ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Doping im Freizeitsport: Akne ist häufig ein Hinweis auf Abusus

MEDIZINREPORT

Doping im Freizeitsport: Akne ist häufig ein Hinweis auf Abusus

Dtsch Arztebl 2006; 103(3): A-98 / B-84 / C-84

Zylka-Menhorn, Vera

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Foto:Vario-Press
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Illegale Verschreibung und Abgabe von anabol-androgenen Substanzen durch Ärzte und Apotheker

Die Doping-Welle hat längst den Breitensport erfasst und eine bedenklich hohe Prävalenz erreicht. Nach einer aktuellen Studie der Universität Tübingen haben 13,5 Prozent der Besucher von Fitnessstudios mindestens einmal anabol-androgene Steroide (AAS) genommen. Besonders häufig entscheiden sich Männer im Alter zwischen 21 und 25 Jahren für eine Leistungssteigerung durch Medikamente; sie nehmen dabei in Kauf, dass der pharmakologische Eingriff in den Organismus von unerwünschten Effekten begleitet wird. „Durch den heute üblichen Abusus werden Ärzte der verschiedensten Fachrichtungen mit Nebenwirkungen der anabol-androgenen Steroide konfrontiert, die sich intern und extern manifestieren“, erklärte Prof. Dr. med. Bodo Melnik (Universität Osnabrück) bei dem 30. Interdisziplinären Forum „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundes­ärzte­kammer in Berlin.
Ein markantes äußeres Zeichen des „Freizeitsport-Dopings“ sei die Akne, die sich bei 50 Prozent der Abuser entwickelt. „Sie sollte unbedingt als Indikator eines Medikamentenmissbrauchs erkannt werden“, betonte Melnik. Der Dermatologe kritisierte, dass Doping von Teilen der Ärzte- und Apothekerschaft nicht nur billigend hingenommen, sondern sogar aktiv gefördert werde: „Es ist sehr bedenklich, dass jeder zweite Zugang (48,1 Prozent) zu anabol-androgenen Steroiden durch approbierte Vertreter der Heilberufe erfolgt und damit legalisiert erscheint“, sagte Melnik. Die nichttherapeutische Verordnung von AAS sei bereits 1998 anhand der Lübecker Studie belegt worden und habe kürzlich durch die Tübinger Studie eine Bestätigung erfahren. „Die ärztliche Fürsorgepflicht wird hier nachhaltig verletzt und sollte Anlass zu einer breiten Debatte des Themas in der Ärzteschaft sein“, so Melnik.
Im Rahmen der Lübecker Studie, bei der 24 Fitnessstudios in Schleswig-Holstein und Hamburg befragt worden waren, hatten 24 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen angegeben, anabol wirkende Medikamente zu sich zu nehmen. Als Bezugsquelle gaben die Anwender damals Bekannte (56 Prozent), Mitsportler (53 Prozent), die Apotheke (16 Prozent), den Arzt (14 Prozent) und den Trainer (12 Prozent) an. Nach den jüngsten Daten des Instituts für Sportmedizin der Universität Tübingen aus einer bundesweiten Befragung von 113 Fitness-Einrichtungen hat die fördernde Rolle der Ärzte beim Missbrauch deutlich zugenommen (32,1 Prozent).
„Kuren“ aus dem Internet
Als „besorgniserregend“ bezeichnet Melnik den Handel mit verbotenen „Muskelmachern“ im Internet. Auf zahlreichen Internet-Portalen werden Bezugsquellen angegeben, Beschaffungsmöglichkeiten beschrieben sowie Dosierung, Gebrauch und Wirksamkeit der Pharmaka erläutert. Die überwiegende Zahl der Freizeitsportler nimmt verschiedene Präparatekombinationen über eine Zeitraum von fünf bis zehn Wochen als „Kur“ ein. Durchschnittlich kommen während eines Behandlungszyklus drei verschiedene Substanzen zur Anwendung, deren Dosis bis zur Mitte des Einnahmezeitraums erhöht und zum Ende wieder erniedrigt wird. Dabei wird die physiologische Substitutionsdosis deutlich – um den Faktor 5 bis 29 – überschritten.
Nach der Lübecker Studie dominieren bei den oralen Präparaten die Wirkstoffe Stanozolol, Methandrostenolon und Oxandrolon. Bei den parenteral verabfolgten AAS wurden Stanozolol, Testosteronönantat und -decanoat und das Nandrolon favorisiert. Striegel et al. (2006) schätzen, dass Besucher von Fitness-Einrichtungen in Deutschland jährlich etwa 85 Millionen Euro für anabol-androgene Substanzen ausgeben. Die Hauptmotivation zur Einnahme von AAS ist die Identifikation Jugendlicher und junger Erwachsener mit den durch die Massenmedien suggerierten Körperidealen.
Gefährliche kardiovaskuläre Nebenwirkungen (wie der plötzliche Herztod von Athleten) und psychische Veränderungen werden im „world wide web“ allerdings ebenso verschwiegen wie pathologische Veränderungen der Leber und des Lipidstoffwechsels. So heißt es beispielsweise unter www.bodybuilding-online.com: „Nebenwirkungen bei diesem Programm sollten keine auftreten, unter Umständen ein paar Pickel – aber das wär’s dann schon.“
Dermatologen bezeichnen diese Veränderungen als „handfeste“ Doping-Akne. Das Spektrum ihrer klinischen Erscheinungsformen reicht von der Erstmanifestation einer Akne, über die Exazerbation einer präexistenten Acne vulgaris bis zum Bild einer Acne conglobata oder dem plötzlichen Auftreten einer Acne fulminans. „Gleichzeitiges Auftreten von psychischen Veränderungen, Gynäkomastie, Striae distensae, Ödemen und verminderten Hodenvolumen untermauern die klinische Verdachtsdiagnose einer Doping-Akne“, erklärte Melnik.
Darüber hinaus induzieren AAS das Auftreten von Hypertrichosis, Hirsutismus, androgenetischer Alopezie, seborrhoischer Dermatitis sowie Hautinfekten einschließlich Furunkulose. Bereits bestehende Hautkrankheiten, wie die Psoriasis vulgaris, können exazerbieren. Gesichert wird die Diagnose des Medikamentenmissbrauchs durch den Nachweis der Substanzen und deren Metabolite im Urin; neuerdings auch durch die Untersuchung von Haarproben mittels Gaschromatographie-Massenspektrometrie.
Die wichtigste Maßnahme bei Doping-Akne ist die sofortige Beendigung der exogenen Zufuhr der AAS. Die Therapie der Läsionen entspricht den allgemein gültigen Therapierichtlinien der verschiedenen Akneformen. Hierfür stehen evidenzbasierte pharmakologische Substanzen zur Verfügung, die gezielt an den pathogenetischen Faktoren – Seborrhö, follikuläre Hyperkeratose (Komedonen), mikrobielle Wucherung (Propionibakterien) und Entzündung – angreifen. So wirken systemische Retinoide und die (nur bei Frauen einsetzbaren) systemischen Antiandrogene sebostatisch, topische Retinoide und Azelainsäure antikomedogen und Benzoylperoxid und Antibiotika antimikrobiell.
UV-Therapie gilt als obsolet
„Bei sachgerechter Kombination, Dosierung und Anwendungsdauer lassen sich selbst bei schweren Verläufen der Erkrankung innerhalb weniger Monate gute therapeutische Erfolge erzielen“, erklärte Prof. Dr. med. Klaus Degitz (Universität München) und wies darauf hin, dass Antibiotika weder systemisch noch topisch als Monotherapie eingesetzt werden sollten, da dies Antibiotikaresistenzen fördere. Außerdem empfahl Degitz, eine Reihe älterer therapeutischer Prinzipien zu verlassen, da für sie keine kontrollierten Studien vorlägen, die den heutigen Kriterien entsprechen. Hierzu zählen die Behandlungen mit Schwefel, Schieferöl, Hefeextrakten, Chlorhexidin, topischem Zink, Phenol und Resorcin. Auch für die lange Zeit propagierte Therapie mit UV-Strahlung gebe es nach heutigen Erkenntnissen, unabhängig vom karzinogenen Risiko, keine Rationale mehr. „UV-Strahlen haben zwar einen kosmetischen Effekt, da sie die Entzündung hemmen, die A-Fraktion fördert jedoch die Komedogenese“, sagte Degitz.
Fazit: Unter der Tarnung des positiven Aspekts körperlicher Fitness hat sich ein lukrativer Anabolika-Schwarzmarkt etabliert, der eine Gesundheitsgefährdung junger Erwachsener darstellt. Neben den gefährlichen kardiovaskulären und psychotropen Langzeitnebenwirkungen stellt die Akne eine wichtige Indikatorerkrankung dar. Darüber hinaus besteht die Gefahr der Abhängigkeit von androgenen Steroiden und der Bahnung weiteren Drogenkonsums. Die illegale Verschreibung dieser Substanzen erfolgt nach den Daten der Tübinger Studie bei einem Drittel der Abuser durch Ärzte. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn


Zur Pathophysiologie der Doping-Akne
Anabol-androgene Steroide (AAS) sind Derivate des Testosterons. AAS führen zu einer Hypertrophie der Talgdrüsen, verbunden mit vermehrter Sebumproduktion, gesteigerter Bildung von Hautoberflächenlipiden und Vermehrung der Population von Propionibacterium acnes. Der Wirkungsmechanismus der AAS ist von chemischen Modifikationen der einzelnen Derivate abhängig, da diese die Affinität der Androgenrezeptorbindung und die Interaktion mit verschiedenen steroidmetabolisierenden Enzymen und Transportproteinen (Sexualhormon bindendes Protein) beeinflussen. AAS mit hoher Bindungsaffinität zum Androgenrezeptor gelten als stark wirksame Androgene, wie beispielsweise 19-Nortestosteron und Metenolon, Substanzen mit niedriger Bindungsaffinität zum Androgenrezeptor als schwache Androgene wie Stanozolol oder Fluoxymesteron.
Einige AAS, wie beispielsweise Oxymetholon, binden nicht an den Androgenrezeptor und wirken über andere Mechanismen. Androgenrezeptoren konnten in Sebozyten nachgewiesen werden. Nicht unbedeutend ist die enzymatische Konversion einzelner AAS durch steroidmetabolisierende Enzyme der Talgdrüsen. So kann die 5-alpha-Reduktase AAS-Metabolite mit höherer Rezeptorbindungsaffinität bilden. Auch das androgene Prohormon Dehydroepiandrosteron (DHEA) spielt in der Pathogenese der Akne eine Rolle, da es durch die in Sebozyten vorkommende 3-beta-Hydroxysteroiddehydrogenase und 5-alpha-Reduktase in das potente Dihydrotestosteron umgewandelt werden kann.

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