VARIA: Schlusspunkt

Besser ungesund!

Dtsch Arztebl 2006; 103(4): [80]

Pfleger, Helmut

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Vor zwei Jahren rühmte ich die vollendete Vorbereitung von Prof. Dr. med. Peter Krauseneck aufs Ärzteschachturnier, als er schon eine Woche vorher anreiste, ganz entspannt sogar genussvoll seine Steuererklärung erledigte und folgerichtig den geteilten ersten Platz erreichte. Vermutlich hat er damals die Erinnerungen des ehemaligen Weltmeisters Michail Botwinnik gelesen, der vor wichtigen Turnieren einen Aufenthalt von 15 bis 20 Tagen in der frischen Luft auf dem flachen Lande empfiehlt. Doch eine Erfolgsgarantie kann offenbar selbst so nicht gegeben werden, wenn man dem holländischen Großmeister Jan Timman, der 1993 mit Karpow sogar um die WM spielte, glauben darf. Dieser, beeindruckt von Botwinniks Worten, nahm sich mit einem Freund vor, dessen einleuchtendem Rezept zu folgen.
„Deshalb sagten Hans Böhm und ich dem Freibeuterleben erst einmal Lebewohl und zogen uns, unter anderem, einen Monat lang in ein Häuschen auf dem platten Lande in Friesland zurück. Insgesamt drei Monate lebten wir als Gesundheitsfanatiker. Das Turnier begann, die ersten fünf Partien gingen verloren. Nach der Partie hatte ich noch genug Energie, um einige Male durch den Vondelpark zu traben, aber was hatte das für einen Sinn? Dieser peinliche Beginn veranlasste mich zu einer rigorosen Entscheidung: Ich warf alle spartanischen Angewohnheiten über Bord und versündigte mich mit allem, was als ungesund verschrien war – kurzum, ich kehrte wieder zu meiner alten Lebensart zurück. Und siehe da – mit einem Mal ging alles wundervoll.“ (Vorwort in „Jan Timman analysiert Großmeisterpartien“).
Doch bei unserer heutigen Aufgabe muss Jan wieder auf dem Askesetrip gewesen sein. Wie sonst soll man sich die beklagenswerte Lage erklären, in die er als Schwarzer 1991 in Tilburg gegen den englischen Großmeister Nigel Short geraten war. Short als Weißer am Zug scherte sich keinen Pfifferling um seinen angegriffenen Turm d7; stattdessen begann er mit einem gänzlich ungewöhnlichen, normalerweise nur auf seine Sicherheit bedachten „Kandidaten“ eine Mattschlinge um den schwarzen König zu ziehen, sodass jener gleich das Handtuch warf. Wie kam’s?

Lösung:

Der munter im freien Feld vagabundierende weiße König – eine Seltenheit im Mittelspiel – näherte sich mit 1. Kf4-g5 noch mehr der Festung seines Antipoden. Schwarz gab danach schon auf, weil gegen die furchtbare Drohung Kg5-h6, also das völlige Eindringen des weißen Königs ins schwarze Lager, nebst Matt durch Df6-g7 nichts Sinnvolles zu erfinden war. Voltaire spottete einst über den schwedischen König Karl XII., weil dieser immer mit seinem König vorneweg marschierte und so verlor – aber das ist eine andere Geschichte.
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