ArchivDeutsches Ärzteblatt PP1/2006Vertieftes Coming-out. Schwules Selbstbewusstsein jenseits von Hedonismus und Depression

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Vertieftes Coming-out. Schwules Selbstbewusstsein jenseits von Hedonismus und Depression

Wiesendanger, Kurt

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Homosexualität: Schwules Erwachsenwerden
Kurt Wiesendanger: Vertieftes Coming-out. Schwules Selbstbewusstsein jenseits von Hedonismus und Depression. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2005, 126 Seiten, kartoniert, 14,90 €
Schwule Männer müssen lernen, in einer heterosexualisierten Gesellschaft ihr Leben zu gestalten; homosozialisiert müssen sie mit dieser zurecht-kommen. Als Homosexuelle zählen sie zu einer Minorität. Sie müssen gegen äußere wie internalisierte Homophobie („Ausdruck einer Kollektivignoranz“; sogar intolerante Antihomosexualität) ein Selbstbewusstsein entwickeln. Dieser Weg des Coming-out ist steinig und bedeutet, sich mit antihomosexuellen Einstellungen vor und während des eigenen eigentlichen Coming-out zu konfrontieren („Kategorie des Übels, des Unmoralischen und des Sündigen“), diese Gefühle zu erleben und sich dagegen zu behaupten. Insofern verwundert es nicht, dass „die Suizidrate unter schwulen Männer viermal höher [ist] als in der Gesamtbevölkerung“.
Begrüßenswert ist es, dass Kurt Wiesendanger als Psychologischer Psychotherapeut, der mit Schwulen arbeitet und eigene Erfahrungen mitbringt, nach seiner grundlegenden Einführung in die Psychotherapie von Homosexuellen (Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung. Ein Wegweiser. Göttingen 2001) auf einen psychotherapeutisch zentralen Punkt, das Älterwerden des Homosexuellen, in der Bewegung von Hedonismus und Depression, fokussiert. Es geht hierbei vor allem um die Phase nach einem grundsätzlichen Coming-out, in welcher der schwule Mann mit oft verdrängten eigenen (internalisierten) homophoben Anteilen kämpfen muss. Der Autor spricht in dieser Phase von der schwulen Spaß- und Lustkultur, die jugendlichkeitsversessen und körperbezogen in „Kulturtempeln des Hedonismus“ auf Triebbefriedigung ausgerichtet ist: Grenzenlosem Hedonismus stünde bald tiefe Depression entgegen.
Wiesendanger argumentiert erneut in humanistisch-tiefenpsychologischer Perspektive, das heißt, er fordert für Schwule „ein wertschätzendes Umfeld“; er wendet sich primär an schwule Männer und deren Therapeuten, jedoch könnten sich ebenso Lesben, Bi- und Heterosexuelle angesprochen fühlen. Viele Beschreibungen lassen sich ohne Anstrengung übertragen. Der Autor zeigt einen Weg des schwulen Erwachsenwerdens auf.
Wiesendanger ist es nicht nur gelungen, seine erfahrungsreiche, differenzierte Perspektive zur Diskussion zu stellen sowie Anregungen zu geben, sondern auch stilistisch verdient sein Buch großes Lob. Es sei allen Therapeuten und Ärzten empfohlen. Florian Steger
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