ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2006Die Basis begehrt auf: Widerstand gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen regt sich auch fernab der „großen Politik“ in Berlin.

POLITIK

Die Basis begehrt auf: Widerstand gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen regt sich auch fernab der „großen Politik“ in Berlin.

Dtsch Arztebl 2006; 103(4): A-157 / B-137 / C-137

Korzilius, Heike

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200 Ärzte und Helferinnen beteiligten sich am Protestmarsch in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Fotos: Eberhard Hahne
200 Ärzte und Helferinnen beteiligten sich am Protestmarsch in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Fotos: Eberhard Hahne
Vielleicht ist das das Besondere an den derzeitigen Ärzteprotesten: Sie erschöpfen sich nicht in Appellen und zentralen Kundgebungen der verschiedenen Berufsverbände und ärztlichen Organisationen. Bundesweit gehen inzwischen auch diejenigen Ärztinnen und Ärzte auf die Straße, die nicht berufspolitisch organisiert sind. „Das ist eine Basisaktion“, sagt Dr. med. Carl Meinke. Der Augenarzt aus Bad Neuenahr-Ahrweiler hat als Vorsitzender der Kreisärzteschaft zusammen mit dem Ärztenetz Mittelahr den Protestmarsch seiner Kolleginnen und Kollegen am 18. Januar koordiniert. 50 Praxen, schätzt Meinke, blieben an diesem Tag im Ahrtal geschlossen. Das ist gut die Hälfte. Es ist für die Kleinstadt ein beeindruckender Zug, der sich am frühen Morgen von Ahrweiler nach Bad Neuenahr in Bewegung setzt. Rund 200 Ärzte und deren Helferinnen machen sich – symbolisch ahrabwärts – trotz Schneeregens und eisiger Temperaturen auf den Weg, um ihrem Frust über unzumutbare Arbeitsbedingungen und der Angst um den eigenen Arbeitsplatz Luft zu machen.
Sinkende Honorare, sinnlose Bürokratie, Checklistenmedizin und Spargesetze – die Kritik an den Rahmenbedingungen ärztlicher Arbeit ist bundesweit deckungsgleich und vor allem nicht neu. Was treibt die Ärzte ausgerechnet jetzt auf die Straße?
„Mit der letzten Abrechnung der Kassenärztlichen Vereinigung hat auch der Letzte bemerkt, dass uns die wirtschaftliche Basis wegbricht“, sagt Meinke. Das Fass zum Überlaufen brachte aber offenbar die Überlegung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt kurz vor dem Jahreswechsel, die Honorare der privaten und der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung anzugleichen. Eine Anpassung nach unten, die die meisten unterstellen, würde die Honorare der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte noch einmal um 30 Prozent sinken lassen. Dabei werden schon jetzt 30 Prozent der ärztlichen Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr vergütet. Die Folge: „Wir können nur noch an Personal und Ausstattung sparen“, ist Meinke überzeugt. Versorgungsengpässe und eine Gefährdung der wohnortnahen Betreuung wären die Folge. Letztere sei aber Voraussetzung für ein gutes Arzt-Patient-Verhältnis und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der Kollegen, findet Hausarzt Dr. med. Thomas Gies. „Bei der derzeitigen Finanzsituation geht die gute Qualität der medizinischen Versorgung ver-
loren“, sagt auch Dr. med. Andreas Reuther. „Die Arbeit hört auf, Spaß zu machen. Dabei haben wir eigentlich einen schönen Beruf“, erklärt der Allgemeinarzt. Der Frust, der sich einstelle, sei das Schlimme, und angesichts der hohen Arbeitsbelastung „brauche ich auch eine finanzielle Anerkennung“, so Reuther. Eine Vergütung in Euro und Cent, die Planungssicherheit schafft, ist deshalb eine zentrale Forderung der Ärzte. Der Diskussion über die angemessene Höhe ärztlicher Einkommen werde man sich gerne stellen, wirft Meinke ein.
Bei den Passanten stießen die Forderungen der Ärzte auf Zustimmung und Verständnis.
Bei den Passanten stießen die Forderungen der Ärzte auf Zustimmung und Verständnis.
Dass hier auf hohem Niveau gejammert wird – wie es die Politik zuweilen darstellt –, empfanden zumindest die Passanten in der Bad Neuenahrer Fußgängerzone nicht so. Die Mediziner stießen mit ihrem Protest auf Zustimmung und Verständnis. „Die Ärzte haben Recht. Das Geld ist zu knapp“, sagte ein älterer Beobachter. Die Zuzahlungen der Patienten stiegen immer höher, und dennoch sei die Kasse leer. „Da stimmt was nicht im System. Die Krankenkassen finanzieren zu viel, was mit Krankheit nichts zu tun hat.“ „Die Ärzte müssen sich mal wehren. Hoffentlich nützt es etwas“, sagt beispielsweise eine Passantin. Auch dieser Rückhalt bei den Patienten ist etwas Besonderes an den derzeitigen Ärzteprotesten. Heike Korzilius
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