ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Johannes Rau und die Ärzteschaft: Gespür für Menschen

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Johannes Rau und die Ärzteschaft: Gespür für Menschen

Stüwe, Heinz

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LNSLNS Der Beruf des Arztes ist kein Beruf wie jeder andere. In unserer säkularen Gesellschaft . . . müssen Ärzte oft auch Aufgaben eines Seelsorgers übernehmen.“ Das sagte Bundespräsident Johannes Rau wenige Tage vor der Wahl seines Nachfolgers, am 18. Mai 2004, zur Eröffnung des 107. Deutschen Ärztetags in Bremen. Der Tod Raus ist Anlass, sich an manche seiner Mahnungen zu erinnern, die über den Tag hinaus gültig bleiben. In seiner viel beachteten Bremer Rede stellte er die Rolle des Arztes als „Lebensberater“ heraus. Seine Worte wurden als Kontrapunkt zur tagespolitisch bestimmten Rede der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt verstanden. Auch von Bundeskanzler Gerhard Schröder setzte sich der Bundespräsident Rau bisweilen ab, beispielsweise mit seiner nachdrücklichen Forderung, die medizinische Forschung benötige ein ethisches Fundament. Embryonen seien keine Experimentiermasse für die Stammzellforschung.
Die Stimme Raus wird fehlen. Werden seine Einsichten, dass Medizin nicht nur Wissenschaft, sondern auch „Heil-Kunst“ ist, dass viele Patienten bei ihrem Arzt nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Zuwendung suchen, künftig ausreichend Beachtung finden? Es geht nicht um ein altmodisch-verklärtes Arztbild, vielmehr um konkrete Anforderungen: Rau wusste, dass Ärzte neben fachlichem Können etwas benötigen, über das er selbst in ungewöhnlichem Maß verfügte: Gespür für Menschen. Ärzte müssen aber auch die Bedingungen vorfinden, um mehr sein zu können als Medizintechniker. Rau hat stets davor gewarnt, das ganze Leben in Begriffe der Betriebswirtschaft zu pressen. „Gesundheit ist ein hohes Gut, aber sie ist keine Ware. Ärzte sind keine Anbieter, und Patienten sind keine Kunden, zumindest nicht in erster Linie.“ Dabei ließ Rau den ökonomischen Druck nicht außer Acht. Dass Krankheiten nicht planbar seien, bedeute nicht, dass den Arzt keine Verantwortung treffe, wenn die verfügbaren Mittel erschöpft seien. Vielmehr sei das Geld so einzusetzen, dass es den größten Nutzen für die Gesundheit der Menschen bringe. Ein guter Maßstab, an dem sich Reformgesetze messen lassen müssen. Dabei würde Rau den ökonomischen Begriff „Nutzen“ weit fassen: „Ich wünsche mir, dass ein humaner Umgang mit Krankheit das unverwechselbare Merkmal unseres Gesundheitswesens bleibt.“ Heinz Stüwe
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