ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2006Leitbilder und Vorbilder: Wunsch nach Orientierung

THEMEN DER ZEIT

Leitbilder und Vorbilder: Wunsch nach Orientierung

Dtsch Arztebl 2006; 103(4): A-168 / B-146 / C-145

Nagel, Eckhard; Manzeschke, Arne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Was macht einen „guten“ Arzt aus? – Albert Schweitzer ist für viele Ärzte ein Vorbild. Foto: dpa
Was macht einen „guten“ Arzt aus? – Albert Schweitzer ist für viele Ärzte ein Vorbild. Foto: dpa
Komplexe Sachverhalte lassen den Ruf nach Entlastung durch Leitbilder und Leitlinien laut werden. Aber nicht das gesamte ärztliche Handeln ist standardisierbar.

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen führen zu immer neuen Herausforderungen und verursachen mitunter eine große Verunsicherung. Die Reformen im Gesundheitswesen und auf dem Arbeitsmarkt, die Erweiterung der Europäischen Union und die Globalisierung sind wichtige Beispiele. Die entstehende Überforderung weckt den Wunsch nach Orientierung und Sicherheit. Werte sollen das Vakuum füllen, das durch komplexe Entwicklungen entstanden ist.
Auch die Medizin unterliegt einem Wandel: Die Rahmenbedingungen für die ärztliche Tätigkeit haben sich stark verändert. Gleiches gilt für den gesellschaftlichen Status von Ärztinnen und Ärzten und ihr Rollenverständnis. Nicht nur ein permanenter medizinisch-fachlicher Lernprozess, sondern auch eine ständige Selbstreflexion ist notwendig. Auch innerhalb der Ärzteschaft gibt es mittlerweile eine Diskussion über Leitbilder und Vorbilder.
Leit- und Vorbilder dienen der Orientierung. Der Begriff „Vorbild“ ist dabei immer an einen Menschen gebunden, der Impulse zur Nachahmung liefert. Das Lernen am Beispiel gehört zu den primären und zentralen Lernerfahrungen. Entscheidend dabei ist, dass eine Vorbildfunktion nur vorgelebt werden kann und sich nicht theoretisch vermitteln lässt. Albert Schweitzer ist für viele Ärzte ein großes Vorbild – als Mensch und als Mediziner. Für den Bereich des ärztlichen Handelns hat er zeitlos gültige Sätze formuliert, die vor dem Hintergrund seines Lebensweges eine besondere Prägnanz gewinnen: „Das denk-notwendige Prinzip des Sittlichen bedeutet aber nicht nur Ordnung und Vertiefung der geltenden Anschauung von Gut und Böse, sondern auch ihre Erweiterung. Wahrhaft ethisch ist der Mensch (und der Arzt) nur, wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgendetwas Lebendigem Schaden zu tun. Er fragt nicht, inwiefern dieses oder jenes Leben als wertvoll Anteilnahme verdient, und auch nicht, ob und inwieweit es noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches ist ihm heilig.“ (5)
„Leitbilder“ hingegen sind Kodifizierungen einer Interessengruppe, die über Strukturen, Ziele und Mittel Auskunft geben. Leitbilder haben eine orientierende, kommunikative Funktion innerhalb der Gruppe und gegenüber Außenstehenden. Ein Leitbild bezieht sich auf eine Grundhaltung und ist eine Art Leitlinie: Sie kann ein Geländer sein, erspart aber nicht das eigene Gehen.
Die Gefahr von Leitbildern liegt darin, dass sie ideologisch überdehnt werden können. Das „richtige“ Bild davon, wie ein „guter“ Arzt sein soll, wird beispielsweise zum Maßstab erhoben und somit normativ für alle folgenden Leitbild-Debatten. Wer sich aber einem Bild verpflichtet, wird zugleich sein Gegen- oder Feindbild identifizieren und damit schnell zum Ideologen. Das in der Bibel verankerte Bilderverbot beweist damit seinen tieferen Sinn (Exodus 20,4), denn es besteht die Gefahr, den Andersartigen nach der eigenen Sichtweise korrigieren zu wollen (2). So gesehen ist die Orientierung an Bildern sehr problematisch, das Lernen von Vorbildern jedoch gleichzeitig wichtig und notwendig.
Primum nihil nocere
Als Kernstück des ärztlichen Selbstverständnisses und der medizinischen Ethik gilt der hippokratische Eid. Das Anliegen dabei ist, das ärztliche Handeln auf eine rationale Grundlage zu stellen. Dem Patienten wird eine gewisse Rechtssicherheit in dem Vertragsverhältnis mit dem Arzt vermittelt. Darüber hinaus nennt der Eid den Grundsatz, primär das Wohl des Kranken im Blick zu haben, verbunden mit der Verpflichtung, die Situation des Patienten nicht auszunutzen: „Ärztliche Verordnungen werde ich zum Nutzen der Kranken anwenden; vor Schaden und Unrecht werde ich sie bewahren.“ Das Grundprinzip „primum nihil nocere“ hat hier seinen Ursprung und findet sich in vergleichbarer Form im Genfer Ärzte-Gelöbnis von 1948: „Die Gesundheit des Patienten wird meine erste Sorge sein.“ Die Forderung, im Interesse und zum Wohle des Kranken zu handeln, ist bis heute ein Leitbild und eine Zielvorstellung ärztlicher Berufsausübung. Dieses Leitbild hat zahlreiche geschichtliche Wurzeln, von denen die hippokratische Tradition nur eine darstellt. Eine weitere wichtige Strömung im Prinzip des Wohlwollens hat ihren Ursprung in der Hinwendung zum leidenden Menschen. Dieser Gedanke findet sich insbesondere in der christlichen Tradition wieder. Der Kranke ist kein Vertragspartner, den es sachgemäß und höflich zu behandeln gilt, sondern er wird als leidender Mitmensch gesehen. Sich dem Patienten zuzuwenden ist für Christen ein Gebot Gottes und die Einladung zum Leben in der Nachfolge Jesu.
Die Debatte über Leitbilder ist facettenreich und hängt direkt mit dem ärztlichen Rollenverständnis zusammen. Arztsein beinhaltet – wie jeder Beruf – mehrere Rollen: die Professionsrolle des Arztes beziehungsweise der Ärztin; das, was man auch als ärztliches Ethos beschreiben könnte und was im Rahmen der Berufsbiografie als Auffassung von der eigenen Praxis und als innere Haltung gewachsen ist. Zweitens die Organisationsrolle, die an den Arzt beziehungsweise an die Ärztin noch einmal spezifische, von der Organisation vorgegebene Anforderungen stellt (zum Beispiel als Klinikdirektor, Medizincontroller, als ehrenamtlich Tätiger in einer Fachgesellschaft oder als Funktionär einer Standesorganisation). Drittens ist ein Arzt immer auch Privatmensch, lebt alleine oder in einer Beziehung oder Familie, raucht, trinkt (oder auch nicht), hat Hobbys, Eigenarten, persönliche Stärken und Grenzen. Es gibt viele Eigenschaften, die diese Privatrolle ausmachen und nicht ohne Einfluss auf die individuelle Ausgestaltung der anderen Rollen sind. Wichtig ist, alle Rollen möglichst authentisch in das ärztliche Handeln zu integrieren. Einerseits ist eine Abspaltung von Aspekten zu vermeiden, andererseits ist eine klare Trennung zwischen den verschiedenen Sphären nötig. Bei diesem Prozess handelt es sich um ein lebenslanges Exerzitium, bei dem Leitbilder und Vorbilder hilfreich sind.
Die Rolle des Arztes in der Beziehung zum Patienten spielt sich aber nicht nur auf der Ebene eines individuellen Verhältnisses ab, in dem es um Therapie und Heilung geht. Die Arzt-Patienten-Beziehung wird zunehmend durch eine gesellschaftliche Einbettung beeinflusst. Die Stärkung der Patientenautonomie in einem Klima der Demokratisierung von Machtverhältnissen und damit verbunden die Forderung nach einem Wissenstransfer vom Experten zum Laien ist dabei nur ein Gesichtspunkt (3). Das Arzt-Patienten-Verhältnis wird in der Wissensgesellschaft immer prekärer: „Unter anderem wird die für viele soziale Verhältnisse, etwa das Ingenieurs-, Gesundheits-, Erziehungs- und Beratungswesen, nicht unwichtige Differenz zwischen Laien und Experten nicht eingeebnet, wie man vielfach vermutet, sondern auf eine neue Ebene gehoben, auf der es schwerer fällt, etwa technische, ökonomische und juristische Fragen auseinander zu halten und unabhängig voneinander zu bearbeiten.“ (1)
Grenzen von Standards
Die Anforderungen an den Experten, somit auch an den Arzt, werden immer komplexer, durch die Differenzierung und Spezialisierung im eigenen Fachgebiet, aber auch durch die zunehmende interdisziplinäre Bearbeitung von Problemen. Man kann sich als medizinischer Experte nicht mehr in seine fachlichen Grenzen zurückziehen, sondern muss auch andere Aspekte, zum Beispiel ökonomische und ethische, in Überlegungen einbeziehen. Wegen der permanent steigenden Kompetenzanforderungen sind Entlastungen notwendig, etwa in Form von Routinen, Standards, Leitlinien und Codes of Conduct. Solche hilfreichen Werkzeuge können für die meisten Aufgaben Entscheidungen strukturieren und vereinheitlichen. Ihr unmittelbarer Gewinn liegt darin, dass sie dem Einzelnen helfen, die Fülle von Informationen auf ein überschaubares Maß zu reduzieren.
Zugleich darf der Arzt jedoch nie die Individualität des Falles vergessen. Mag man vieles verallgemeinern können, das Spezifische darf nicht übersehen werden. Die Hinwendung zum einzelnen Patienten steht in der Verantwortung des Arztes. Wie eine Betreuung im konkreten Fall aussieht, ergibt sich in der individuellen und persönlichen Situation. Gute Vorbilder können dabei helfen, die Hinwendung zum Patienten so professionell und empathisch wie möglich zu gestalten. Leitbilder und Leitlinien stellen eine Anleitung zum Handeln dar und bewirken eine Entlastung. Leitlinien sind dabei sehr viel stärker auf einzelne Handlungsschritte ausgerichtet als ein Leitbild. Doch wer die ärztliche Tätigkeit komplett standardisieren will, verkennt das Spezifische im Arzt-Patienten-Verhältnis.
Leitlinien und Leitbilder sind wichtig, aber nicht alles: Rudolf Pichlmayr hat kurz vor seinem Tod das Ethos des Arztes im Kontext seiner jeweiligen Gesellschaft betrachtet und darauf hingewiesen, dass gute Leitlinien nicht ausschließen, dass Menschen barbarisch handeln und sich zugleich im Einklang mit ihren Kodizes wissen (4). Trotz der Reichsgesundheitsrichtlinie von 1931 haben Ärzte während der Zeit des Nationalsozialismus unvorstellbare Gräueltaten in der Medizin begangen. Die Opfer wurden kurzerhand von den kodifizierten Standards ausgenommen. Leitlinien sind zwar wichtig, aber sie sind nur
in dem Maß hilfreich, wie die Gesellschaft über ihre angemessene Auslegung wacht. Das verlangt von jedem Einzelnen, die gegebenen Leitlinien oder Leitbilder professionell zu füllen.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser erhältlich oder im Internet unter www.aerzteblatt.de/lit0406 abrufbar ist.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(3): A 168–170
Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Eckhard Nagel
Geschäftsführender Direktor am Institut
für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth
Leiter des Chirurgischen Zentrums
am Klinikum Augsburg
Prieserstraße 2, 95444 Bayreuth

Dr. theol. Arne Manzeschke
Theologe und Pfarrer
Leiter des Bereichs Ethik und Anthropologie
am Institut für Medizinmanagement
und Gesundheitswissenschaften
Prieserstraße 2, 95444 Bayreuth
Anzeige
1.
Baecker D: Niklas Luhmann in der Gesellschaft der Computer. Merkur, 2001; 627, 55: 597–609.
2.
Hentig von H: Bildung. Ein Essay. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1997.
3.
Manzeschke A: Das Menschenbild in der Wissenschaft. In: Nuissl E (Hrsg.): Wenn Wissenschaft mehr als Wissen schafft. Ein Kongress fragt nach „Bildung durch Wissenschaft“. Bonn: Lemmens 2002: 82–89.
4.
Pichlmayr R: Ethik und Medizin 1947 bis 1997. Auftrag für die Zukunft. Dt Ges f Chirurgie – Mitteilungen 1998; 2: 99–103.
5.
 Schweitzer A: Kulturphilosophie. Kultur und Ethik, Band 2. München: C. H. Beck 1923: 331.
1. Baecker D: Niklas Luhmann in der Gesellschaft der Computer. Merkur, 2001; 627, 55: 597–609.
2. Hentig von H: Bildung. Ein Essay. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1997.
3. Manzeschke A: Das Menschenbild in der Wissenschaft. In: Nuissl E (Hrsg.): Wenn Wissenschaft mehr als Wissen schafft. Ein Kongress fragt nach „Bildung durch Wissenschaft“. Bonn: Lemmens 2002: 82–89.
4. Pichlmayr R: Ethik und Medizin 1947 bis 1997. Auftrag für die Zukunft. Dt Ges f Chirurgie – Mitteilungen 1998; 2: 99–103.
5. Schweitzer A: Kulturphilosophie. Kultur und Ethik, Band 2. München: C. H. Beck 1923: 331.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema