ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Arbeitszeitgesetz: Erschreckende Unkenntnis
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LNSLNS Ich halte es schon für eine ziemliche Unverfrorenheit, wenn ein Kollege, der nach eigenen Angaben seit 28 Jahren Chefarzt ist oder wahrscheinlich eher war, seit dieser Zeit ein Mehrfaches des Gehaltes seiner Assistenten kassiert hat, die Bereitschaft seiner Assistenten lobt, täglich unentgeltlich Mehrarbeit zu leisten. Von einer Fürsorgepflicht des Vorgesetzten für seine Mitarbeiter hat Dr. Kleen noch nie etwas gehört. Stattdessen muss das Deckmäntelchen des ärztlichen Ethos für alles herhalten. Doch für das ärztliche Ethos kann sich niemand etwas kaufen, ebenso wenig wird das ärztliche Ethos die Ruinierung unserer Gesundheit aufhalten. Hat sich Dr. Kleen einmal gefragt, warum die ärztliche Lebenserwartung unter dem allgemeinen Durchschnitt liegt. Seine Ansicht, 24 Stunden bis 36 Stunden „ohne große Probleme“ durchzuarbeiten, offenbart ein erschreckendes Maß an Unkenntnis der Arbeits- und Personalverhältnisse in deutschen Krankenhäusern. Ich arbeite als Oberarzt in der Anästhesieabteilung eines Hauses der Maximalversorgung. Mittlerweile haben wir Assistenzärzte im Alter von über 50 Jahren. Dr. Kleen ist so etwas aus seiner prähistorischen Zeit unbekannt. Es entzieht sich wahrscheinlich seiner Vorstellungskraft, wie jemand, der 50 Jahre oder älter ist, aussieht und sich fühlt, wenn er 24 Stunden oder 36 Stunden durchgearbeitet hat? Wie kann er es mit seinem ärztlichen Ethos vereinbaren, dass seine ach so geschätzten Mitarbeiter in den Folgejahren einen Hypertonus, Schlafstörungen, Depressionen, Suchtprobleme etc. entwickeln werden, ganz zu schweigen von gescheiterten Ehen und Partnerschaften? Wie kann er es mit seinem ärztlichen Ethos vereinbaren, Patienten von jemandem behandeln zu lassen, dessen Handlungsfähigkeit dem eines Menschen mit einem Blutalkoholspiegel von einer Promille entspricht? . . . Zum Leserbrief von Frau Dr. Kretzschmar gibt es mehrere Dinge anzumerken. Frau Dr. Kretzschmar möchte gerne über die vom Europäischen Gerichtshof festgelegte Obergrenze der wöchentlichen und täglichen Arbeitszeit hinaus arbeiten. Hat sie sich schon einmal Gedanken über den Sinn von Arbeitszeitbeschränkungen gemacht? Es gibt bestimmt viele LKW-Fahrer, die gerne „in einem Rutsch“ von, sagen wir, Litauen nach Spanien fahren würden. Aber sie dürfen es nicht. Aus gutem Grund. Öfter als uns lieb ist, fährt ein schwerer LKW in ein Stauende . . . Dass viele Ärzte auf ein Zubrot durch Mehrarbeit angewiesen sind, ergo erst durch das zusätzliche Arbeiten an den Wochenenden und in den Nächten ein der Qualifikation und Verantwortung eines Arztes entsprechendes Gehalt erzielen, ist erstens beschämend, und zweitens Ausdruck dafür, dass die ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus hierzulande im Vergleich mit anderen Berufen und im Vergleich mit anderen europäischen Ländern schlecht vergütet wird. Das gilt es zu ändern.
Dr. med. Carsten Alpert,
Grüner Weg 18, 58511 Lüdenscheid
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