ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Therapiemethoden: Verunglimpfung der Tiefenpsychologie

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Therapiemethoden: Verunglimpfung der Tiefenpsychologie

Stolley-Mohr, Jörg

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LNSLNS Im vergangenen Jahr las ich immer wieder in Beiträgen des Deutschen Ärzteblattes für Psychologische Psychotherapeuten, dass bei dieser und jener Störung die Verhaltenstherapie und insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie die Methode der Wahl sei. Auf diese Weise wird impliziert, dass andere Verfahren wie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie nicht oder zumindest weniger sinnvoll ist. Dieser Trend setzt sich in sehr vielen anderen Publikationen im deutschen Journalismus, seien es allgemeine Ratgeber, Mainstream-Illustrierte und/ oder Internetportale, die ja erfreulicherweise vermehrt über psychische Störungen und deren Behandlungsmöglichkeiten berichten, fort. Diese permanente Bevorzugung der VT habe ich in letzter Zeit leicht genervt und verärgert zur Kenntnis genommen. Alarmiert war ich jedoch, als ich kürzlich bei einem Vortrag im Nürnberger Männerforum über den Umgang mit Depression mit der festen Überzeugung mehrerer Zuhörer konfrontiert wurde, dass ja 80 Prozent der Psychotherapien Verhaltenstherapien seien, weil diese effizienter, schneller und besser sind. Andere Verfahren könne man offenbar vergessen. Da wurde mir bewusst, dass meine vorher nur mit leichtem Unbehagen wahrgenommenen Befürchtungen offensichtlich berechtigt sind, denn die irrige Vorstellung einer generellen Überlegenheit der Verhaltenstherapie und der Zweitrangigkeit der tiefenpsychologisch fundierten PT ist tatsächlich schon in der öffentlichen Meinung angekommen und hat sich dort niedergeschlagen. Ich finde das sehr bedenklich, weil hier sozusagen durch die Hintertür und ohne dies explizit auszusprechen öffentlich an der Qualität meiner Arbeit gezweifelt wird. Erstens gibt es genügend Studien, die die Effizienz der tiefenpsychologisch fundierten PT in allen Indikationsbereichen darlegen. Zweitens gibt es mit Ausnahme einiger weniger Indikationsbereiche keine Studien, die zweifelsfrei die Überlegenheit anderer Verfahren belegen. Drittens erlebe ich in meiner Praxis als auch bei meinen Kollegen die Effizienz der von uns praktizierten Therapie. Und schließlich muss ich konstatieren, dass ich immer wieder Patienten habe, die vorher eine VT mit durchaus messbarem Erfolg durchlaufen haben und die trotzdem und noch immer mit dem tiefen Gefühl der Ver- und Gestörtheit durchs Leben gehen.
Grundsätzlich halte ich nichts von einem Schulenstreit, sondern wünsche mir eine integrative Psychotherapie, in der letztlich das angewandt wird, was den Patienten hilft. Gegen diese immer deutlicher werdende Verunglimpfung der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie protestiere ich jedoch vehement. Langfristig wird hier ganz leise nicht die Hinzunahme weiterer Richtlinien-Verfahren, sondern eine weitere Ausdünnung des therapeutischen Spektrums angestrebt.
Jörg Stolley-Mohr, Psychologischer Psychotherapeut, Sandrartstraße 49, 90419 Nürnberg
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