ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006e-card: Österreich auf der Datenautobahn

POLITIK

e-card: Österreich auf der Datenautobahn

Dtsch Arztebl 2006; 103(3): A-88 / B-76 / C-76

Krüger-Brand, Heike E.

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Über das e-card-System erfolgt die Anspruchsprüfung des Versicherten. Foto: Siemens Österreich
Über das e-card-System erfolgt die Anspruchsprüfung des Versicherten. Foto: Siemens Österreich
Während in Deutschland die Testphase der Gesundheitskarte gerade erst begonnen hat, gehört die Sozialversicherungs-Chipkarte in Österreich bereits zum Alltag.

Hat die Patientin ihr grünes Kärtchen ins Lesegerät gesteckt, erhält Dr. med. Günther Wawrowsky, Internist in Purkersdorf (Niederösterreich), innerhalb von höchstens fünf Sekunden eine Rückmeldung über ihren aktuellen Versichertenstatus und kann diese Daten direkt in sein Praxissystem übernehmen. Die rasche Online-Anspruchsprüfung der Leistungsberechtigung ist die erste Applikation der e-card, die den Papier-Krankenschein in Österreich ablöst (www.chipkarte.at). Die Umsetzung dieser im Vergleich zum deutschen Telematikkonzept vergleichsweise schlanken Lösung ist beeindruckend: In nur sechs Monaten – von Ende Mai bis Ende November 2005 – hat das Land 8,2 Millionen Versicherten die neue Gesundheitskarte zugestellt, rund 10 700 Arztpraxen mit der notwendigen Infrastruktur ausgestattet und flächendeckend eine Breitbandvernetzung (ADSL) im Gesundheitswesen realisiert (Kasten). Damit steht eine ausbaufähige elektronische Plattform für zahlreiche weitere geplante E-Health-Dienste, wie das elektronische Rezept und die elektronische Überweisung, zur Verfügung. Durch die zusätzliche Einsatzmöglichkeit der e-card als Bürgerkarte erhält Österreich darüber hinaus weltweit eine Vorreiterrolle bei der Einführung von E-Government-Anwendungen.
Bis zu 426 000 Transaktionen täglich werden inzwischen über das Gesundheitsnetz verwaltet. „Mit der e-card ist es uns gelungen, ein international bewundertes Vorzeigeprojekt zu schaffen, das allen Partnern mehr Service bietet und gleichzeitig ein wichtiger Meilenstein für E-Health und E-Government in Österreich ist“, sagte die österreichische Ge­sund­heits­mi­nis­terin Maria Rauch-Kallat zum Abschluss des Karten-Rollouts in Wien. Die erfolgreiche Einführung des Systems sei vor allem auf die gute Zusammenarbeit zwischen dem Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger als Auftraggeber des Projektes und dem Projektkonsortium (unter anderem Siemens Österreich, Telekom Austria und IBM sowie Giesecke & Devrient als Kartenlieferant) zurückzuführen, so die Ministerin. 42 Millionen Papierkrankenscheine jährlich müssen nicht mehr länger ausgestellt und archiviert werden. Der Verwaltungsaufwand in Arztpraxen und Sozialversicherungen sinkt dadurch erheblich. Nach Berechnungen des Rechnungshofs sollen sich die Investitionen von 116 Millionen Euro bereits in weniger als drei Jahren durch Einsparungen von 40 bis 50 Millionen Euro jährlich amortisieren.
„Ganz besonders freut uns die große Akzeptanz bei der Bevölkerung“, betonte Dr. Erich Laminger, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes. Nach einer vom Hauptverband in Auftrag gegebenen Begleitstudie befürworten 86 Prozent der Bevölkerung die Einführung der Chipkarte, 79 Prozent halten sie für besser als den alten Krankenschein (www.
hauptverband.at). „Auch die Stimmung bei den Ärzten ist als gut zu bezeichnen“, meinte Laminger. So halten 45 Prozent der befragten Ärzte das e-card-System für besser als den Papier-Krankenschein – 35 Prozent allerdings für eher schlechter. Laminger ist jedoch überzeugt, dass mit dem Normalbetrieb des Systems die Zustimmung bei den Ärzten noch steigen werde, denn nach der Umfrage stehen die Ärzte dem System nach der Einführung positiver gegenüber als vorher.
Tücken der Umsetzung
Foto:SVC,Wien
Foto:SVC,Wien
Auch wenn das österreichische Kartenprojekt vom Umfang her kleiner und auch technisch und organisatorisch weniger komplex ist als das deutsche Vorhaben, kann der Blick auf das Nachbarland, was die Tücken der Umsetzung betrifft, lehrreich sein. So teilen längst nicht alle Ärzte die Auffassung, dass der organisatorische und logistische Kraftakt „so gut wie pannenfrei“ verlaufen sei (Laminger), denn regional verliefen Installation und Betrieb des Systems – vor allem in der Anfangsphase – nicht immer reibungslos. Jürgen Schwaiger, der in der Lan­des­ärz­te­kam­mer Wien die e-card-Hotline betreut, macht dafür vor allem die mangelhafte Planung und Durchführung des Projekts, die durch den politisch motivierten Zeitdruck entstanden sei, verantwortlich. Zu den wesentlichen Fehlerquellen zählt er Schwierigkeiten bei der Koordination der Techniker und Provider, Systemabstürze nach der Erstinstallation und das „Kompetenzkarussell“ – die wechselseitige Schuldzuweisung zwischen Arztsoftwareanbietern und Providern bei Systemfehlern, die sich nicht durch die vom Hauptverband eingerichtete Hotline beheben ließen. „Der Support muss besser gelöst werden“, meint Schwaiger. Dennoch: „Das System ist in Ordnung – wenn es funktioniert.“
Dies bestätigt auch Dr. med. Milan Kornfeind, praktizierender Arzt für Allgemeinmedizin aus Trausdorf im Burgenland. Er hat als einer der ersten die e-card in seiner Praxis getestet und inzwischen ein Jahr Erfahrungen mit der Telematikplattform gesammelt. „In den ersten Monaten nach Einführung des Systems entsteht für die Arztpraxen zwar mehr Arbeitsaufwand, doch nach der Einarbeitungsphase verschafft die Lösung bei der Administration eine Erleichterung“, lautet sein Fazit. Auch die Zuverlässigkeit des Systems hat sich inzwischen verbessert: „Abgesehen von einigen kleineren, durch Stromschwankungen bedingten Ausfällen, während derer das System aber im Offline-Betrieb weiter genutzt werden konnte, und einem mehrstündigen Totalausfall des Netzes arbeitet das System weitgehend stabil.“ Beim Offline-Betrieb werden die Versichertendaten über die Gina-Box in der Arztpraxis lokal zwischengespeichert, bis sie wieder an das zentrale Rechenzentrum übermittelt werden können.
Für den Internisten Wawrowsky, der vor der e-card-Einführung bereits über eine gute EDV-Ausstattung verfügte, war die Installation zwar relativ problemlos, dafür finanziell aufwendig, weil er für die Integration des e-card-Systems in die Praxissoftware aufkommen musste. Der „Knackpunkt“ ist für ihn jetzt die Abrechnung mit dem neuen System. Gespannt wartet er auf die erste Quartalsendabrechnung, denn „dann muss sich zeigen, ob der Offline-Betrieb bei Netzausfällen auch korrekt funktioniert hat“.
Die nächsten Ausbaustufen des Systems werden bereits vorbereitet: 2006 sollen die Krankenhäuser und 2007 die Apotheker an das Netz angeschlossen werden. Im Probebetrieb sind bereits die Administration der Vorsorgeuntersuchungen und die landesspezifische elektronische Bewilligung von verschreibungspflichtigen Medikamenten durch die Kran­ken­ver­siche­rungen. Als weitere Anwendungen sollen die elektronische Überweisung und die Notfalldaten des Versicherten folgen. Ziel ist letztlich die „Elga“, die „elektronische lebenslange Gesundheitsakte“, in der die medizinischen Daten des Patienten zentral gespeichert werden sollen. Heike E. Krüger-Brand


e-card: Kombination aus Gesundheits- und Bürgerkarte
Auf der e-card werden ausschließlich administrative Daten, wie Name, Geburtsdatum, Versicherungsnummer und Versicherungsträger, gespeichert. Die Mikroprozessorchipkarte trägt kein Foto des Versicherten. Sie enthält auch keine medizinischen Daten, sondern dient lediglich als Schlüssel zum Gesundheitssystem. Auf ihrer Rückseite befindet sich (wie bei der deutschen Gesundheitskarte) die Europäische Kran­ken­ver­siche­rungskarte. Zusätzlich ist die e-card – anders als die deutsche Lösung – auch für die Verwendung als Bürgerkarte vorbereitet, sodass die Signatur- und Verschlüsselungsfunktionen der Chipkarte nach dem kostenfreien Erwerb eines Zertifikates auch als persönlicher elektronischer Ausweis genutzt werden können, um zum Beispiel Behördengänge online zu erledigen und elektronische Unterschriften zu leisten.
Die Vertragsärzte erhalten eine Ordinations-Chipkarte, mit der sie sich über ein geschlossenes Netz (GIN – Gesundheits-Informations-Netz) beim zentralen e-card-Rechenzentrum anmelden. Für den Zugang zum Gesundheitsnetz ist in der Arztpraxis nicht unbedingt ein Computer erforderlich – als technische Minimalvoraussetzung werden die Gesundheitsinformationsnetzadapterbox (Gina-Box), ein Lesegerät und ein Router benötigt. Diese Grundausstattung hat der Hauptverband finanziert; der Arzt musste für die Integration der e-card in bestehende Praxissoftware sowie für etwaige Umbaumaßnahmen aufkommen und trägt außerdem die Wartungs- und Leitungskosten.
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  • e-card: Ein Flop
    Dtsch Arztebl 2006; 103(22): A-1554 / B-1328 / C-1280
    Moro, Ivan

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