ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2006Lebensversicherung: Der Rechnungszins sinkt

Versicherungen

Lebensversicherung: Der Rechnungszins sinkt

Dtsch Arztebl 2006; 103(3): [127]

Löwe, Armin

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LNSLNS Es steht so gut wie fest: Die Mindestverzinsung in der Lebensversicherung wird zum 1. Januar 2007 weiter reduziert. Die Deutsche Aktuarvereinigung hat eine entsprechende Empfehlung gegeben.

Die Lebensversicherung ist eine Säule in der privaten Altersvorsorge, vor allem für Bundesbürger, die keine Ansprüche auf eine gesetzliche oder betriebliche Rente haben. Ein Eckpfeiler ist dabei die Zinsgarantie, die die Lebensversicherungsgesellschaften aussprechen.
Unlängst hat die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) vorgeschlagen, die Garantieverzinsung herabzusetzen. Nach den Vorstellungen der DAV soll die von den Versicherungsgesellschaften garantierte Mindestverzinsung von derzeit 2,75 Prozent auf 2,25 Prozent ab dem 1. Januar 2007 gesenkt werden. Die DAV ist die berufsständische Vertretung von 2 300 Versicherungsmathematikern, die kontrollieren, ob die Versicherungen bei der Berechnung der Tarife die gesetzlichen Regelungen und Vorschriften einhalten und die Risiken richtig kalkulieren.
Da das Bundesfinanzministerium und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in der Regel den Empfehlungen der DAV folgen, ist davon auszugehen, dass die Mindestverzinsung mit Wirkung vom 1. Januar 2007 weiter reduziert wird. Diese lag in der Zeit von 1994 bis Mitte 2000 noch bei vier Prozent.
„Mindestverzinsung“ ist eine irreführende Bezeichnung
Wenn die Garantieverzinsung gesenkt wird, erregt dies großes Aufsehen – zum Teil auch deshalb, weil oft falsche Vorstellungen über deren Bedeutung herrschen. Verkürzende Schlagzeilen wie die „Lebensversicherungen stellen Zinsgarantien infrage“ (Financial Times Deutschland) tun ein Übriges. Gemeint war nicht, dass das Geschäftsmodell der Lebensversicherung mit ihrer garantierten Mindestverzinsung auf den Prüfstand gestellt wird, sondern eben die Höhe der Mindestverzinsung.
Zunächst einmal gilt die reduzierte Garantieverzinsung (im Fachjargon: Rechnungszins) nicht für die Altverträge, sondern nur für Versicherungen, die nach dem 1. Januar 2007 abgeschlossen werden. Für die bis dahin unterzeichneten Versicherungsverträge gilt die derzeit aktuelle Mindestverzinsung von 2,75 Prozent. Entscheidend für die Höhe der Mindestverzinsung ist immer der Zeitpunkt des Vertragsabschlusses.
Die Bezeichnung Mindestverzinsung ist irreführend. Es handelt sich dabei nicht um den Zinssatz, den die Versicherungen mindestens vergüten müssen, sondern um einen garantierten Zins, der nicht überschritten werden darf. Die Bezeichnung Rechnungszins ist weniger verwirrend für einen Zins, den die Versicherungen im Höchstfall garantieren dürfen.
Die wahrscheinliche Reduzierung des Garantiezinses ist die Folge der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Die Assekuranz darf nicht mehr an Zins den Versicherten vergüten, als an den Finanzmärkten zu erzielen ist. Sonst versprechen sie mehr, als sie halten können. Nach den gesetzlichen Vorschriften ist bei der Berechnung der Garantieverzinsung von der Umlaufrendite der öffentlichen Anleihen im Euro-Raum mit zehnjähriger Laufzeit auszugehen. Die liegt derzeit bei etwa 3,5 Prozent, für das Gesamtjahr 2005 wird die durchschnittliche Rendite auf 3,3 Prozent geschätzt. Die Mindestverzinsung soll nicht mehr als 60 Prozent vom Zinssatz festverzinslicher Staatsanleihen betragen.
Unter Berücksichtigung verschiedener Szenarien für die zukünftige Zinsentwicklung spricht sich die Aktuarvereinigung für einen Höchstzinssatz ab dem Jahr 2007 von 2,25 Prozent aus. Würden die Versicherer dauerhaft zu hohe Garantien gewähren, bestünde die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit. Die Sicherheit, dass die Garantien auch für Verträge mit Laufzeiten von 40 bis 60 Jahren eingehalten werden können, hat Vorrang. Der Rechnungszins hat demnach den Zweck, im Interesse der Versicherten die Bonität der Versicherungen sicherzustellen und die Unternehmen daran zu hindern, im Wettbewerb um neue Kunden mehr zu versprechen, als sie langfristig halten können.
Der Rechnungszins ist ein Höchstzins, den die Assekuranz garantieren darf. Hinzu kommen die jährlichen Überschussbeteiligungen. Diese haben drei Quellen:
- Der Sterblichkeitsverlauf der Versicherten war günstiger als kalkuliert, der Todesfallschutz wurde weniger oft in Anspruch genommen,
- die Kosten für Vertrieb und Verwaltung waren niedriger als in den Tarifen unterstellt, und
- aufgrund einer erfolgreichen Anlagepolitik konnten höhere Kapitalerträge erzielt werden als angenommen.
Es gibt auch Tarife, die eine geringere Mindestverzinsung garantieren, als üblich ist. Dafür können die Versicherten auf eine höhere Überschussbeteiligung hoffen. Denn jede Garantie kostet Geld. Wenn weniger garantiert werden muss, können die Vermögensmanager der Versicherungen auch riskantere Anlagen etwa in Aktien vornehmen, die langfristig eine höhere Rendite versprechen, aber nicht unbedingt in jedem Kalenderjahr die erforderliche Mindestverzinsung bringen. Die britischen Lebensversicherungen zum Beispiel kennen keine Mindestverzinsung, legen einen höheren Anteil des Deckungsstocks in Aktien an und erzielen auf lange Sicht zweistellige Renditen.
Im Vorfeld der Senkung des Garantiezinses werden die Versicherungsvermittler wieder eine Art Schlussverkaufsstimmung erzeugen, um Lebensversicherungsverträge mit der alten (höheren) Garantieverzinsung zu verkaufen. Aber ob die Gesamtrendite bei diesen Altverträgen höher ist als bei den neuen, ist durchaus nicht sicher. Die Ratingagentur Assekurata ermittelte, dass von den Kürzungen der Überschussbeteiligungen, die in den letzten Jahren vorgenommen wurden, besonders jene Tarife betroffen waren, die mit einer Mindestverzinsung von vier Prozent ausgestattet sind. Ein Fünftel der Lebensversicherungen hat nach Feststellungen der Assekurata auf die Verträge mit einer Mindestverzinsung von vier Prozent überhaupt keine laufende Überschussbeteiligung mehr vergütet.
Auch Gesamtrendite rückläufig
Wie bei der Garantieverzinsung zeigt der Trend auch bei der Gesamtrendite wegen reduzierter Überschussbeteiligungen nach unten. Konnten die Kunden sich vor zehn Jahren noch über eine Rendite ihrer Lebensversicherungen von sieben und mehr Prozent freuen, mussten sie 2003 mit nur noch 4,84 Prozent und im letzten Jahr 4,43 Prozent vorlieb nehmen. Dabei ist zu berücksichtigen: Der Satz bezieht sich nicht auf den gesamten Kapitaleinsatz, also die Prämien des Versicherten, sondern nur auf den Teil der Prämien, der für die Kapitalanlage zur Verfügung steht. Das sind nach einer Faustformel nur rund 60 Prozent der Beiträge. 40 Prozent werden für den Vertrieb, die Verwaltung und für den Todesfallschutz abgezweigt. Armin Löwe
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