ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Fellowship Kinderchirurgie in Alabama: Exzellente Weiterbildung

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Fellowship Kinderchirurgie in Alabama: Exzellente Weiterbildung

Dtsch Arztebl 2006; 103(3): A-148 / B-128 / C-128

Muensterer, Oliver J.

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Fotos: MEV-Verlag [m]
Fotos: MEV-Verlag [m]
Nach fünf Jahren als kinderchirurgischer Assistent in Deutschland hatte ich die Möglichkeit, für ein Jahr als Fellow in Pediatric Surgery am Children’s Hospital der University of Alabama at Birmingham zu arbeiten. Der dortige Direktor der Klinik hatte sich als Pionier der laparoskopischen Kinderchirurgie und als Erfinder spezieller Techniken einen Namen gemacht. Unter anderem beschrieb Dr. Keith Georgeson erstmalig die minimalinvasive Korrektur des Morbus Hirschsprungs und der Analatresie. Außerdem hat das Children’s Hospital eine der größten pädiatrischen Einheiten für Kinder mit Verbrennungen im Südosten der USA und deckt mit seinem Traumazentrum den gesamten Staat Alabama ab. Auf der neonatologischen Intensivstation wird
neben Hochfrequenzbeatmung auch extrakorporale Membranoxygenierung durchgeführt.
Die Facharztweiterbildung verläuft in Amerika sehr strukturiert. Zum Kinderchirurgen sind zunächst fünf Jahre Allgemeinchirurgie erforderlich, gefolgt von einer zweijährigen Fellowship in Kinderchirurgie. Nicht mal 30 solcher Weiterbildungsplätze stehen pro Jahr in den USA zur Verfügung.
Das Team der Abteilung besteht aus dem Klinikdirektor, fünf Oberärzten, drei Fellows und drei bis vier rotierenden Residents aus anderen Abteilungen. Die drei Fellows sind für die 50 bis 70 Patienten zuständig, schmieden auf der morgendlichen Visite die Tagespläne, operieren die anspruchsvolleren Fälle unter Anleitung der Oberärzte und assistieren den Residents bei einfacheren Operationen. Sie organisieren die Fortbildungsveranstaltungen und teilen sich die Nacht- und Wochenenddienste.
Die Arbeitsbedingungen für die Fellows und Residents sind hart. Im Schnitt arbeitete ich 93 Stunden wöchentlich. Dabei gab es nur 15 Tage Urlaub im Jahr. Wenn einer der Fellows im Urlaub war, hatten die anderen jede zweite Nacht Dienst, ohne am nächsten Tag vor 17 Uhr nach Hause gehen zu können. Die Arbeitsbedingungen haben sich allerdings seit meiner Rückkehr deutlich verbessert. Nach den aktuellen Vorgaben dürfen die Fellows nur noch maximal 80 Stunden pro Woche arbeiten, müssen am Morgen nach dem Nachtdienst nach Hause gehen und können im Monatsdurchschnitt nicht häufiger als jede dritte Nacht Dienst haben.
Das Spektrum der Abteilung umfasst die gesamte Kinderchirurgie außer der Urologie, der Neurochirurgie und der orthopädischen Unfallchirurgie. Die Endochirurgie ist der Schwerpunkt der Klinik. Alle dort arbeitenden Oberärzte sind minimalinvasive Spezialisten. Auch die technische Ausstattung der Operationssäle ist vom Feinsten. Operateur, Assistent, Pflegepersonal und Studenten verfolgen die Eingriffe auf Flachbildschirmen. Die Geräte wie Lichtquelle, Kamera und Insufflator werden vom Operateur sprachgesteuert. Das Instrumentarium ist stets in Ordnung, gewartet und komplett.
Dem horrenden persönlichen und zeitlichen Einsatz der Fellows steht eine exzellente Weiterbildung gegenüber. Wie in den USA üblich, versteht sich jede Operation als Trainingseinheit für den jeweiligen Assistenten. Greift ein Oberarzt doch einmal direkt in den operativen Ablauf ein, so ist es üblich, sich dafür beim Assistenten zu entschuldigen und die Initiative so rasch wie möglich wieder an ihn zu übertragen. Das Ergebnis sind gut ausgebildete und erfahrene Fellows. So habe ich in dem einen Jahr Fellowship in Birmingham mehr als 830 Eingriffe selbst durchgeführt, während ich in den fünf Jahren deutscher Assistenzarztweiterbildung nur 730- mal operieren durfte.
Integraler Bestandteil der Fellowship sind die regelmäßigen Konferenzen und Fortbildungsveranstaltungen. Neben Pathologiekonferenz, Journal Club, Grand rounds und Forschungspräsentationen ist die Besprechung über Morbidity and Mortality eine der wichtigsten Veranstaltungen. Hier muss man als Assistent in zweiwöchentlichen Abständen Rechenschaft ableisten über Komplikationen, mit denen man konfrontiert war oder für die man mit die Verantwortung trägt. Sachlich, ohne persönliche Angriffe, werden hier Fehler analysiert, um diese künftig zu vermeiden.
Obwohl in Birmingham viele Operationen minimalinvasiv durchgeführt werden, belief sich der Anteil meiner endochirurgischen Eingriffe auf 40 Prozent. Dadurch, und durch den Vergleich mit meiner Arbeit in Deutschland, meine ich, einen soliden subjektiven Vergleich zwischen offener und minimalinvasiver Technik in Bezug auf postoperative Schmerzen, Rekonvaleszenz und Morbidität anstellen zu können. Für mich besteht kein Zweifel, dass Kinder nach minimalinvasiven Operationen im Vergleich zur offenen, konventionellen Technik viel schneller wieder fit sind, viel weniger Schmerzen haben und weniger Komplikationen wie Bauchwandhernien, Wundinfekte und sekundäre Skoliosen erleiden. Daher ist es für mich eine Frage des ethischen Selbstverständnisses, Kinder minimalinvasiv zu operieren.
Finanziell sind die Fellows nicht unbedingt gut gestellt. Dienste und Überstunden werden nicht bezahlt; das Gehalt wird als eine Art Stipendium verstanden. Ich verdiente rund 2 900 Dollar monatlich netto, von denen 350 Dollar für die Kran­ken­ver­siche­rung und 1 200 Dollar für die Miete draufgingen. Als Resident und Fellow verdient man in den USA kaum genug zum Überleben. Meine Kollegen haben zum Teil bis zu 1 000 Dollar pro Monat zusätzlich aufgenommen, um den Lebensunterhalt ihrer Familien bestreiten zu können. Allerdings: Am Ende dieses sehr langen, sehr dunklen Tunnels erwartet sie ein umso helleres Licht, denn die Anfangsgehälter für einen Kinderchirurgen belaufen sich in den USA auf 200 000 bis 300 000 Dollar pro Jahr.
Die Atmosphäre unter den Ärzten der Abteilung ist sehr offen. Von Anfang an wurde ich als neuer Fellow akzeptiert und respektiert. Auch persönlich kommt man sich in Birmingham näher als in Deutschland. Wir erhielten immer wieder Einladungen vom Chef und von den Oberärzten nach Hause und zu Festen. Trotz der enormen Arbeitsbelastung bin ich immer gerne in die Klinik gegangen, denn ich hatte jederzeit das Gefühl, gut ausgebildet und respektiert zu werden. Für mich hat sich dieser Einsatz sowohl beruflich wie auch privat gelohnt. Dr. med. Oliver J. Muensterer
E-Mail: oliver.muensterer@med.uni-muenchen.de
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