ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2006Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Genaue Todesursache bleibt unerkannt

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Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791): Genaue Todesursache bleibt unerkannt

Dtsch Arztebl 2006; 103(4): A-172 / B-148 / C-147

Ludewig, Reinhard

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W. A. Mozart nach einer Silberstiftzeichnung der Grafikerin Doris Stock, angefertigt am 16./17. April 1789 in Dresden bei der Durchreise des Komponisten. Das Porträt wird als durchweg nicht überzeugender Beleg für verschiedene Krankheitshypothesen angeführt, wie etwa Morbus Basedow, Niereninsuffizienz, Rachitis, überdecktes „Mozart-Ohr“.
W. A. Mozart nach einer Silberstiftzeichnung der Grafikerin Doris Stock, angefertigt am 16./17. April 1789 in Dresden bei der Durchreise des Komponisten. Das Porträt wird als durchweg nicht überzeugender Beleg für verschiedene Krankheitshypothesen angeführt, wie etwa Morbus Basedow, Niereninsuffizienz, Rachitis, überdecktes „Mozart-Ohr“.
Ein pathographischer Beitrag zum Mozart-Jahr 2006

Mit Blick auf den 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart am 28. Januar 2006 tauchte auch die Frage nach den näheren Umständen seines Todes wieder in der Diskussion auf. Experten werden bemüht, die seit zwei Jahrhunderten umstrittene Frage zu beantworten, ob Mozart das Opfer einer Vergiftung oder einer Krankheit und ihrer Behandlung wurde. Es ist erstaunlich, dass namhafte Medizinhistoriker im In- und Ausland ganz unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema erarbeitet haben, obwohl ihnen allen das gleiche Quellenmaterial zur Verfügung stand. Wenn man aus der Fülle von Theorien und Spekulationen diejenigen heraushebt, die auf Basis der zur Verfügung stehenden Quellen am ehesten glaubhaft erscheinen, kann man sich auf eine überschaubare Anzahl von Hypothesen beschränken.
Als Mozart am 5. Dezember 1791 kurz nach Mitternacht in Wien starb und am nächsten oder übernächsten Tag ohne Zeremoniell in einem mehrfach belegten Schachtgrab bestattet wurde, dachte offenbar noch niemand an einen Mord. Erst eine Woche später wurde im Berliner „Musikalischen Wochenblatt“ der Verdacht geäußert, Mozart sei vergiftet worden, „weil sein Körper nach dem Tode anschwoll“ (3). Zunächst wurde der berühmte Wiener Hofoperndirektor Antonio Salieri als Täter verdächtigt, weil man ihm Eifersucht auf Mozarts Erfolge unterstellte. Diese Ansicht wurde sogar auch künstlerisch (zum Beispiel in der Oper von Nikolai Rimsky-Korsakow/Alexander Puschkin) aufgegriffen und in Massenmedien immer wieder spektakulär verbreitet. Erst nachdem Salieri durch Zeugen, Gutachten und anerkannte Biografen weitgehend entlastet worden war, bezog man weitere Persönlichkeiten in den Kreis der Tatverdächtigen ein (3). Hierzu zählten nicht nur Gläubiger, Schüler, Librettisten, Freimaurer, Jesuiten und Juden, sondern als Komplizin in einer Verschwörung sogar seine Frau Constanze.
Angenommen wird, dass die Vergiftung absichtlich oder versehentlich ausgelöst wurde durch
- Quecksilber: Unter den seinerzeit viel gebräuchlichen Verbindungen dieses Schwermetalls (2, 3, 4) erschien insbesondere das Sublimat als „Mordgift“ geeignet, weil es damals als Lues-Prophylaktikum (!) und -Therapeutikum relativ gut zu beschaffen war, geschmacklich unauffällig ist und schon in kleinsten Dosen tödlich wirkt. Die entsprechende Intoxikation wurde offenbar nicht selten mit der Syphilis verwechselt.
- Arsen: Unter den Giften, die im 18. Jahrhundert praktisch mit jedem unvermuteten Todesfall und jedem Mordverdacht sofort in Zusammenhang gebracht wurden, rangierte das Arsenik (in „Erbschaftspulver“, „Aqua Toffana“ oder in der „verderblichen Mixtur“, die Mozart allesamt gefürchtet haben soll) an erster Stelle, weil sich die Vergiftungssymptome kaum von der damals verbreiteten Cholera unterscheiden ließen (3, 4 ).
- Blei, Nahrungsmittel, Getränke und Pflanzengift: Nach Aussagen von Angehörigen Mozarts sowie von Fachexperten des 18. und 20. Jahrhunderts könnten auch blei- oder toxinhaltige Verunreinigungen bestimmter Nahrungsmittel sowie reichlich genossene Alkoholika oder ein Pflanzengift einzeln oder gemeinsam die Entstehung und den Verlauf der Erkrankungen Mozarts wesentlich beeinflusst haben (1, 3).
Aus zwanzig Briefen von Mozart und Aufzeichnungen seines pharmakotherapeutisch bewanderten Vaters Leopold sowie aus anderen Quellen geht hervor, dass Mozart schon von Kindheit an bei jeder nur denkbaren Gelegenheit aus der familieneigenen Haus- und Reiseapotheke im Laufe der Zeit mindestens 22 verschiedene Arzneien einzeln oder in Form von Mischpulvern (so genannte Markgrafen-, Schwarz-, Digestiv- oder Kardinalpulver) eingenommen hat und damit kurz vor seinem Tode noch „unaufhörlich medizinierte“ (1, 2, 3). Von seinen Ärzten, die der I. Wiener Medizinischen Schule verpflichtet waren, wurden ihm neben einigen Drogen Salze von Quecksilber (Sublimat oder Kalomel), Antimon (Brechweinstein) oder Arsen (zum Beispiel in Fowlerscher Lösung ) verordnet (3). Aus zeitgenössischer Sicht waren die meisten Medikationen plausibel nachvollziehbar, nach heutigen Erkenntnissen aber könnte man die überlieferten Krankheitssymptome auch mit unerwünschten (Kombinations-) Effekten erklären.
Die zeitgenössische Fachliteratur und die Korrespondenz der Familie Mozart zeigen deutlich (3), wie gebräuchlich damals Aderlässe waren. Damit wollte man die „krank machende Materie“ aus dem Körper entfernen und das innere Säftegleichgewicht wiederherstellen. Der Aderlass, der bei Mozart wegen akuter Beschwerden kurz vor seinem Tod durchgeführt wurde, hatte offenbar fatale Konsequenzen. Dr. Closset, der für den Eingriff verantwortlich und mit der Technik, den Indikationen und Risiken sehr vertraut war, wurde vom schnellen Ende seines Patienten überrascht: Einige Gefahrenquellen waren damals noch nicht ausreichend bekannt. Das betrifft besonders die Unverträglichkeit ausgiebiger Aderlässe mit bestimmten Medikationen. Wenn Mozart nämlich – wie in seiner Familie üblich – ein krankheitsaustreibendes Emetikum (Brechweinstein, also Kaliumantimonyltartrat) einnahm, „ehe der Medicus kam“, war der Exitus programmiert, denn sonst verträgliche Dosierungen von Antimonsalzen können in Verbindung mit einem Aderlass tödlich wirken, da mit dem Blut antimonbindende Erythrozyten und Plasmaproteine verloren gehen (3, 4).
Zahlreiche Autoren stimmen – trotz unterschiedlicher Hypothesen, aber angesichts der „typischen Symptomatologie“ – darin überein, dass Mozart an den Folgen eines Nierenversagens starb. Uneinigkeit herrscht hinsichtlich der Ursachen dieser Organerkrankung. Während die einen ausschließlich Gifte und Arzneien (besonders Quecksilber-salze) oder wiederholte Infektionen (mit nachfolgender Entwicklung einer Schrumpfniere) verantwortlich machen, verteidigen andere den Standpunkt, dass Mozarts Nieren durch eine Rachitis oder eine vererbte Missbildung allmählich immer funktionsuntüchtiger geworden sind (1, 3 ).
Antonio Salieri (1750– 1825), Hofoperndirektor in Wien, Schüler von Gluck, Lehrer von Beethoven, Liszt u. a. – Er fürchtete angeblich Mozart als erfolgreicheren Rivalen. Foto: picture-alliance/akg
Antonio Salieri (1750– 1825), Hofoperndirektor in Wien, Schüler von Gluck, Lehrer von Beethoven, Liszt u. a. – Er fürchtete angeblich Mozart als erfolgreicheren Rivalen. Foto: picture-alliance/akg
Erwägungen, der frühe Tod Mozarts könne auch die Folge einer Meningo-enzephalitis, einer Gefäßmissbildung, einer Schädelverletzung oder einer Epilepsie gewesen sein, gehen im Wesentlichen aus von laienhaften Deutungen der finalen Symptomatik, von Dr. Clossets Verlegenheitsdiagnose „Absetzung im Kopfe“ und einem darauf Bezug nehmendem Gefälligkeitsgutachten (1, 3).
Die Beurteilung des so genannten Mozart-Ohres und des Verlaufs der Todeskrankheit hat zu der vor allem in den USA vertretenen Überlegung geführt, dass Mozart an dem von Borelius 1901 beschriebenen angeborenen Missbildungssyndrom (Anomalie der Ohrmuschel, adulte polyzystische Nierenerkrankung und ein „Berry“-Aneurysma am Circulus arteriosus cerebri Willisi) gelitten haben könnte (1, 3).
Zu den Behauptungen, Mozart sei an den Folgen einer Pneumonie oder einer Septikämie mit Herzversagen gestorben, haben Vermutungen seiner Frau Constanze und die im Totenschein vermerkte Diagnose „hitziges Frieselfieber“ beigetragen (1, 3). Die Diagnosen Tuberkulose oder Syphilis als Todesursache beruhen vor allem auf terminologischen Missverständnissen oder einer Verwechslung mit der umstrittenen Quecksilber-Intoxikation (Tabelle 1).
Die beiden verlassenen Krankheitsbezeichnungen „rheumatisches Entzündungsfieber“, „hitziges Frieselfieber“ werden häufig genannt: Die erste ist in umstrittenen Dokumenten (zum Beispiel Totenschauprotokoll, Sterberegister) zu finden und meint eine akute Polyarthritis, deren Komplikationen und/oder Behandlungsfolgen zum Exitus geführt haben sollen. Die zweite Bezeichnung wurde seinerzeit als „Allerwelts- oder Verlegenheitsdiagnose“ Laien gegenüber gebraucht (1, 3).
Raum für Hypothesen und Spekulationen
Vor allem Wiener Zeitungen verbreiteten kurz nach Mozarts Tod die Behauptung, der Genius sei an der „Herz- oder Brustwassersucht“ verstorben. Darauf haben sich Apologeten berufen, die eine genuine Herzdekompensation vermuten oder ein akutes Herzversagen mit anderen Theorien in Verbindung bringen (1, 3).
Die Behauptung, Mozart habe seit 1782 an einer Schilddrüsen-Überfunktion gelitten und sei schließlich daran gestorben, stützt sich auf Schilderungen von Angehörigen und bekannte Porträts, insbesondere auf die Silberstiftzeichnung von Dorothea Stock (siehe Abbildung), in der vor allem die „Glotzaugen“ für eine Hyperthyreose Zeugnis ablegen sollen (1, 3, 7).
Das Schoenlein-Henoch-Syndrom, das erst Jahrzehnte nach Mozarts Tod bekannt wurde, wird fast nur in Fachkreisen ernsthaft diskutiert, zumal es hinsichtlich Kausalität und Symptomatik der Todeskrankheit am ehesten mit anderen Hypothesen (zum Beispiel infektiös, medikamentös, toxisch bedingte Schädigungen von Kapillaren) in Verbindung gebracht werden kann (1, 3).
Tabelle 2 soll veranschaulichen, welche Symptome überliefert wurden und welche Theorien über die Ursachen der Todeskrankheit daraus bisher abgeleitet wurden. Zugleich ist ersichtlich, dass weitere Interpretationen,
Hypothesen und Spekulationen künftig durchaus noch möglich und zu befürchten sind (1, 3).
Interpretation der Quellen
Die Auswertung von 131 Briefen der Familie Mozart, Dokumenten und zeitgenössischen Berichten sowie von allen beteiligten Persönlichkeiten (3) führt zu folgenden Erkenntnissen:
1. Relativ verlässliche Angaben zu Mozarts Erkrankungen und deren Behandlung vermittelt lediglich die bis 1787 fast tagebuchartig geführte Familienkorrespondenz. Über den Verlauf der zum Tod führenden Krankheit dagegen wurden nur Constanze Mozart und ihre Schwester Sophie Haibel sowie einige Biografen, zumeist erst nach Jahrzehnten, befragt. Die deshalb fast unvermeidlichen Gedächtnislücken, Konfabulationen, Widersprüche und laienhaften Krankheitsbezeichnungen (Tabelle 1) sowie missverständliche Übersetzungen haben sich auf die medizinhistorische Interpretation ebenso nachteilig ausgewirkt wie die Vernichtung oder motivationsgebundene Beschönigung von Aufzeichnungen, insbesondere durch die verwitwete Constanze und ihren zweiten Ehemann.
2. Da keines der unzureichend beschriebenen Symptome (Tabelle 2) allein für eine Differenzialdiagnose ausreicht, konnten viele Apologeten durch beliebige Kombinationen und Zuziehung jeweils passender Teile aus der Anamnese ihre Hypothesen mit „authentischen Quellen“ glaubhaft machen. Die meisten Autoren haben dabei nur mehr oder weniger gekonnt voneinander abgeschrieben, sodass die medizinhistorische Mozart-Literatur wesentlich umfangreicher erscheint, als es ihrem Informationsgehalt entspricht.
3. Als sicherste Quelle können die erhaltenen Autographen Mozarts dienen, die im Gegensatz zu den meisten herkömmlichen Porträts und Aufzeichnungen nicht tendenziös zu manipulieren oder zu interpretieren waren. Bekanntlich ist der Verlauf von Krankheiten und Intoxikationen, die mit deutlichen Störungen der Feinmotorik verbunden sind, im intraindividuellen Vergleich von Schriftproben objektivierbar (5). Da von Mozart zahlreiche Briefe erhalten sind und da er noch bis wenige Stunden vor dem Tod an seinem Requiem ganz ohne graphomotorische Störungen geschrieben hat, sind retrospektive Aussagen über angebliche Beeinträchtigungen seiner Gesundheit im Laufe und am Ende seines Lebens unwahrscheinlich (3, 8). Die bisher diskutierten Hypothesen über die Todesumstände Mozarts enthalten höchstens Vermutungen darüber, welche Erkrankung Mozart in seinen letzten zwei Wochen ans Bett gefesselt hat. Die Ursache des plötzlichen Endes ist mit dem bislang vorliegenden Material zwar ebenfalls nicht schlüssig zu beweisen, eine medikamentöse Interaktion mit dem Aderlass aber ist zumindest
nahe liegend und bisher auch noch nicht bestritten worden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(4): A 172–176

Literatur
1. Ludewig, R.: Zum derzeitigen Stand der Forschung über die Ursachen des Todes von Mozart. Mozart-Jahrbuch, Salzburg 1991/1; 132–144. – Erweiterung in
Z. gesamte Innere Medizin 1991; 46/13 : 491–500.
2. Ludewig, R.: Die Haus- und Reiseapotheke der Familie Mozart. Z. Phytotherapie 1991; 12: 183–191.
3. Ludewig, R.: Meinungsstreit über die Ursachen des
Todes von W.A.Mozart.Ann.Univ.Sarav.Med. – Suppl.8/ 1992; 1–92. Saarpfalz-Druck Ermer KG, 66402 Homburg-Saar, Postfach 11 55 (enthält eine Auflistung sämtlicher Autoren und die Besprechung ihrer Theorien nebst wichtigen Hintergrundinformationen und 36 Abbildungen).
4. Ludewig, R.: Akute Vergiftungen, 9. Aufl., Stuttgart, 1999.
5. Ludewig, R.: Zur Interpretation ausgewählter Schriftveränderungen. Z. Menschenkunde 1999; 63/1: 1–16.
6. Ludewig, R.: Krankheiten, Tod, in H. Gruber u. J. Brügge, DAS MOZART-LEXIKON, S. 368–370, Laaber, 2005.
7. Ludewig, J. u. R.: Zur medizinischen Bedeutung des letzten Mozart-Porträts. Z. ärztl. Fortbild. 1992; 85: 297–300.
8. Ludewig, R. u. Rudolph, I.: Zu den Diskussionen über die letzten Autographen von W. A. Mozart. Z. Menschenkunde 1992; 56/4: 229–243.

Anschrift des Verfassers:
Prof. em. Dr. med. Reinhard Ludewig
Bochumerstraße 47
04357 Leipzig
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