ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Medizineraustausch: Fenster nach draußen

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Medizineraustausch: Fenster nach draußen

Jachertz, Norbert

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Vize-Minister für Gesundheit, Prof. Choe Chang- Sik: Jährlich könnten etwa zehn Ärzte zur Fortbildung nach Deutschland gehen. Foto: Karsten Vilmar
Vize-Minister für Gesundheit, Prof. Choe Chang- Sik: Jährlich könnten etwa zehn Ärzte zur Fortbildung nach Deutschland gehen. Foto: Karsten Vilmar
Erfolgreiche Privatinitiative von Ärzten

Erstmals im Jahr 2001 kamen Ärzte aus Nordkorea nach Deutschland, um neue Entwicklungen in der Medizin kennen zu lernen und Operationsverfahren oder Diagnosetechniken einzuüben. Die Initiative zu diesem Medizinerprogramm ging von Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, dem ehemaligen Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, und Prof. Dr. med. T. S. Lie aus. Lie, der aus Südkorea stammt, arbeitete als Chirurg an der Universität Bonn. Die beiden gründeten die Deutsch-Koreanische Association für Medizin, wobei „koreanisch“ für die Demokratische Volksrepublik Korea steht.
Innerhalb von fünf Jahren gelang es der Assoziation, etwa 40 Ärzten aus Nordkorea einen mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland zu vermitteln. Idee des Austausches ist es, den nordkoreanischen Kollegen Medizin, so wie sie an großen Kliniken in Deutschland betrieben wird, nahe zu bringen. Nach Rückkehr geben diese Ärzte (und einige wenige Ärztinnen) ihre Kenntnisse an die Kollegen zu Hause weiter. Zugleich wird so auch für Medizintechnik aus Deutschland und überhaupt Deutschland als eine Heimat hoch entwickelter Medizin geworben. Lie und Vilmar sehen ihr Programm als Investition in die Zukunft. Nordkorea sei zwar ein armes Land, aber es habe Entwicklungspotenzial.
Auf einem Symposium am 3. Oktober 2005 im Universitätsklinikum von Pjöngjang, der Hauptstadt Nordkoreas, trafen gut 20 dieser Ärzte, die in den letzten Jahren in Deutschland gewesen sind, mit Vertretern der Assoziation zusammen. Die koreanischen Ärzte berichteten durchweg von guten Erfahrungen und von neu gewonnenen Kenntnissen. Für eine Reihe von Ärzten scheint der Deutschland-Aufenthalt zudem die Karriere beflügelt zu haben.
Unverhohlen berichteten die Ärzte aber auch – trotz der Anwesenheit hoher Funktionäre – über manche Probleme, ihre neuen Kenntnisse zu Hause optimal umzusetzen. Bei dem Symposium in Pjöngjang schälten sich schnell zwei kritische Punkte heraus: technische Engpässe und fehlende Schulung. Technische Engpässe bei der Anwendung von Hightech-medizin betreffen häufig nur Kleinigkeiten, etwa ein fehlendes Kabel. Soweit Ersatzteile im Land selbst nicht produziert werden können, und das ist in der Regel so, müssen sie im Ausland beschafft werden. Dafür fehlen aber die Devisen.
Engpass zwei, die Schulung. Selbst wenn in Deutschland etwa die Anwendung von CT, Mammograph, Augenlaser oder Endoskop kennen gelernt und geübt wurde, so bedarf es für den Routineeinsatz in Nordkorea weiterer Schulung und gezielten Trainings. Dazu ist nicht nur die schlichte Benutzung der Geräte zu lernen, sondern auch und insbesondere die Auswertung der Ergebnisse, etwa der bildgebenden Verfahren.
Die Auswahl der Ärzte für das Austauschprogramm nimmt in erster Linie das nordkoreanische Ge­sund­heits­mi­nis­terium vor. In der Vergangenheit kamen durchweg Ärzte mit einer soliden medizinischen Ausbildung und fachlicher Weiterbildung zum Zuge. Geachtet wurde auch auf deutsche Sprachkenntnisse. Die müssen von den Ärzten in aller Regel eigens für den Aufenthalt erworben werden, da Deutsch in den Schulen normalerweise nicht gelehrt wird.
Der Staat ist an dem Medizinerprogramm sehr interessiert, so abgeschottet Nordkorea ansonsten auch sein mag. Doch die Zeiten wandeln sich, langsam, aber beharrlich werden die Fenster geöffnet. Bei dem Besuch der deutschen Delegation bekräftigte der Vize-Minister für Gesundheit, Prof. Choe Chang-Sik, dass man das Programm unbedingt weiterführen möchte. Der Minister denkt an jährlich etwa zehn Ärzte, die nach Deutschland gehen können.
Erstmals in diesem Jahr gaben zwei deutsche Ärzte in Nordkorea selbst Kenntnisse und Erfahrungen weiter. Prof. Dr. med. Thomas Eichhorn aus Cottbus operierte an drei Tagen in der HNO-Klinik der Universität mikroskopisch im Ohr und am Kehlkopf. Er wurde unterstützt von einer Operationsschwester aus seiner Klinik, Grit Patzig, die nebenbei eine kleine Fortbildung in OP-Organisation vermitteln konnte. Die Endoskope hatte Karl Storz gespendet. Prof. Dr. med. Gerd Auffahrt von der Universitäts-Augenklinik Heidelberg referierte in Pjöngjang in einer Augenklinik, die neu eröffnet worden war, über moderne Entwicklungen der Kataraktchirurgie. Rund 20 Augenärzte folgten der Fortbildung. Der Vize-Minister regte schließlich an, solche Fortbildung vor Ort systematisch zu fördern. Er prüft, deutsche hoch qualifizierte Ärzte nach Nordkorea einzuladen. Norbert Jachertz


Interesse am Austausch?
Wer interessiert ist, koreanische Kolleginnen oder Kollegen für einige Monate in Deutschland fortzubilden oder umgekehrt bereit ist, in Nordkorea Ärzte an Ort und Stelle fortzubilden, kann sich mit Prof. Dr. med. T. S. Lie, dem Generalsekretär der Deutsch-Koreanischen Association für Medizin, in Verbindung setzen. Anschrift: Adolfstraße 9–11, 53111 Bonn, Telefon: 02 28/63 93 91, Fax: 02 28/63 93 94.
Spenden ...
... an die Deutsch-Koreanische Association
für Medizin sind steuerbegünstigt, Konto: 206 790 000, BLZ: 370 800 40, Dresdner Bank, Bonn. Die private Initiative ist auf Spenden angewiesen, um weiterarbeiten zu können.
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