ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2006Infektionsprophylaxe: Zweierlei Maß

MEDIZIN: Kommentare

Infektionsprophylaxe: Zweierlei Maß

Dtsch Arztebl 2006; 103(4): A-166 / B-145 / C-144

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Die internationale Geberkonferenz in Peking hat mit 1,9 Milliarden Dollar exakt die Geldsumme zusammengebracht, die nach Expertenmeinung derzeit für den Kampf gegen die Vogelgrippe benötigt wird. So stellt die Weltbank 500 Millionen Dollar bereit, die USA haben 334 Millionen Dollar und die Europäische Union 250 Millionen Euro für das Finanzpaket zugesagt. UN-Generalsekretär Kofi Annan ist nur beizupflichten, wenn er erklärt: „Es gibt keine Zeit zu verlieren. Wir müssen sicherstellen, dass wir . . . (für eine eventuelle Pandemie) . . . bereit sind.“ Diese konzertierte Aktion der Staatengemeinschaft und das große finanzielle Engagement innerhalb kürzester Zeit ist im Sinne einer Infektionsprophylaxe vorbildlich. Zynisch ist jedoch die Aussage von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou: „Nie zuvor hat die Menschheit die Chance gehabt, sich auf eine Pandemie vorzubereiten, bevor sie tatsächlich eintritt.“
Diese Chance gab es unter anderem vor 25 Jahren, als HIV seinen weltweiten Feldzug antrat – und die Staatengemeinschaft hat sie sträflich vertan. Auch heute – angesichts weltweit 42 Millionen HIV-Infizierter, 25 Millionen Aidstoter und einer rasanten Ausbreitung des Virus in Staaten, die lange Zeit von der Epidemie verschont geblieben waren (China, Russland, Osteuropa et cetera) – reagiert die Welt nicht annähernd so einmütig und großzügig wie im Fall der Vogelgrippe. Dabei sind seit 2003 nicht Millionen, sondern 80 Menschen an den Folgen der Tierseuche gestorben.
Demgegenüber erscheint der Kampf der Staatengemeinde gegenüber HIV halbherzig. So versucht der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria vergeblich, die von den Industriestaaten vollmundig und publicity-wirksam zugesagten Einzahlungen in voller Höhe – und nicht nur als Bruchteil – überwiesen zu bekommen. Noch im Juli 2005 gab es die bemerkenswerte Zusage der G-8-Staaten beim Gipfel in Gleneagles, dass alle Aidskranken bis 2010 eine antiretrovirale Therapie bekommen sollen. Dabei hat die WHO im Dezember eingestehen müssen, dass ihre „3 by 5“-Initiative – wonach bis Ende 2005 drei Millionen HIV-Infizierte Zugang zu Aids-Medikamenten haben sollen – gescheitert ist. Nur eine Million Betroffene erhalten eine antiretrovirale Therapie.
„Es ist nicht einsehbar, weshalb beim Management von Infektionskrankheiten mit zweierlei Maß gemessen wird“, sagt Prof. Dr. med. Norbert Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS (Bochum).Vielleicht gibt es darauf mehrere Antworten: eine liegt in der Natur der HIV-Infektion, die erst nach Jahren zum Vollbild Aids und letztlich zum Tod führt; die vitale Gefährdung einer Influenza aber erleben die Menschen unmittelbar. Darüber hinaus wird die HIV-Infektion noch immer als typische Infektionskrankheit der Entwicklungsländer angesehen, die von den Industriestaaten weit entfernt ist. Doch das täuscht: Viele osteuropäische Staaten mit hoher HIV-Prävalenz liegen Deutschland näher als die Türkei und die Vogelgrippe.
Obwohl derzeit völlig unklar ist, wann (oder ob überhaupt) eine weltweite H5N1-Pandemie eintritt, laufen die Analysen über mögliche ökonomische Auswirkungen in den Industriestaaten auf vollen Touren: In Deutschland sei mit einem Schaden von etwa zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu rechnen, heißt es in einer Modellrechnung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Essen). Das würde zu einer Rezession führen. International könnten sich die Kosten einer Pandemie auf 800 Milliarden Dollar summieren.
In vielen Teilen Afrikas ist durch Aids das soziale und ökonomische Gefüge längst zusammengebrochen; damit andere Kontinente nicht eine ähnliche Entwicklung nehmen, muss gegen HIV – wie auch gegen andere Infektionskrankheiten – mit einem Engagement der Staatengemeinschaft gekämpft werden, das dem der Vogelgrippe entspricht. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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