ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2006Feinstaub: Grenzwerte überdenken

MEDIZINREPORT

Feinstaub: Grenzwerte überdenken

Richter-Kuhlmann, Eva

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Geschwindigkeitsbegrenzungen sollen die Feinstaubbelastung vermindern. Foto: ddp
Geschwindigkeitsbegrenzungen sollen die Feinstaubbelastung vermindern. Foto: ddp
Interdisziplinäre Feinstaub-Konferenz in Berlin legt Fehleinschätzungen und Missverständnisse der Diskussion offen.

Nahezu panikartig von Medien und Bevölkerung vor knapp einem Jahr diskutiert, wich das Thema „Feinstaub“ bald der Angst vor Vogelgrippe und „Gammelfleisch“. Mittlerweile ist es still geworden um die Belastung der Luft mit Schadstoffteilchen, obwohl sie sich kaum vermindert hat. Durchschnittlich zehn Monate könnten Europäer länger leben, wenn nicht so viel Feinstaub in der Luft läge, erklärte Dr. Michal Krzyzanowski von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) bei der interdisziplinären Feinstaub-Konferenz, die die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Bundesumweltministerium in Berlin veranstalteten.
Nicht nur der Straßenverkehr und die Industrie sind für die hohe Schadstoffbelastung der Luft verantwortlich, sondern auch das – aufgrund steigender Gas- und Ölpreise – Befeuern von Öfen und Kaminen. Gerade das Verbrennen von Holz führt zu hohen Feinstaub-Konzentrationen. Streumittel besitzen dagegen kaum gesundheitliche Relevanz, wie das GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit meldet.
Generell weise die Feinstaub-Diskussion eine Reihe von Missverständnissen und Fehleinschätzungen auf. Zu diesen gehören nach Ansicht von Prof. Dr. med. Dieter Köhler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, die von der Europäischen Union (EU) zum 1. Januar 2005 festgelegten Grenzwerte. „Als Grenzwert zählt die Gesamtmasse der Feinstaub-Teilchen. Dabei werden die tatsächlich gefährlichen kleineren Partikel, die Ultra-Feinstaub-Teilchen, so gut wie nicht erfasst“, kritisierte der Pulmologe. Wenn man die Gefährlichkeit von Partikeln allein nach ihrer Masse beurteile, unterstelle man, dass ein grobes Feinstaub-Teilchen die gleiche Toxizität beinhalte wie eine Million Ultrafeinstaub-Partikel. „Das ist eine gefährliche Vereinfachung“, betonte Köhler. Die bislang von der EU festgelegten Grenzwerte für Feinstaub reichten nicht aus, um die Toxizität der Feinstaub-Belastung abschätzen zu können.
Gemessen werden bei der FeinstaubBestimmung der Luft hauptsächlich Partikel mit einem Durchmesser von 0,1 bis zehn Mikrometer, nicht jedoch solche von weniger als 0,1 Mikrometer (siehe DÄ, Heft 14/2005). Unberücksichtigt bleibt ebenso die chemische Zusammensetzung der Partikel. „Um zu beurteilen, wie gefährlich Feinstaub für die Bevölkerung ist, sind jedoch nur diejenigen Partikel von Interesse, die biologisch relevant sind“, erklärte Köhler. „Je kleiner die Staubteilchen sind, umso größer dürfte das Gesundheitsrisiko sein, das sie bergen.“
Für Köhler steht fest: „Die Gesundheitsrisiken durch Feinstaub lassen sich – selbst bei Einhaltung der EU-Grenzwerte – nicht senken, solange die ultrafeinen Staubteilchen nicht speziell untersucht und gemessen werden.“ Er fordert zur Beurteilung der Luftqualität eine Bestimmung der Größe der Partikel und ihrer chemischen Zusammensetzung. Außerdem sei es erforderlich, die gesundheitlichen Auswirkungen und Schädigungsmechanismen von Fein- und Ultrafeinstaub verstärkt zu erforschen. Nur so ließen sich sichere Empfehlungen für Feinstaub-Grenzwerte aussprechen.
Aufgrund ihres geringen Durchmessers können die Partikel besonders tief in die Lunge gelangen und dort zu Entzündungen führen. Partikel unter 2,5 Mikrometer vermögen sogar in die Lungenbläschen einzudringen. Epidemiologische Studien hätten Assoziationen zwischen hohen Belastungen der Luft mit Schadstoffen und der Zahl der Todesfälle, Krankenhauseinweisungen und Arztbesuche gezeigt, berichtete Prof. Dr. med. Norbert Krug vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und experimentelle Medizin (Anderson et. al., WHO Task group 2005).
Vor allem bei Kindern, Senioren sowie Menschen, die bereits unter Atemwegserkrankungen leiden, seien Bronchitiden, Symptomverstärkungen sowie verminderte Lungenfunktionswerte aufgetreten. Im Rahmen kontrollierter Inhalationsstudien fiel auf, dass besonders Dieselpartikel zu Änderungen der Lungenfunktion führen (Stenfors et al.: ERJ 2004; 23: 82). Bei Gesunden riefen sie Atemwegsentzündungen hervor, die mit einer Vermehrung der Lymphozyten, Neutrophilen, Zytokine sowie des Histamins und Fibrinectins am nächsten Tag einhergingen.
Asthmatiker reagierten dagegen nicht mit einer Entzündung der Atemwege auf die erhöhten Konzentrationen der Dieselpartikel, sagte Krug. Stattdessen erhöhten sich ihr Atemwegswiderstand und die bereits bestehende Überempfindlichkeit der Bronchien. Um entstehende Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, forderte Prof. Dr. med. Christian Witt (Charité) regelmäßige Lungenchecks durch die Hausärzte. Aber nicht nur die Lunge ist den schädigenden Wirkungen des Feinstaubs ausgesetzt. „Nanopartikel können auch direkt in das Herz-Kreislauf- oder sogar ins zentrale Nervensystem übertreten“, berichtete Prof. Dr. med. Holger Schulz vom GSF-Forschungszentrum. Zu den beobachteten kardiovaskulären Reaktionen des menschlichen Körpers auf Feinstaub gehörten Vasokonstriktion, Herzrhythmusstörungen, eine endotheliale Dysfunktion, systemische Entzündungsreaktionen, Störungen des vegetativen Gleichgewichts sowie eine Verstärkung der Gerinnung und atherosklerotischer Prozesse, die in der Folge zu Herzinfarkten führen könnten. Panisch sollte das Thema „Feinstaub“ aber keineswegs diskutiert werden, denn eines dürfe nicht vergessen werden, warnte Dr. Joachim Heinrich (GSF-Forschungszentrum): „Zu 93 Prozent halten sich Erwachsene in Europa in Innenräumen auf.“ Auch wenn sich die epidemiologische Forschung auf die Außenluft konzentriere, sei auch in Innenräumen eine hohe Feinstaub-Belastung anzutreffen – oftmals „hausgemacht“ durch Rauchen und Schimmelpilze. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann

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