schwer verwüsteten Provinz parallel zu den zivilen Helfern versorgten, erklärten Militärsprecher wiederholt, dass ein Drittel der in Aceh stationierten 35 000 Soldaten weiter an militärischen Operationen gegen die Separatisten beteiligt seien. Die Armee nahm auch hier eine Doppelrolle ein: Sie war Helfer und Kriegspartei zugleich. Die indonesischen Streitkräfte hatten ein Interesse daran, die Sicherheitslage in der Unruheprovinz wieder in den Griff zu bekommen. Vor diesem Hintergrund war auch die Forderung der Regierung in Jakarta zu verstehen, militärische Helfer aus dem Ausland sollten Indonesien bis Ende März verlassen. Die Armeeführung warnte zugleich vor Angriffen der Rebellen „auf lebenswichtige Einrichtungen und Hilfsoperationen“; humanitäre Helfer aus dem Ausland durften sich nur noch in Begleitung der Armee ins Binnenland bewegen. Schon wenige Tage nach der Katastrophe hatten internationale Hilfsorganisationen in Aceh auf diese aus dem Konflikt entstehenden Probleme hingewiesen. Nach Auskunft der regierungskritischen Menschenrechtsgruppe Watch Indonesia „sollte offensichtlich vermieden werden, dass auch Mitglieder der GAM-Guerilla von den Hilfslieferungen profitieren“. Wer zur GAM gehörte, definierte das einheimische Militär. So drohte die humanitäre Hilfe binnen weniger Tage zu einer Komponente militärischer Planungen zu verkommen. Bald wandten sich die Mitgliedsorganisationen des deutschen Bündnisses „Gemeinsam für Menschen in Not – Entwicklung hilft!“ an die Bundesregierung (4). Diese solle darauf drängen, dass die Flutopfer in der Provinz Aceh nicht in großen zentralen Auffanglagern untergebracht werden. Drei solcher Lager für jeweils 100 000 Menschen seien als „Teil der Strategie des indonesischen Militärs“ geplant, um „die Kontrolle über die Zivilbevölkerung aufrechtzuerhalten“, warnte der tdh-Sprecher Ramm damals.
Der Trend, Hilfe politischen Interessen unterzuordnen, beschränkt sich nicht auf Entwicklungsstaaten. Auf einer Konferenz von rund 160 Hilfsorganisationen äußerte sich Andrew Natsios, der Vorsitzende der US-amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID, im Mai 2003 „irritiert“ darüber, dass die Menschen im Irak oder Afghanistan nicht wüssten, dass die Hilfspakete aus den USA kämen. Nichtregierungsorganisationen sollten daher doch deutlich machen, dass sie „ein Arm der US-Regierung“ seien. Die Sorge der zivilen Helfer ist angesichts solcher Tendenzen, dass ihre Arbeit im Umkehrschluss im militärischen oder politischen Kontext wahrgenommen wird. So wird inzwischen auch der Anschlag auf die Zentrale des Internationalen Roten Kreuzes in Bagdad erklärt.
Bei der Bundeswehr teilt man die Befürchtungen der zivilen Helfer nicht. „Wir bieten im Katastrophengebiet schließlich nur Dienstleistungen an“, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums während der internationalen Hilfskampagne in Aceh. Die dortige Arbeit der deutschen Soldaten werde „in enger Kooperation mit zivilen Organisationen wie dem Technischen Hilfswerk“ durchgeführt. Zwar sei in Anbetracht des bewaffneten Konfliktes im Norden Indonesiens eine Doppelfunktion des nationalen Militärs als kriegsführende Partei und Aufbauhelfer nicht in Abrede zu stellen. „Doch sind unsere Soldaten deutlich von denen der nationalen Sicherheitskräfte zu unterscheiden“, heißt es aus dem Verteidigungsministerium. Nicht nur Ärzte ohne Grenzen kritisieren eine solche Haltung. Auch die Hilfsorganisation medico international spricht Militärs die Zuständigkeit bei der Hilfe ab. Katja Maurer, die Sprecherin der Organisation, führt dafür konkrete Gründe an (5). Viele zivile Helfer im Irak befürchteten, „dass auch die kriegführenden Parteien unter der Ägide der USA wenig Interesse an unabhängigen Augenzeugen haben“ und auch aus diesem Grund zunehmend die Verteilung von Hilfsgütern selber übernehmen wollten.
Die verheerenden Folgen einer solchen Politik hatten sich schon vor Beginn des Irak-Krieges in Afghanistan gezeigt. Dort warfen US-amerikanische Flugzeuge gelbe Lebensmittelpäckchen ab. Diese aber sahen den tödlichen Clusterbomben zum Verwechseln ähnlich. In der Folge wurden mehrere Zivilisten verletzt oder getötet, weil sie nichtexplodierte Sprengsätze mit den CarePaketen verwechselten. Derweil verteilten US-Soldaten im Osten Afgha-
nistans, wo unbemerkt von der Weltöffentlichkeit Kämpfe stattfanden, mit vorgehaltenem Gewehr Lebensmittel.
Ausgehend von dem Konflikt mit Militärs hat sich zwischen Hilfsorganisationen eine umfassendere Debatte um die eigene politische Rolle in weltweiten Krisen und Kriegen entwickelt. Unter dem Titel „Macht und Ohnmacht der Hilfe“ lud medico international bereits Ende März 2003 zu einer Konferenz nach Frankfurt am Main ein (6). Unter dem Eindruck des US-Einmarsches in den Irak stand dabei nicht nur die Instrumentalisierung der Hilfe durch Militärs zur Diskussion. Martin Salm, Leiter von Caritas international, forderte eine stärkere politische Analyse der Organisationen über ihre Zielgebiete ein (7). Wo Hilfe zum Selbstzweck wird, folgerte Salm, gerieten die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse aus dem Blickfeld. Auch hier können die Folgen verheerend sein. Nach dem Erdbeben in Indien im Januar 2001 etwa hätten internationale Organisationen „auf der Welle des großen Mitgefühls“ allzu schnell Programme zur Nothilfe organisiert. Kaum jemand habe damals beachtet, dass im betroffenen Bundesstaat Gujarat Hindu-Fundamentalisten besonders stark sind und dass die von ihnen verteidigte Kasten-Ordnung zur Ausgrenzung von ganzen Teilen der Bevölkerung beiträgt. „Das Ergebnis war, dass ein guter Teil der Hilfe denjenigen, die in der Gesellschaft ohnehin marginalisiert sind, nicht zugute kam“, erinnerte Salm.
Beide Probleme, die Instrumentalisierung durch Militärs und vorschnelle Hilfen, sind auf eine Ursache zurückzuführen: die Öffentlichkeitswirkung. Es liegt in der Natur der Sache, dass militärische Akteure immer versuchen werden, ihre „humanitären Hilfsleistungen“ medial in Szene zu setzen. Doch auch zivile Hilfsorganisationen orientieren sich in den letzten Jahren verstärkt auf eine solche Außenwirkung. Caritas international arbeitete während der „heißen Phase“ zu Beginn des Irak-Krieges hingegen vor allem mit lokalen Partnern. „Und obwohl so viele TV-Teams in Bagdad waren, haben wir keine Kontakte vermittelt, um die Helfer und die Hilfe für die Zivilbevölkerung nicht zu gefährden“, betonte Salm. Auch wenn diese Hilfe über ortsansässige Strukturen effektiver sei, werde sie von den Medien weniger dargestellt. Hiesige Hilfsorganisationen müssten daher bereit sein, diesen Nachteil in der Werbung zu akzeptieren, wenn sie seriös sein wollen. Harald C. Neuber

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit5005 abrufbar ist.
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1.
Erklärung des Deutschen Roten Kreuzes: www.drk.de/presseinfo/dateien/418.html.
2.
Interview mit Ulrike von Pilar: www.aerzte-ohne-grenzen.de/Laender/Laenderauswahl/Irak/Irak-Interview-Pilar.php.
3.
Fusco VC: Force Protection Delivers Humanitarian Aid. New York Jewish Times, 28.09.2005; www.nyjtimes. com/cover/09-28-05/TroopsDeliverHumanitarianAid. html.
4.
Auch die Welthungerhilfe schloss sich dem Protest an: www.welthungerhilfe.de/WHHDE/aktuelles/presse_archiv/aceh_gegen_militaerlager.html.
5.
Maurer K: Die gute Tat. Wie Helfer helfen, den Krieg zu humanisieren, und dabei ihre Unschuld verlieren. Freitag – Die Ost-West-Wochenzeitung 2003; 14: 6.
6.
Medico-Report 25: Macht und Ohnmacht der Hilfe. Eine Dokumentation über die Krise humanitären Handelns. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2003.
7.
Stellungnahme von Dr. Martin Salm: www.caritas-international.de/6080.html.
1. Erklärung des Deutschen Roten Kreuzes: www.drk.de/presseinfo/dateien/418.html.
2. Interview mit Ulrike von Pilar: www.aerzte-ohne-grenzen.de/Laender/Laenderauswahl/Irak/Irak-Interview-Pilar.php.
3. Fusco VC: Force Protection Delivers Humanitarian Aid. New York Jewish Times, 28.09.2005; www.nyjtimes. com/cover/09-28-05/TroopsDeliverHumanitarianAid. html.
4. Auch die Welthungerhilfe schloss sich dem Protest an: www.welthungerhilfe.de/WHHDE/aktuelles/presse_archiv/aceh_gegen_militaerlager.html.
5. Maurer K: Die gute Tat. Wie Helfer helfen, den Krieg zu humanisieren, und dabei ihre Unschuld verlieren. Freitag – Die Ost-West-Wochenzeitung 2003; 14: 6.
6. Medico-Report 25: Macht und Ohnmacht der Hilfe. Eine Dokumentation über die Krise humanitären Handelns. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag 2003.
7. Stellungnahme von Dr. Martin Salm: www.caritas-international.de/6080.html.

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