ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Patientenmobilität: Im Gänsemarsch voran

THEMEN DER ZEIT

Patientenmobilität: Im Gänsemarsch voran

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Europäer nehmen Gesundheitsleistungen im Ausland nur zögerlich in Anspruch.
Nur äußerst zaghaft machen Versicherte und Patienten bislang von ihrem Recht Gebrauch, medizinische, pflegerische und Rehabilitationsleistungen im europäischen Ausland in Anspruch zu nehmen. Auch ist die Entscheidung, sich fern der Heimat unters Messer zu legen oder einen niedergelassenen Arzt aufzusuchen, selten geplant, sondern ergibt sich in der Regel spontan, zum Beispiel infolge eines Unfalls oder bei einem Notfall. Am mutigsten sind Patienten, die in Grenzregionen leben und auf Leistungsangebote im Ausland im Rahmen von Kooperationsabkommen zwischen zwei oder mehr Ländern – so genannten Euregios – zurückgreifen können.
Spitzenreiter bei Leistungen, die Mitglieder der Gesetzlichen Kran-
kenversicherung (GKV) grundsätzlich auch im Ausland beziehen würden, sind nach einer Umfrage der TK Spezial Baden-Württemberg Arzneimittel, gefolgt von Kuren, Heil- und Hilfsmitteln sowie Zahnersatz. Erst dann folgen ambulante ärztliche Leistungen, Krankenhausbehandlungen und Gesundheits-Check-ups.
Alles in allem sind es jedoch nur rund 500 000 Kostenrechnungen pro Jahr, die auf der Basis von Auslandskrankenscheinen zwischen deutschen und ausländischen Krankenkassen beglichen werden müssen. So hat die Deutsche Verbindungsstelle Kran­ken­ver­siche­rung Ausland (DVKA) in Bonn errechnet, dass ausländische Patienten der GKV im Jahr 2003 Kosten in Höhe von 134 Millionen Euro verursacht haben. Das entspricht gerade einmal knapp einem Prozent der Gesamtleistungsausgaben der Kassen in jenem Jahr. Umgekehrt beliefen sich nach Berechnungen der DVKA die Forderungen ausländischer Kostenträger an die GKV ebenfalls auf lediglich 151 Millionen Euro.
Dennoch: Die Patientenmobilität innerhalb Europas ist eine Tatsache, an der weder Ärzte, Krankenhäuser und Kostenträger noch die Regierungen vorbeisehen können. „Deshalb ist es sinnvoll und notwendig, diese Entwicklung mit der nationalen Verantwortlichkeit für die Gesundheitssysteme in Einklang zu bringen“, sagte Dr. Frank Niggemeyer, Gesundheitsattachée bei der Ständigen Vertretung der Bundesre-
publik Deutschland in Brüssel, beim European Health Care Congress in Düsseldorf. Dies könne nur durch eine intensivere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) geschehen. Niggemeyer verwies in diesem Zusammenhang auf eine von der EU-Kommission ins Leben gerufene hochrangige Arbeitsgruppe. In dieser nach dem Leiter der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz (GD Sanco) bei der EU, Robert Madelin, benannten Gruppe, setzen sich Vertreter von Kommission und Regierungen vor allem mit der Frage auseinander, wie sich die grenzüberschreitende medizinische Versorgung durch die gemeinsame Entwicklung von Leitlinien, eine Verbesserung der Finanzierungsgrundlagen der Gesundheitssysteme und der Informationsflüsse sowie durch die Stärkung der Patientenrechte voranbringen lässt.
Ergebnisse stehen noch aus
Allerdings steht dieser Prozess noch ganz am Anfang. Zwar treffen sich
die Vertreter der Madelin-Gruppe seit rund zwei Jahren in regelmäßigen Abständen. Brauchbare Ergebnisse, wie zum Beispiel klare Vorgaben für medizinische Zentren, die für ganz Europa als Einrichtungen für ausgesuchte spezialärztliche Leistungen gelten sollen, gibt es bislang jedoch nicht. Die EU-Kommission ist daher, das räumte Helmut Walerius von der GD Sanco ein, auch auf den Input zum Beispiel von bereits bestehenden grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen zwischen klinischen Einrichtungen angewiesen, um Antworten auf diese Fragen zu
finden. Petra Spielberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema