ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Magenkeime: Hinweis auf weitere exotische Bakterien

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Magenkeime: Hinweis auf weitere exotische Bakterien

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Lange galt das saure Milieu des Magens als absolut lebensfeindlich für Bakterien. Dann wurde vor 20 Jahren Helicobacter pylori entdeckt, der heute für peptische Ulzera und Magenkrebs verantwortlich gemacht wird. Jetzt beschreiben US-Forscher (Proceedings of the National Academy of Sciences 10.1073/pnas. 0506655103) nicht weniger als 128 verschiedene Bakterien-Arten im Magen von gesunden Probanden. Die Studie ist das Ergebnis moderner Nachweismethoden für Bakterien und Viren. Elisabeth Bik und Mitarbeiter der Stanford-Universität führten an 23 Freiwilligen Magenbiopsien durch. Daraus wurden alle Genspuren isoliert und in „DNA-Bibliotheken“ eingebaut. Dort werden sie so weit vermehrt, bis eine Analyse und Einordnung möglich ist. Gefunden wurde eine Vielfalt von zum Teil exotischen Bakterien: Caulobacter, Actinobacillus, Corynebacterium, Rothia, Gemella, Leptotrichia, Porphyromonas, Capnocytophaga, TM7, Flexistipes und Deinococcus lauten die Familien der Erreger, von denen zahlreiche Species gefunden wurden.

Nur 43 der 128 identifizierten Bakterien sind bekannte Bewohner der Mundflora, und man darf vermuten, dass sie von dort auch in den Magen gelangten. Die anderen sind im Menschen bisher nicht nachgewiesen worden, und einige wichen in ihren Genen um mehr als fünf Prozent von allen bekannten Mikroben ab. Unter den bereits taxonomisch erfassten Bakterien befanden sich auch Exoten wie Deinococcus radiodurans. Dieses Bakterium gedeiht in extremer Umgebung, darunter – wie der Name andeutet – in radioaktivem Abfall. Er wird jedoch auch in den
Faeces einiger Tiere gefunden, was erklären mag, über welche Wege er vielleicht in den Magen der Probanden gelangte, die körperlich gesund waren.

Gewisse Zweifel an den überraschenden Entdeckungen von Bik und Mitarbeitern mögen erlaubt sein, solange die Ergebnisse nicht von anderen Gruppen reproduziert werden. Da nur genetische Spuren der Erreger nachgewiesen wurden, kann daraus nicht automatisch geschlossen werden, dass auch vollständige Bakterien vorhanden sind. Für die Ärzte interessant dürfte sein, dass bei 19 Probanden Gene von H. pylori gefunden wurden, während nur zwölf dieser Probanden positiv in den konventionellen Nachweistests waren. Der genetische Nachweis war offenbar genauer. Ob dies von klinischer Bedeutung sein könnte, lässt sich aber zurzeit nicht sagen. Rüdiger Meyer
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