ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Ein kleines Kapitel Medizingeschichte: Einige Tage „Gastchirurgie“ in der HNO-Klinik Pjöngjang

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Ein kleines Kapitel Medizingeschichte: Einige Tage „Gastchirurgie“ in der HNO-Klinik Pjöngjang

Eichhorn, Thomas

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Zum Teil verfolgten die nordkoreanischen Kollegen in Zweierreihen den Ablauf des Geschehens während der OP. Foto: Danilo Melis
Zum Teil verfolgten die nordkoreanischen Kollegen in Zweierreihen den Ablauf des Geschehens während der OP. Foto: Danilo Melis
Am 4. Oktober 2005 folgte der Besuch der Universitäts-HNO-Klinik in Pjöngjang. Hier trafen wir zwei Ärzte, die bereits von April 2002 bis März 2003 in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie am Carl-Thiem-Klinikum Cottbus hospitiert hatten. Der Chefarzt der Klinik und der stellvertretende leitende Arzt des Universitätskrankenhauses, der selbst Chirurg ist und in den folgenden Tagen als wesentlicher Ansprechpartner fungierte, nahmen uns sehr freundlich auf.
Ein Untersuchungsraum war mit einer modernen HNO-Untersuchungseinheit ausgestattet, die auch ein Untersuchungsmikroskop sowie eine Lupenendoskopie mit Videoübertragung auf einen Monitor zuließ. Dieses Gerät hatten wir vor vier Jahren bei unserem ersten Besuch in Nordkorea noch nicht gesehen, es symbolisierte für uns den auch in anderen Bereichen unübersehbaren Fortschritt in diesem Klinikum.
Drei Patienten waren für Mittelohroperationen vorgesehen. Der Operationstrakt bestand aus vier oder fünf einfach ausgestatteten Räumen, in denen während der nächsten Tage unregelmäßig parallel zu unserem Saal operiert wurde. Am nächsten Morgen richteten wir zusammen mit den um unser Wohl emsig besorgten OP-Schwestern und Ärzten den OP-Tisch. Wir entschieden uns, für die mikrochirurgischen Eingriffe das bei unserem früheren Aufenthalt aus Cottbus gelieferte OP-Mikroskop zu verwenden, wobei leider der diesmal von uns mitgebrachte Mitbeobachtertubus nicht funktionierte, sodass ich bei den nachfolgenden Operationen nach den einzelnen Arbeitsschritten immer wieder innehalten musste, um den ausgesprochen interessierten Kollegen nacheinander auf binokularem Wege den Einblick auf den Operationssitus zu ermöglichen.
Die begleitende Vollnarkose der Patienten funktionierte komplikationslos und ließ keine Wünsche offen. Die Helligkeit der Lampe des Operationsmikroskopes war technisch bedingt allerdings deutlich geringer, als ich es sonst gewohnt bin.
Alle Patienten wiesen neben den vorhandenen Defekten im Mittelohr eine erhebliche Tympanosklerose auf. Die Eingriffe konnten in gewohnter Weise durchgeführt und in der Regel mit dem Einsatz einer Mittelohrhörprothese, die wir ebenfalls mitgebracht hatten, abgeschlossen werden. Die stets sehr zahlreich anwesenden nordkoreanischen Kollegen bewiesen bei den parallel geführten Gesprächen, die von unseren offiziellen koreanischen Reisebegleitern übersetzt wurden, gute fachliche Kenntnisse und eine umfassende Übersicht über den gegenwärtigen Forschungsstand. Bei einer Schlussbesprechung nach der Operation wurde uns mitgeteilt, dass wir wohl die ersten Mittelohroperationen in diesem Land durchgeführt und damit ein kleines Kapitel „Medizingeschichte“ geschrieben hätten.
Für den nächsten Tag bat man uns, eine Laryngektomie vorzunehmen. Man stellte mir dazu drei Patienten vor, die alle an erheblich fortgeschrittenen Kehlkopfkarzinomen erkrankt waren. Auf einen derart umfangreichen Eingriff waren wir instrumenten- und apparatetechnisch eigentlich nicht vorbereitet. Doch glaubten wir, nach intensivem Abwägen der Risiken, uns nicht verweigern zu dürfen.
Wir planten, vor der eigentlichen Operation zunächst noch einmal eine mikroskopische Exploration des Tumorgebietes in Intubationsnarkose vorzunehmen. Wegen der Übergröße der Geschwulst gelang keine Intubation. Bei einer eintretenden Blutung aus der Tumorregion wurde dann wegen drohender Sauerstoffentsättigung eine Nottracheotomie notwendig, die mithilfe aller im OP Anwesenden in Minutenschnelle durchgeführt werden konnte und mit dem Einsatz des Beatmungstubus ausreichende Sicherheit für den Patienten schuf. Anschließend folgte, dann wieder unter „normalen“ Bedingungen, die Laryngektomie mit rechtsseitiger modifiziert funktioneller Neckdissection bei Verdacht auf Vorliegen einer regionären Lymphknotenmetastase und die linksseitige Gefäßscheidenrevision, ebenfalls mit Entnahme mehrerer Lymphknoten. Es wurden mir zwei jüngere nordkoreanische Kollegen – einer von ihnen habe ein Jahr Weiterbildungszeit in Zürich absolviert – als Assistenten zur Seite gestellt, die ihre Aufgabe sehr gut bewältigten. Außerdem konnten nach der Einarbeitung am Vortage die einheimischen OP-Schwestern bereits auf Blickkontakt hin helfend tätig werden.
Die Operation dauerte knapp sieben Stunden und verlief in allen Phasen problemlos. Über weite Strecken verfolgten die Kollegen in Zweierreihen den Ablauf des Geschehens. Angeblich sind die Operationen zusätzlich über eine an der OP-Lampe angebrachte Kamera in einen Nachbarraum übertragen worden.
Das Tracheostoma wurde von mir so weit angelegt, dass auch bei fehlendem Einsatz einer Kanüle kaum die Gefahr einer narbigen Stenose entstehen dürfte. Aktuell haben wir uns mit dem Einsatz eines gekürzten Intubationstubus beholfen. Nach der OP wurde der Patient sehr schnell auf die normale Bettenstation verlegt, wo er uns am nächsten Morgen als Zeichen seiner Dankbarkeit den hoch gestreckten Daumen entgegenhielt.
Zum Schluss unserer OP-Woche in der Universitätsklinik kam von allen Seiten deutlich zum Ausdruck, dass man sich über unseren Besuch gefreut hat und fachliche Anregungen aufnehmen will. Man bat uns inständig, auch weiterhin Hilfe zu leisten.
Prof. Dr. med. Thomas Eichhorn
CTK Cottbus, Thiemstraße 11, 03048 Cottbus
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