ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Musikermedizin: Angst vor dem falschen Ton

VARIA: Feuilleton

Musikermedizin: Angst vor dem falschen Ton

Dtsch Arztebl 2006; 103(3): A-134 / B-116 / C-116

Bettge, Ulla

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Fotos: Institute of Music Physiology and Musicians’ Medicine (IMMM) Ein Querflötenspieler, umgeben von Bewegungskameras im Motoriklabor
Fotos: Institute of Music Physiology and Musicians’ Medicine (IMMM) Ein Querflötenspieler, umgeben von Bewegungskameras im Motoriklabor
Untersuchungen belegen, dass zwischen 39 und 87 Prozent der Berufsmusiker über gesundheitliche Probleme klagen.

Generationen von unlustigen Klavier- und Geigenschülern haben es wohl geahnt: Stundenlanges Üben am Instrument ist ungesund, und die Nachricht ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert häufen sich mit Beginn der Spezialisierung und Intensivierung der Übungszeiten Berichte über spezielle gesundheitliche Beschwerden prominenter Musiker. Berühmtes Opfer seiner Begabung wurde Robert Schumann, der nach dem Klavierstudium unter chronischen Bewegungsstörungen der rechten Hand litt, die ihn zwangen, seine Karriere als Konzertpianist aufzugeben und auf Komponieren umzustellen.
Die damals noch seltene Erkrankung ist heute als Musikerkrampf oder fokale Dystonie weit verbreitet und kann bei Musikern aller Instrumentengattungen auftreten. Prof. Eckart Altenmüller, Musikhochschule Hannover: „Diese Störung feinmotorischer Bewegungsabläufe ist zu einem der zentralen Themen der Musikermedizin geworden.“ Ein Begriff, der selbst noch jung und erst seit zwei Jahrzehnten Gegenstand öffentlichen Interesses ist. Ähnlich wie die Sport-medizin, bei der es um die Gesundheitsversorgung von Sportlern geht, hat sich von den USA aus auch in Europa das Fach Musikermedizin etabliert. Es ist bisher allerdings an keiner medizinischen Fakultät oder Universitätsklinik in Deutschland vertreten. Der einzige Lehrstuhl für Musikermedizin in Hannover ist an der dortigen Musikhochschule angesiedelt.
Das neu gegründete Freiburger Institut für Musikermedizin ist in seiner Art einmalig. Gemeinsam widmen sich Musikhochschule, medizinische Fakultät und Uniklinik den speziellen Gesundheitsproblemen von Musikern. Das vom Land Baden-Württemberg mitfinanzierte Projekt wird sich neben der fachspezifischen medizinischen Behandlung von Sängern und Instrumentalisten auch in Forschung und Lehre der Prävention von Musikerkrankheiten widmen.
Die Beteiligten sind sich einig, dass sich das Fachgebiet Musikermedizin in Deutschland in einem rasanten Tempo entwickelt, sodass es nicht übertrieben erscheint zu sagen, dass im Vergleich mit anderen europäischen Ländern diesem interdisziplinären Bereich eine Vorreiterrolle zukommt. Und das war wohl auch an der Zeit. Studien zeigen, dass zwischen 39 und 87 Prozent der Berufsmusiker über gesundheitliche Probleme klagen. Das gilt für klassische Musiker mehr als für die Jazz-, Rock- und Popszene, aber auch für viel Übende wie zum Beispiel Gitarristen, Pianisten und Geiger sowie für Spieler von großen, schwer zu haltenden Instrumenten wie Bratsche oder Fagott.
Bei einer Pianistin wurde mithilfe eines EEGs die Veränderung der Großhirnvernetzung durch das Erlernen des Klavierspiels gemessen.
Bei einer Pianistin wurde mithilfe eines EEGs die Veränderung der Großhirnvernetzung durch das Erlernen des Klavierspiels gemessen.
Eher überraschend für schöngeistige Liebhaber klassischer Kompositionen: Hinter der gehörten Klangharmonie verbergen sich bei den Vortragenden häufig chronische Schmerzen, Verlust der feinmotorischen Kontrolle (Musikerkrampf), Hörstörungen und Ängste. Hoher äußerer Erwartungsdruck, innerer Perfektionszwang sowie unmittelbare und äußerst kritische Kontrolle durch das eigene und das Gehör des Publikums erzeugt bei Musikern Stress und Lampenfieber. Altenmüller: „50 Prozent aller Musiker und 70 Prozent aller Studierenden der Musik leiden unter Aufführungsängsten, die sie bedrohen, und die oftmals zum Abbruch der Karriere führen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung treten Angstsymptome bei Musikern etwa dreimal so häufig auf.“ Noch nicht wirklich erforscht, aber nachgewiesen: Die Schallqualität – nicht die Lautstärke – ist entscheidend für das menschliche Ohr. Altenmüller: „Hoch strukturierter Schall in der klassischen Musik belastet bei gleichem Schalldruckpegel das Gehör sehr viel weniger als wenig strukturierter Schall von Heavy Metal und unstrukturierter Industrieschall.“
Mit der Prävention im Bereich Musikermedizin hapert es noch. Nur 17 Prozent der Orchestermusiker waren in Umfragen der Auffassung, von ihren Ausbildungsinstituten ausreichend auf den beruflichen Alltag vorbereitet worden zu sein. Altenmüller: „Der Umgang mit beruflichen Stressoren und mit dem eigenen Körper sollte an Konservatorien und Musikhochschulen thematisiert und in Kursen praktisch geübt werden.“ Ulla Bettge
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