ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Medizinstudierende: Frust – statt Lust zum Heilen

POLITIK

Medizinstudierende: Frust – statt Lust zum Heilen

Richter-Kuhlmann, Eva

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Medizinstudierende wenden sich erstmals an die Presse: „Immer mehr Absolventen verlassen Deutschland.“ Foto: Georg J. Lopata
Medizinstudierende wenden sich erstmals an die Presse: „Immer mehr Absolventen verlassen Deutschland.“ Foto: Georg J. Lopata
Die Arbeitsbedingungen, mangelnde Kinderbetreuungsmöglichkeiten und fehlende Perspektiven sind einer Umfrage zufolge die Hauptgründe für das Abwandern junger Ärzte ins Ausland.

Es sollte den Verantwortlichen zu denken geben, wenn man im dritten Semester schon einen Norwegisch-Kurs besucht“, meint ein Student der Humanmedizin. Ein anderer schreibt: „Unter den aktuell gegebenen Umständen käme es nicht für mich in Betracht, einer Tätigkeit in einer deutschen Klinik nachzugehen“ – typische Kommentare aus einer Online-Umfrage der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD). Die Ergebnisse der Umfrage, für die der BVMD die Meinung von mehr als 3 600 Medizinstudierenden in Deutschland zwischen Juni und November 2005 analysierte, stellte die Studierendenvertretung gemeinsam mit der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) am 11. Januar in Berlin vor. „Noch nie haben sich Medizinstudierende in dieser Weise öffentlich für ihre Zukunft engagiert“, würdigte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der BÄK, die Aktivitäten der Nachwuchsmediziner.
In der Tat ist es das erste Mal, dass sich Studierende der Medizin mit ihrer Kritik an den Arbeitsbedingungen und ihren Forderungen an die breite Öffentlichkeit wenden und ein großes Medienecho finden. Während sie früher mit einer Niederlassung in einer freien Praxis oder einer Krankenhauskarriere rechnen konnten, sind jetzt die Arbeitsbedingungen sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor ungewiss. Den Absolventen müssten wie-
der Anreize geboten werden, fordert auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Nach ihren Zahlen entschieden sich 2003 24 Prozent gegen eine Ausbildung zum Arzt im Praktikum in Deutschland (1998 waren es lediglich 16 Prozent). „Die Medizinstudierenden würden gerne in Deutschland ärztlich tätig werden, sehen sich aber durch die schlechten Arbeitsbedingungen oft gezwungen, Jobs in medizinnahen Berufsfeldern oder im Ausland anzunehmen“, bestätigte Maike Wilk, Bundeskoordinatorin der Arbeitsgemeinschaft Gesundheitspolitik des BVMD.
Dabei sind angehende Mediziner durchaus gern bereit, Zeit und Energie in den Arztberuf zu investieren – wenn sie vernünftige Arbeitsbedingungen vorfinden. Auch dies geht aus der Umfrage hervor. Knapp die Hälfte der Studierenden möchte kurativ im Krankenhaus tätig werden, ein Drittel in einer Praxis. Lediglich jeweils drei Prozent der Studierenden sehen ihr Arbeitsziel in einem alternativen Berufsfeld oder in der Forschung. Bis zu 50 Stunden pro Woche würden mehr als die Hälfte der angehenden Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus arbeiten, weitere 16 Prozent auch bis zu 60 Stunden. Unbezahlte Überstunden aber wollen 40 Prozent auf keinen Fall und 58 Prozent nur unter Umständen leisten. Kritisiert wurden neben der hohen Arbeitsbelastung ohne Bezahlung vor allem zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse, der hohe Bürokratieaufwand sowie die Gefährdung von Patienten durch übermüdete Ärzte.
Ein Hauptgrund für Absolventinnen und Absolventen, gar nicht oder zumindest nicht in Deutschland ärztlich tätig zu werden, ist die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 86 Prozent wünschen sich Kinder, zugleich halten 79 Prozent der Befragten es jedoch derzeit für schwierig oder sehr schwierig, den Kinderwunsch mit dem Beruf zu vereinbaren. Ein Großteil der Befragten wünscht sich deshalb familienfreundlichere Rahmenbedingungen durch geregelte Arbeitszeiten, die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit sowie Kinderbetreuungsmöglichkeiten am Krankenhaus.
Auch Ärzte wollen Kinder
Um Beruf und Familie zu vereinbaren, sind Studierende auch gern bereit, den Ort zu wechseln. „Für mich ist eine klinikinterne Kinderbetreuung, wie sie in anderen Ländern üblich ist, überaus wichtig“, heißt es im Kommentarteil. Bei einem Frauenanteil in der Medizin von 60 Prozent und der sich entwickelnden Kinderlosigkeit unter Akademikern sei das ein längst überfälliges Thema. „Ich denke, die Wahl meines Arbeitsplatzes werde ich auch unter diesem Gesichtspunkt treffen müssen.“
Entscheidend bei der Arbeitsplatzsuche ist für etwa 90 Prozent der Befragten ferner eine Entlastung bei Verwaltungsaufgaben. Wichtig sind den Studierenden zudem der Ruf des Krankenhauses, die Persönlichkeit des Chefarztes, gute Fortbildungsmöglichkeiten, das Betriebsklima im Krankenhaus und ein partnerschaftlicher Umgang mit den Vorgesetzten. Nur geringe Priorität haben dagegen das Renommee des Chefarztes, die Möglichkeit zur Forschung und die Nähe zur Heimatstadt. „Die Politik und die Krankenhausträger sollten solche Aussagen ernst nehmen“, warnte Hoppe. Die Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte müssten sich grundlegend verbessern, sonst breche der Nachwuchs auf breiter Front weg. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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