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Bereitschaft

Dtsch Arztebl 2006; 103(4): A-160 / B-139 / C-139

Böhmeke, Thomas

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Bereitschaftszeit ist keine Arbeitszeit – lautet die Begründung von Krankenhausverwaltungen, Überstunden einfach zu ignorieren. Ist sie doch und soll anständig bezahlt werden, meinen unsere Kollegen im Krankenhaus und streiken dafür. Ich kann diese Diagnose nur bestätigen, auch ich hatte während meiner Assistenz- und Oberarztjahre kaum Gelegenheit, mich erfrischenden REM-Phasen hinzugeben. Allzeit bereit sein, so hieß es, Magenspülungen bei Schlafmittelintoxikierten durchzuführen, Platzwunden nach Kneipenschlägereien zu nähen, Asthmatiker aus ihrem Status zu helfen. Wenn man trotzdem nachts um zwei Gelegenheit fand, dem imperativen Schlafdrang nachzugeben, wurde man eine Viertelstunde später zur Privatstation gerufen, weil eine Patientin dringendst ärztliche Fürsorge einforderte. Weil sie nicht schlafen konnte. Nun, diese Patientin scheint es immer und überall in den Kliniken zu geben, in denen Assistenzärzte Nachtdienste machen. Zeit zum Räsonieren über die Sinnhaftigkeit solcher Herausforderungen im Allgemeinen und Schlafentzug im Besonderen hatte man freilich nicht, kündigten sich doch ganz getreu der Uhrzeit die nächsten Myokardinfarkte an. Der Tag darauf war gekennzeichnet durch Koffeinabusus, der es jedoch nicht immer vermochte, den Grauschleier der Müdigkeit zu heben. Nach 30 Stunden am Stück fingen die Buchstaben vor den Augen an zu tanzen, der Unterschied zwischen CRP (kardioreaktives Protein) und CPR (kardiopulmonale Reanimation) war nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen. Da konnte es schon passieren, dass man einem kardial völlig beschwerdefreien Patienten auf dem Brustkorb herumhüpfte. Nach Klärung des Missverständnisses wurde dies als vergnügliches Krankenhauskolorit abgetan. Das Besiegen des imperativen Schlafdrangs war im OP integraler Bestandteil ärztlicher Ausbildung, allerdings durfte der dahinschlummernde Kopf nicht in das OP-Gebiet sinken, weil dieses bakteriell kontaminierend. Aber die schlafbedingte Sehschwäche förderte die Breite der chirurgischen Ausbildung, so gab die versehentliche Ligatur des Harnleiters oder einer wichtigen Arterie guten Anlass, seine Kenntnisse in rekonstruktiven urologischen oder gefäßchirurgischen Techniken zu erweitern. Ich vermute, dass segensreiche chirurgische Manöver wie die Z-Plastik von völlig übermüdeten Kollegen geboren worden sind, die ihrer Schnittführung nicht mehr ganz Herr waren. Vielleicht lag auch der Erfindung des Herzkatheterismus ein konzentrationsbedingter Irrtum zugrunde, kamen doch die damals verwendeten Katheter aus der Urologie.
Was waren wir damals für Kerle! Über 70 Stunden die Woche, über 32 Stunden am Stück gearbeitet, danach Artikel geschrieben, Vorträge vorbereitet, Briefe diktiert. Mit schlafestrunkener Sicherheit Blinddärme geschoben und Herzkatheter operiert! Was haben wir uns lustig gemacht über LKW-Fahrer und Piloten, diese Weicheier mit den gesetzlich vorbeschriebenen Ruhezeiten!
Aber wenn ich selbst unters Messer müsste: Meine erste Frage wäre die nach der Vigilanz des Operateurs. Ich würde so lange streiken, bis er ausgeschlafen ist! Aber das könnte sehr, sehr lange dauern. Daher darf man nicht so lange warten. Mit dem Streiken. Dr. med. Thomas Böhmeke
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