ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Prof. Dr. med. Detlev Ganten: „Ich erwarte einen erheblichen Aufschwung“

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Prof. Dr. med. Detlev Ganten: „Ich erwarte einen erheblichen Aufschwung“

Richter-Kuhlmann, Eva

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Prof. Dr. med. Detlev Ganten (64) leitet seit Februar 2004 die Charité – Universitätsmedizin Berlin, das mit 15 000 Mitarbeitern, 3 500 Betten und einem Jahresumsatz von einer Milliarde Euro größte Universitätsklinikum Europas.
Prof. Dr. med. Detlev Ganten (64) leitet seit Februar 2004 die Charité – Universitätsmedizin Berlin, das mit 15 000 Mitarbeitern, 3 500 Betten und einem Jahresumsatz von einer Milliarde Euro größte Universitätsklinikum Europas.
Optimistisch ins neue Jahr: Der Charité-Vorstandsvorsitzende plädiert für Eliteuniversitäten und mehr Unternehmergeist. Spätestens 2010 soll die Charité im alten Glanz erstrahlen.

Den Anweisungen des Fotografen während des Gesprächs mit dem Deutschen Ärzteblatt folgt Prof. Dr. med. Detlev Ganten freundlich und gelassen. Er ist Profi. Anstrengender sei es da schon gewesen, für ein Werbeplakat der Berlin Partner GmbH zu posieren, erzählt er. Als renommierter Hochdruckforscher sollte er in der Gemäldegalerie des Kulturforums Berlin einer antiken Statue den Blutdruck messen – und zwar ohne störende Kunstfreunde im Hintergrund. Deshalb startete das Fotoshooting bereits morgens um fünf Uhr und endete erst sechs Stunden später. Das Ergebnis entschädigte für den Aufwand: „Ein viel versprechender Befund. In keiner Metropole Europas wird so viel geforscht wie in Berlin . . .“, heißt es in der internationalen Imagekampagne der Stadt, für die sich Ganten zur Verfügung stellte. Schließlich entspricht sie seinen Visionen. Und die vertritt Ganten vehement.
Während für viele Highschool-Absolventen in den USA der Hochschultraum Harvard, Yale oder Princeton heißt, hofft Ganten, dass die fusionierte Charité – Universitätsmedizin Berlin als eines der bedeutendsten Universitätsklinika Europas in naher Zukunft eine vergleichbare Anziehungskraft auf den europäischen Ärztenachwuchs ausübt. „Spätestens zur 300-Jahr-Feier 2010 erstrahlt das Universitätsklinikum wieder im alten Glanz“, prognostiziert Ganten, der dabei auf Eliteuniversitäten auch in Deutschland setzt: „Maximal drei bis fünf Hochschulen können in der ganzen Breite herausragend sein“, betont der Vorstandsvorsitzende der Charité. Man müsse sich auf wenige Elitehochschulen konzentrieren, „auch wenn es natürlich wünschenswert ist, dass möglichst viele Universitäten sehr gut sind“. Ganten scheut sich nicht, das Tabu-Wort „Elite“ zu benutzen, das der Forschungsinitiative der Regierung vor zwei Jahren zum Verhängnis wurde. Damals hatte die SPD für durch den Bund geförderte Spitzenuniversitäten plädiert, während die Union Exzellenznetzwerke favorisierte, bei denen statt ganzer Hochschulen nur einzelne Fakultäten und Fachbereiche gefördert werden sollten. Die Forschungsinitiative der Bundesregierung scheiterte im Bundesrat, weil die CDU-Mehrheit den Gesetzentwurf ablehnte.
Bald könnte Gantens Vision, zumindest ansatzweise, Realität werden. Denn in diesem Jahr startet die Exzellenzinitiative, auf die sich Bund und Länder nach mehr als einem Jahr Stillstand doch noch im vergangenen Sommer einigten (vermutlich aus der Sorge heraus, nach der vorgezogenen Bundestagswahl könne das Geld für die Hochschulen noch knapper werden). Für Ganten ist sie ein Schritt in die richtige Richtung: „Ich erwarte einen erheblichen Aufschwung für Wissenschaft und Forschung“, sagt er, wenngleich er den Kompromiss, bei dem zehn Universitäten besonders gefördert werden sollen, nur als „erste Etappe“ auf dem Weg zu Eliteuniversitäten in Deutschland sieht.
Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
Die Pläne im Detail: Zunächst fünf Jahre lang wollen Bund und Länder insgesamt 1,9 Milliarden Euro zusätzlich für die drei Förderlinien der Exzellenzinitiative bereitstellen. Innerhalb der ersten Linie sollen 40 Graduiertenschulen, die Doktoranden auf höchstem wissenschaftlichen Niveau betreuen, mit jeweils einer Million Euro pro Jahr gefördert werden. Innerhalb der zweiten Linie sollen 30 „Exzellenzcluster“ (bestehend aus Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen) und innerhalb der dritten Linie maximal zehn Eliteuniversitäten zusätzliche Mittel erhalten. „Ich bin für einen ausgeprägten Wettbewerb unter den Eliten“, betont Ganten. Dies sei ein Prozess, der über zehn bis 15 Jahre wachsen müsse. Die immer wieder geäußerte Sorge, dass eine Zweiklassengesellschaft innerhalb von Bildung und Forschung entstehen könnte, teilt der Vorstandsvorsitzende der Charité dabei nicht: „Solange der Wettbewerb bleibt, kann das nicht passieren.“
Ihre Antragsskizzen haben die Universitäten im vergangenen Jahr eingereicht. 27 Hochschulen kämpfen damit nicht nur um die Finanzmittel, sondern auch um das Image einer Eliteuniversität. Gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft wählt der Wissenschaftsrat gegenwärtig die Besten aus, die nach der Sitzung des Rates Ende Januar bekannt gegeben werden sollen.
Dass die Charité gute Chancen als förderungswürdige Hochschulen hat, steht für ihren Vorstandsvorsitzenden außer Frage. Als Garanten dafür nennt der Wissenschaftler und Manager die vielfältigen Kooperationen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen. Eingereicht habe die Hochschule einen Erfolg versprechenden Antrag im Bereich „Lebenswissenschaft“, der besonders auf Immunologie und Infektiologie fokussiert sei. Eine positive Evaluation erhofft Ganten aber auch bei der Bewerbung um die Förderung einer Graduiertenschule zum Thema „Regenerative Medizin“. „Ein Drittel der geförderten Projekte könnte aus den Bereichen Medizin und Biologie kommen“, prognostiziert er.
Gute Wissenschaft und Forschung setzt motivierte ärztliche Mitarbeiter voraus. Angesprochen auf die Streiks und Proteste Tausender Charité-Ärzte in der letzten Novemberwoche 2005, verweist der Vorstandsvorsitzende auf die finanzielle Situation „seines“ Unternehmens. Bis zum Jahr 2010 müsse die Charité dauerhaft 98 Millionen Euro jährlich einsparen. Dies hat das Berliner Abgeordnetenhaus gesetzlich festgelegt. Erschwerend komme hinzu, dass das Fallpauschalensystem Maximalversorger systematisch benachteilige. Den jährlichen Verlust durch die Umstellung auf das DRG-System beziffert der Vorstandsvorsitzende auf mehr als 50 Millionen Euro. Ganten: „Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass insbesondere die Ärzte mit ihrer finanziellen Situation nicht zufrieden sind. Aber wir können nur das Geld ausgeben, das wir haben.“
Einen Haustarifvertrag für Ärzte, wie von der „Ärzteinitiative Charité“ gefordert, gibt es an der Charité vorerst nicht. Man wolle erst abwarten, ob sich der Marburger Bund und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) auf einen arztspezifischen Tarifvertrag einigen können, und diesen dann eventuell übernehmen (das Land Berlin war Anfang 2003 aus der TdL ausgestiegen).
Ganten betont: „Wir haben ein großes Interesse daran, die Charité in besonderer Weise für junge, sehr gute Ärzte attraktiv zu machen und mehr zu bieten als eine reine Fachweiterbildung.“ Ziel sei es dabei auch, Unternehmergeist in die Charité hineinzubringen: „Wir organisieren Gründerseminare, bringen die jungen Ärzte in Kontakt mit Unternehmern und sorgen dafür, dass sie auch einmal eine Zeit lang
im Ausland arbeiten können.“ So sollen die Nachwuchswissenschaftler auf das „wirkliche Leben“ vorbereitet werden: „Was wir wollen, ist eine kreative, unternehmerische Akademikerschaft.“ Finanziert werden sollen diese Projekte über die neue „Stiftung Charité“. Deren Gründungskapital stammt vor allem von der Unternehmerfamilie Quandt. Wie viel Geld diese der Charité-Stiftung spendet, darüber schweigt sich Ganten (noch) aus. Es handele sich jedoch um eine „erhebliche Summe“.
Stichwort: privates Kapital. Es dürfe nicht sein, dass die Kombination von öffentlich-rechtlichen Einrichtungen mit privaten Geldgebern primär erst einmal verdächtig sei, meint Ganten mit Blick auf die Privatisierung des Universitätsklinikums Marburg und Gießen. „Wir haben sehr viel privates Kapital im Land, das derzeit anderweitig investiert wird“, merkt der 64-Jährige an. Wenn dieses Geld künftig in zukunftsorientierte Projekte fließe, nämlich in die Forschungs- und Bildungsförderung wie jetzt in Marburg und Gießen, so sei dies sehr, sehr sinnvoll: „Es wird immer gefordert, ihr müsst privates Kapital mobilisieren, ihr müsst Technologietransfer leisten – Wissen zu Geld und Geld zu Wissen –, aber wenn es dann einmal dazu kommt, ist der Aufschrei groß.“ Andererseits sei eine Privatisierung der Universitäten keine generelle Lösung für die Finanzmisere des Staates.
Vorbehalte gibt es auch immer noch gegen die Umstrukturierung der Charité, die Ganten im Frühjahr 2004 auf den Weg gebracht hat. Kernstück des neuen Unternehmenskonzepts ist die Neugliederung der 128 Kliniken und Institute in 17 „CharitéCentren“. „Da knackt und knirscht es noch an vielen Stellen“, weiß auch der Vorstandsvorsitzende. Es gebe erhebliche Widerstände, „weil es einfach nicht mehr so weitergeht wie früher“. Dies betreffe alle Mitarbeiter und natürlich auch die Ordinarien: „Die Professoren erhalten alle akademischen Freiheiten.“ Aus wirtschaftlichen und strukturellen Gründen müssten sie sich aber in die Gesamtstrategie einpassen.
„Wir haben ein Unternehmenskonzept, das der Charité dient und das zukunftsfähig ist“, ist Ganten überzeugt. Dass es ohne die Zentrenbildung nicht gehe, werde inzwischen überwiegend akzeptiert: „Trotz aller Schwierigkeiten arbeiten die meisten Ärztinnen und Ärzte gerne an der Charité. Denn sie wissen, dass die exzellente Leistung und der gute Name Karrierechancen mit sich bringen, die an anderen Universitätskliniken so nicht gegeben sind.“
Jens Flintrop, Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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