ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Psychosoziale Aspekte onkologischer Erkrankungen: „Der Einfluss der Psyche ist sekundär“

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Psychosoziale Aspekte onkologischer Erkrankungen: „Der Einfluss der Psyche ist sekundär“

Sonnenmos, Marion

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Prof. Dr. Reinhold Schwarz ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker. Er leitet die Psychosoziale Beratungsstelle für Tumorpatienten und Angehörige Leipzig. Foto: privat
Prof. Dr. Reinhold Schwarz ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker. Er leitet die Psychosoziale Beratungsstelle für Tumorpatienten und Angehörige Leipzig. Foto: privat
Ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Reinhold Schwarz über den Mythos der „Krebspersönlichkeit“

INTERVIEW

PP: Sie haben sich mit der so genannten Krebspersönlichkeit befasst. Was versteht man darunter?
Schwarz: Damit werden Menschen bezeichnet, die angeblich aufgrund ihrer Persönlichkeit zu Krebs neigen. Es heißt, sie seien antriebsgehemmt, zurückhaltend, unselbstständig, defensiv und überangepasst. Sie hätten keinen Zugang zu ihren Gefühlen und seien nicht fähig, befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen. Kurz: Sie zeigen viele Symptome einer Depression.

PP: Wie entstand die Vorstellung von der Krebspersönlichkeit?
Schwarz: Im Prinzip aus Erklärungsnot. Immer wenn die Medizin und die Naturwissenschaften nicht mehr weiter wissen und diesbezüglich unter Druck stehen, werden psychosoziale Ursachen vermutet. Es gibt eine historische Erklärungstradition. Schon Hippokrates und Galen haben Zusammenhänge zwischen bösartigen Geschwülsten und Melancholie beschrieben. Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts leiteten dann ratlose Onkologen aus den antiken Berichten Zusammenhänge zwischen Krebs und Depressionen ab, ohne jedoch zu berücksichtigen, dass Hippokrates und Galen unter Melancholie etwas ganz anderes verstanden als wir heute unter Depressionen. Galen etwa dachte an schwarze Galle als eine Flüssigkeit, die toxisch wirkt und deshalb Krebs auslöst. Ungeachtet dessen fing man vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts an, psychologische Faktoren als Ursachen zu vermuten und Krebserkrankungen auf bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zurückzuführen. In dieser Zeit gewannen zudem die psychosomatische Medizin und die psychosozialen Fächer an Boden. Sie wandten ihre Erkenntnisse auch auf primär körperliche Leiden an und stellten eine kausale Beziehung zwischen bestimmten Persönlichkeitseigenschaften und Charakterzügen mit körperlichen Krankheiten her. Plötzlich gab es ganz viele „Persönlichkeiten“, etwa die „Unfallerpersönlichkeit“, die „Herzinfarktpersönlichkeit (Typ A)“ und auch die „Krebspersönlichkeit (Typ C)“.

PP: Wie entsteht nach diesem Konzept denn eine Krebspersönlichkeit?
Schwarz: Die Vertreter dieser Theorie behaupten, dass es sich um eine sozialisationsbedingte Disposition handelt. Krebspersönlichkeiten sollen sich angeblich bei Menschen entwickeln, die in früher Kindheit schwere Verlusterlebnisse hatten und diese auf schuldhafte Weise verarbeiten, das heißt, sie entwickelten Schuldgefühle. Dieser Reflex, die Wendung gegen die eigene Person, bleibt erhalten und überträgt sich schließlich von der seelischen auf die körperliche Ebene. Diese Pathogenesevorstellungen gibt es auch bei anderen Erkrankungen wie multiple Sklerose, Herzerkrankungen oder Migräne. In den theoretischen Überlegungen spielt immer ein früher Verlust, eine frühe Traumatisierung eine Rolle.

PP: Das klingt plausibel. Wurde diese Theorie empirisch belegt?
Schwarz: Nein. Da man diese Zusammenhänge empirisch nicht bestätigen konnte, ist man zumindest in der wissenschaftlichen Psychosomatik davon abgekommen. Selbst Sympathisanten der Krebspersönlichkeit entfernen sich vom Persönlichkeitsmodell und sprechen nicht mehr vom „Typ C“, sondern vom „Typ-C-Verhalten“. Dieses Verhalten soll eine Entsprechung in einer „Lähmung“ des Immunsystems haben. Zumindest klingt das recht schlüssig. Man nimmt ja an, dass im menschlichen Körper ständig Krebszellen entstehen. Funktioniert das Immunsystem gut, so befinden sich die Krebszellen im Gleichgewicht mit den körperlichen Schutzfaktoren. Ist das Immunsystem hingegen geschwächt, nehmen die Krebszellen überhand. Das geschieht, wenn jemand raucht oder sich anderen schädlichen Einflüssen aussetzt, oder wenn er ein genetisches Risiko hat. Die Sympathisanten einer psychosomatischen Krebstheorie glauben, dass das persönlichkeitsbedingte Verhalten ungünstig auf die Immunabwehr einwirkt.

PP: Spielen psychische Einflüsse also keine Rolle?
Schwarz: Natürlich ist nicht abzusprechen, dass die Seele ihre Wirkung im Immunsystem entfaltet. Dass das aber direkt zu körperlichen Erkrankungen und spezifisch zu Krebs führt, dafür gibt es keine Evidenz. Auf dieser Ebene ist die Idee von der Krebspersönlichkeit reine Spekulation. Der Einfluss der Psyche ist eher sekundär. So ist zum Beispiel das Risikoverhalten seelisch determiniert. Wenn jemand seine seelische Not durch exzessiven Alkohol- und Tabakgenuss bekämpft, dann hat er auch ein erhöhtes Krebsrisiko. Die Psyche bedingt also gesundheitsschädliches Verhalten, was wiederum zur Krebsentstehung beiträgt. Das wird in der Diskussion über die Krebspersönlichkeit jedoch meist übersehen, weil man so auf den Mythos fixiert ist.

PP: Was weiß die Forschung über den Einfluss der Psyche?
Schwarz: Man begann erst in den 1970er-Jahren damit, sich systematisch wissenschaftlich mit psychosozialen Einflüssen zu beschäftigen. Viele Jahre lang dominierten Einzelfallbeschreibungen und retrospektive Studien. Dann kamen Gruppenvergleiche hinzu. Man fand heraus, dass viele Krebspatienten ein melancholisches Gemüt haben. Allerdings wusste man nicht, was Ursache und was Wirkung war. Was fehlte, waren prospektive Langzeitstudien. Nur mit ihnen hätte man Prognosen und Kausalitätsaussagen treffen können. Da solche Studien aber aufwendig und langwierig waren, verzichtete man darauf und bediente sich stattdessen der Daten von Herz-Kreislauf-Langzeitstudien. Die Anleihen, die man dort machte, erbrachten einen leichten Zusammenhang zwischen Depression und Krebssterblichkeit. Er war jedoch klinisch kaum relevant und lieferte wieder keine Erkenntnisse über Ursache und Wirkung. Wir wissen heute dennoch, dass depressive Krebspatienten früher sterben als nicht-depressive. Depressive haben generell ein größeres Krankheitsrisiko und eine ungünstigere Prognose.

PP: Die Erklärungsmodelle von Patienten weichen oft von denen der Wis-
senschaftler ab. Was denken Ihre Patienten über die Ursachen der Krebserkrankung?
Schwarz: Patienten lehnen in der Regel Erklärungen ab, die sich auf die Persönlichkeit beziehen. Viele Patienten neigen zwar auch zu psychosozialen Modellen, insbesondere aber zu einer Stresstheorie. Sie glauben, dass sie krank geworden sind, weil sie durch ihre Lebensumstände zu stark belastet waren. Das hat eine therapeutische Konsequenz. Man sollte weder die Ideen des Patienten mit Verweis auf die Datenlage ablehnen noch sofort bestätigen. Vielmehr ist zu fragen: Warum bringt der Patient seine schwierigen Lebensumstände mit so einer Erkrankung in Zusammenhang? Was bedeutet das für den Patienten?

PP: Welche Rolle spielt die Psyche im Krankheitsverlauf? Nützt es dem Patienten, eine kämpferische, das heißt antidepressive Haltung einzunehmen?
Schwarz: Eine Zeitlang wurde die These vertreten, dass eine kämpferische Haltung dabei hilft, den Krebs zu besiegen. Heute weiß man jedoch, dass mit dieser Haltung keine bessere Prognose verbunden ist. Trotzdem tun sich Optimisten insgesamt leichter, während Depressive gehandicapt sind, weil sie sich zu wenig um ihre Gesundheit kümmern. Was man sagen kann, ist, dass mitmenschliche Unterstützung den Betroffenen hilft, weil sie dadurch die Erkrankung besser ertragen und verarbeiten können. Außerdem werden sie (hoffentlich) von ihrem Umfeld ermuntert, psychosoziale Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist übrigens nicht selbstverständlich. Ungefähr ein Drittel der Patienten hat neben der Krebserkrankung auch ein seelisches Leiden. Diese Patienten suchen jedoch nur ganz selten psychotherapeutische Hilfe. Das liegt zum einen daran, dass es nur wenig psychoonkologisch ausgebildete Psychotherapeuten gibt, zum anderen merken die behandelnden Ärzte meist nicht, wenn ihre Patienten ein seelisches Problem haben. Sie denken vermutlich, dass es normal sei, wenn jemand, der an so einer schweren Krankheit leidet, bedrückt und niedergeschlagen ist, und kommen daher nicht auf die Idee, die Betroffenen an einen Psychoonkologen oder Psychotherapeuten zu überweisen.

PP: Würde eine erfolgreiche, psychotherapeutische Behandlung einer Depression auch die Krebserkrankung positiv beeinflussen?
Schwarz: Ich halte das auseinander. Wenn ein Patient mich aufsucht wegen eines psychischen Leidens, das auch durch die Krebserkrankungen mit hervorgerufen ist, dann ist es schon als Erfolg zu werten, wenn es gelingt, dieses seelische Leiden zu verringern und die damit verbundenen Lebensprobleme zu lösen – selbst wenn es für den Patienten bedeutet, sich damit abfinden zu müssen. Es wurde vielfach nachgewiesen, dass Krebspatienten von einer begleitenden psychotherapeutischen Betreuung sehr profitieren, vor allem hinsichtlich Verbesserung des Befindens und der Lebensqualität. Man hofft, dass gelöste seelische Probleme innere Kräfte freisetzen, die für die Krankheitsverarbeitung von Nutzen sind.

PP: Ist Psychotherapie also eher als Angebot zu verstehen, mit der Krankheit besser klarzukommen?
Schwarz: Vielleicht sollte man das gar nicht so bescheiden formulieren. Wir wissen, dass Krebserkrankungen Menschen in eine schlimme Lebenskrise führen, die sie oft nicht aus eigener Kraft bewältigen können. Viele Krebserkrankungen sind chronisch. Die verbleibende Lebenszeit kann also noch lang sein. Krebskranke sollten daher nicht abgeschrieben werden, sondern es ist wichtig, dass sie in der Gesellschaft wieder Fuß fassen. Psychoonkologische Betreuung kann sehr viel dazu beitragen, dass die Betroffenen an Lebensqualität gewinnen und zum Beispiel wieder arbeitsfähig werden.

PP: Welche psychotherapeutische Richtung eignet sich besonders für Krebspatienten?
Schwarz: Alle wissenschaftlich gesicherten Methoden bieten Ansatzpunkte. Wichtig ist es, dass Psychoonkologen sich nicht nur mit den Methoden der eigenen, sondern auch mit denen anderer Schulen auskennen und sie bei Bedarf einsetzen. Psychotherapie für Krebskranke muss maßgeschneidert sein und sollte schulenübergreifend und interdisziplinär durchgeführt werden.
PP-Fragen: Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Schwarz R: Seelische Einflüsse auf Entstehung und Verlauf onkologischer Erkrankungen. Dt. Hirntumorhilfe/Brainstorm 2005; 1: 20–22.
2. Schwarz R: Die „Krebspersönlichkeit“ – Mythen und Forschungsresultate. Psychoneuro 2004; 4: 201–207.


Informationen und Adressen
- Deutsche Krebshilfe, Telefon: 02 28/7 29 90-95, Internet: www.krebshilfe.de
- Psychosoziale Beratungsstelle für Tumorpatienten und Angehörige Leipzig, Telefon: 03 41/ 9 71 54 07, Internet: www.uni-leipzig.de/~sasm/
- Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg, Telefon: 0 62 21/ 41 01 21, Internet: www.krebsinformation.de
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