ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Nordkorea: Mit dem Reisigbesen ins Atomzeitalter

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Nordkorea: Mit dem Reisigbesen ins Atomzeitalter

Jachertz, Norbert

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Pjöngjang: Lebende Bilder zu Ehren der Partei Fotos (2): Norbert Jachertz
Pjöngjang: Lebende Bilder zu Ehren der Partei Fotos (2): Norbert Jachertz
„Juche“ erzieht zur großen Familie. Energieversorgung wird zum Kern(energie)problem. Wie nötig ist Nahrungshilfe?

Pjöngjang, die Hauptstadt Nordkoreas, hat zwar eine fünftausendjährige Geschichte, aber kaum historische Denkmäler. Im Koreakrieg, der zwischen 1950 und 1953 die koreanische Halbinsel überzog, wurde die Stadt in Schutt und Asche gebombt. Auf Fotos aus der Nachkriegszeit sieht Pjöngjang aus wie Dresden oder Köln im Jahr 1945. Ein großes mittelalterliches Stadttor ragte 1953 noch aus den Trümmern hervor.
Die Stadt wurde danach kompromisslos modern aufgebaut. Und so überrascht sie mit sechsspurigen Alleen und mit Hochhäusern von 20, 25 oder 30 Geschossen, großen Wohnmaschinen für die 2,7 Millionen Einwohner. Eine aufgeräumte Stadt. Sauber gefegt. Mit dem Reisigbesen. Der ist landauf, landab im Einsatz, selbst auf der Autobahn, angepasste Technologie, einfach und wirkungsvoll.
Der Autoverkehr auf den breiten Straßen ist spärlich. Eine ruhige Großstadt, ohne Staus. Dennoch regeln an jeder größeren Kreuzung Polizistinnen den Verkehr. Pjöngjang wirkt auch deshalb so ruhig und aufgeräumt, weil es keine Reklame gibt, abgesehen von der politischen: Transparente und Monumente. Die Spruchbänder wurden neuerdings etwas zurückgenommen, die Mahnmale und Triumphbögen ragen unverändert gewaltig und einschüchternd.
Nicht minder gewaltig wirkt die Mobilisierung der Bevölkerung. Als die herrschende Arbeiterpartei im Oktober ihr 60-jähriges Bestehen beging, formierten sich Hunderttausende zu einem Fackelzug in den Aufmarschstraßen und zu lebenden Bildern auf dem zentralen Platz, der nach Staatsgründer Kim Il-Sung benannt ist. Wochenlang wurde dafür geübt, Menschenscharen eilten nachmittags durch die Straßen, um zu ihren Aufstellplätzen zu gelangen und so lange zu üben, bis jede Bewegung saß.
Die lebenden Bilder, verblüffend in ihrer Präzision, aber auch befremdlich, sobald einem bewusst wird, dass Menschen wie kleine Bausteine bewegt werden, gehören zu den Spezialitäten Nordkoreas. Die Erfahrungen aus den politischen Bildern werden auch genutzt für unglaubliche Folkloreveranstaltungen im 150 000 Personen umfassenden Stadion der Stadt: etwa 30 000 Mitwirkende schildern in Bild und Choreographie die Geschichte des Landes, seine Schönheiten und revolutionären Errungenschaften. Auch Ausländer, vorwiegend Südkoreaner, sind hier gern gesehen, wegen der Devisen, aber auch, um ihnen voller Stolz ein perfektes Schauspiel zeigen zu können.
Kim Il-Sung und Kim Jong-Il: Die Führer weisen den Weg.
Kim Il-Sung und Kim Jong-Il: Die Führer weisen den Weg.
Die Mobilisierung der Menschen ist Teil einer ständigen Erziehung, die von der Staatsideologie „Juche“ verordnet wird. Juche sieht die Gesellschaft als große Familie, die von einem Vater geleitet wird. Diese Großfamilie ist bedacht auf die Autarkie des Landes und auf Wachsamkeit gegen innere und äußere Feinde. Symbolisiert wird Juche durch große Obelisken, die im Zentrum jeder Stadt und jedes Dorfes stehen. Der größte in Pjöngjang misst 170 Meter und gleicht einer Riesenfackel.
Auffallender als die ideologische Erziehung ist die Ausrichtung auf die beiden Führer, den 1994 verstorbenen Kim Il-Sung – er ist der „Große Führer“ – und seinen Sohn, Kim Jong-Il, er wird „der General“ genannt. Der „Große Führer“ wurde zwei Jahre nach seinem Tod zum Präsidenten auf Ewigkeit ernannt und genießt quasi-religiöse Verehrung. Zu seinem gläsernen Sarg, tief im Inneren eines kolossalen Mausoleums, pilgern die Menschen, Delegationen aus fernen Landen und Touristen eingeschlossen. Der „General“ kann nun zwar nicht Präsident sein, er besetzt als Chef der Streitkräfte und Generalsekretär der Partei aber die beiden einflussreichsten Positionen. Vater und Sohn werden bei jeder Gelegenheit zitiert, denn sie hatten und haben stets und zu allem Wegweisendes zu sagen. Ihre Doppelporträts finden sich in jedem Büro, jedem Krankenhaus gleich mehrfach. In öffentlichen Gebäuden hängen
in eigens dafür gebauten, blumengeschmückten Nischen große Gemälde mit Vater und Sohn vor koreanischer Landschaft – Vater weist mit ausgestrecktem Arm nach vorn, der Sohn folgt mit verständigem Blick. Eine offenbar neuere Variante billigt auch dem Sohn die wegweisende Geste zu.
Nur spärlich fließt der Verkehr auf den breiten Straßen Pjöngjangs. Foto: Grit Patzig
Nur spärlich fließt der Verkehr auf den breiten Straßen Pjöngjangs. Foto: Grit Patzig
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Bombe gegen Reaktor
Gegenwärtig macht Nordkorea allerdings mehr durch seine Atompolitik von sich reden. Anfang November ist in Peking eine weitere Runde der Sechsergespräche zu Ende gegangen. An ihr sind Nord- und Südkorea, China, Japan, Russland und die USA beteiligt. Im Prinzip hatte Nordkorea zuvor schon, am 19. September, einer Regelung zugestimmt, nach der die gesamte koreanische Halbinsel atomwaffenfrei sein soll. Im Gegenzug erwartet das Land Leichtwasserreaktoren für die Stromerzeugung. Um dieses Gegengeschäft wird vor allem zwischen den USA und Nordkorea gepokert, bisher ohne abschließendes Ergebnis. Anfang 2006 soll weiter verhandelt werden.
Ob im Land der Reisigbesen die Voraussetzungen für die Atomwaffenproduktion gegeben sind oder gar die Bombe schon eingelagert ist, ist heftig umstritten.
Nahrung und Energie
Der Vize-Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Volksrepublik, Choe Chang-Sik, betonte bei einem Gespräch mit einer deutschen Medizinerdelegation, sein Land sei nur an der friedlichen Nutzung der Kernenergie interessiert. Von der Lösung der Energieprobleme hänge die industrielle Entwicklung seines Landes ab. Die Versorgung mit Energie ist in der Tat katastrophal. Jeder Besucher spürt das auf Schritt und Tritt: dunkle Städte, spärlich beleuchtete Wohnungen, Stromausfälle, notdürftige Überlandleitungen, Benzinmangel. In der Provinz sind noch weniger Autos zu sehen als in der Hauptstadt und wenn, dann meist Lastwagen, und die sind häufig solche der Armee, die in diesem Land, das sich im permanenten Kriegszustand sieht, bevorzugt wird.
Folklore: 30 000 Mitwirkende schildern in perfekter Choreographie die Geschichte des Landes. Foto: Danilo Melis
Folklore: 30 000 Mitwirkende schildern in perfekter Choreographie die Geschichte des Landes. Foto: Danilo Melis
Energiemangel und Nahrungserzeugung hängen eng zusammen. Ohne
Energie keine intensive Landwirtschaft. Und die braucht ein Land, dessen Anbaufläche schmal ist und das kaum Devisen hat, um am Weltmarkt zuzukaufen. Eine Fahrt in die Provinz lässt die Probleme ahnen: Ein gebirgiges Land, jede ebene Fläche bebaut, die Felder werden in Handarbeit bestellt. Nur selten ist ein leichter Traktor auszumachen. Den Transport besorgen Ochsenkarren. Viele Menschen schleppen große Lasten.
Trotz mangelnder Technik und knappen Düngers war in diesem Jahr die Ernte gut. Die Regierung hat denn auch prompt die Welthungerhilfe, die größte Hilfsorganisation im Land, aufgefordert, auf weitere Nahrungsspenden zu verzichten. Hunger sei ein vorübergehendes Problem gewesen. Vize-Minister Choe erinnerte daran, dass 1995 und 1996 extreme Wetterlagen einander abgelöst hätten: Starkregen, gefolgt von Dürre.
Absage an die Kontrollen
Die Welthungerhilfe war nicht entzückt, hinauskomplimentiert zu werden. Ihrer Meinung nach ist ein Drittel der Bevölkerung (manchmal ist auch von zehn Prozent oder von sieben Prozent zu lesen) mangelernährt. Unter Mangelernährung versteht die Welthungerhilfe nicht nur Mangel an Reis, sondern auch an Ölen oder Vitaminen. Die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zählt in ihrem am 22. November 2005 veröffentlichten Jahresbericht Nordkorea zu den Ländern mit Mangelernährung. Die FAO-Statistiken sind indes nicht taufrisch, sondern enden 2003.
Was stimmt und wer Recht hat, ist schwer auszumachen. Eine Rolle in dem Hunger- oder Nicht-Hungerdrama spielt auch der nationale Stolz der Koreaner: Man möchte nicht betteln. Doch gibt es wohl auch einen sicherheitspolitischen Grund, auswärtigen Helfern die kalte Schulter zu zeigen. Die Welthungerhilfe versucht nämlich, verständlicherweise, wie auch andere Organisationen, die Verteilung von Gütern zu kontrollieren. Das geht recht weit. Die Welthungerhilfe hatte 2004 ihre Kontrollbesuche auf rund 500 pro Monat ausgeweitet und erst nach Protesten heruntergefahren. Bei den Kontrollen wurden Familien (wie üblich im Beisein von Funktionären der Regierung oder Partei) befragt, nicht nur nach der Ernährung, sondern auch nach Einkommen und sonstigen Lebensumständen. Einem Staat, der gewohnt ist, seine Bürger selbst intensiv zu kontrollieren und der auf seine Souveränität eifersüchtig bedacht ist, müssen solche Kontrollen suspekt gewesen sein.
Wie auch immer, die Ernährung ist zurzeit ausreichend, im nächsten Jahr vielleicht nicht. Die koreanische Geschichte berichtet immer wieder von Hungersnöten. Das liegt an der Landesnatur, die durch moderne Technik zwar überlistet werden kann. Die aber muss bezahlt werden können. Norbert Jachertz

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