ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2006Körperschmerz – Seelenschmerz. Die Psychosomatik des Bewegungssystems

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Körperschmerz – Seelenschmerz. Die Psychosomatik des Bewegungssystems

Heinl, Hildegund; Heinl, Peter

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Psychosomatik: Aufforderung zum Umdenken
Hildegund Heinl, Peter Heinl: Körperschmerz – Seelenschmerz. Die Psychosomatik des Bewegungssystems. Ein Leitfaden. Kösel Verlag GmbH & Co., München, 2005, 220 Seiten, zahlreiche S/W-Fotos und Farbtafeln, gebunden, 19,95 €
Kann sich ein Seelenschmerz in einen Körperschmerz verwandeln, wie erkennt man dies, und wie lässt sich dann das „verschlüsselte Symptom“ in die Sprache des Betroffenen übersetzen, sodass er den Sinn erkennt? Mehr als 30 Jahre ist die Autorin (Orthopädin und Psychotherapeutin) dem nicht immer Sicht- und Fassbaren bei chronischen Schmerzpatienten nachgegangen und hat in diesem Buch in einer ungewohnt lebensnahen Form Schmerzschicksale und die dazugehörigen Lebensgeschichten beschrieben.
Man liest nicht nur, sondern ist auch dabei, wenn aus nicht einzuordnenden Puzzleteilen plötzlich ein Bild entsteht. Wenn durch hohe Aufmerksamkeit und Sensibilität etwas Unverständliches (der chronische Schmerz) entschlüsselt und für den Betroffenen verständlich wird. Sie beschreibt chronische Rückenschmerzen und Enthesopathien, die entweder keiner Pathomorphologie zuzuordnen sind oder keinen Auslösermechanismus erkennen lassen und die so lange jeder Therapie trotzen, bis erkennbar wird, was sich wie bei einem Eisberg unter der Wasseroberfläche verbirgt.
Die Autoren verlassen dabei nie das Feld der Orthopädie mit der zunächst inge-nieurmäßigen Betrachtungsweise eines Problems (Biomechanik . . .), sondern erweitern das Blickfeld und den damit verbundenen Aufmerksamkeitsbereich. Vermeintlich Unwichtiges wird erfasst, seien dies Ansätze von Bewegungen, Worte, die nicht in den Kontext passen, oder mimische Regungen, die unter Umständen eine Schlüsselrolle im Verständnis des Ganzen bedeuten können. Es wird über teilweise plötzliche Veränderungen von Schmerzphänomenen berichtet, die durch bestimmte Interventionen entstanden waren, mit dem somatischen Wissenshintergrund aber nicht erklärbar waren. Die neuen Erkenntnisse in der Neurobiologie werden aufgegriffen, um Erklärungsmodelle dafür zu finden.
Die Autoren sehen sich in ihrer Arbeit durch die Hirnforschungsergebnisse bestätigt und versuchen, der psychosomatischen Betrachtungsweise in der Orthopädie zu einem neuen Selbstverständnis zu verhelfen. Es geht ihnen dabei nicht um das Entweder-oder, sondern um das Sowohl-als-auch (Körper und Seele), das man mit einer erweiterten Wahrnehmung erreichen kann.
Das Buch lebt von der empathischen Schilderung vieler Schmerzschicksale, wie sie einem in der alltäglichen Praxis begegnen. Eine wissenschaftlich fundierte Evaluation belegt die Effektivität der dargestellten therapeutischen Vorgehensweise. Diagnostische Instrumente und Arbeitstechniken werden detailliert dargestellt. In der Aufforderung zum Umdenken, in Bezug auf die Komplexität der Entstehung von Körpersymptomen, ist die Autorin Protagonistin einer bio-psychosozialen Betrachtungsweise, die leider nur sehr zögerlich in die Orthopädie Eingang findet.
Klaus-Peter Schirmer
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