ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Nachgefragt: Prof. Dr. Herbert Rebscher

POLITIK

Nachgefragt: Prof. Dr. Herbert Rebscher

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-224 / B-195 / C-191

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Foto: DAK Prof. Dr. Herbert Rebscher (50) ist Vorstandsvorsitzender der DAK. Bei der zweitgrößten bundesweiten Ersatzkasse sind rund 6,2 Millionen Menschen versichert.
Foto: DAK Prof. Dr. Herbert Rebscher (50) ist Vorstandsvorsitzender der DAK. Bei der zweitgrößten bundesweiten Ersatzkasse sind rund 6,2 Millionen Menschen versichert.
DÄ: Die DAK hat bislang rund 200 Verträge zur Integrierten Versorgung (IV)
geschlossen. Wollten Sie schnell sein? Oder hatten Sie gleich eine klare Strategie?
Rebscher: Schnell zu sein gehört dazu. Aber dann muss man Schnelligkeit in Konzeption umwandeln. Wir haben zum Beispiel ganz bewusst unterschiedliche Versorgungsmodelle für ein und dieselbe Indikation gewählt, um verschiedene Strategien auszuprobieren.

DÄ: Zum Beispiel?
Rebscher: IV-Verträge über Hüftoperationen sind ein Renner. Wir haben in einem Vertrag mit niedergelassenen Ärzten und Reha-Kliniken unter anderem geregelt, dass ein Patient schon vor der OP in die Klinik kommt und das Reha-Programm mitmacht. Die Ärzte wissen: Wer dann erlebt, wie schwer es sich an Krücken geht, wird bereitwilliger üben und eher abnehmen. Es wird gar keine andere Medizin praktiziert. Aber sie folgt anderen Abläufen, in denen Patienten wie Ärzte mehr Sinn erkennen.

DÄ: Lässt sich an dem beschriebenen IV-Vertrag also der neue Gestaltungswille der Kassen erkennen?
Rebscher: Das ist Fallmanagement und damit ein Teil der neuen Rolle von Kassen. Unsere Mitarbeiter sollen aber nicht in medizinischen Fragen mitdiskutieren, sondern sinnvolle Strukturen aufbauen und koordinieren helfen. Mein Ziel ist: mit Partnern aus der Medizin dazu beizutragen, dass ein Patientenproblem gelöst wird.

DÄ: Kooperieren Sie bei IV-Verträgen auch mit anderen Kassen?
Rebscher: Ja. Denn wenn man eine Veränderung im Versorgungsgeschehen bewirken will, dann reichen oft die eigenen Patientenzahlen nicht aus. Kleinteilige Verträge sind zudem teuer. Es
ist aber schwer, IV-Verträge kassenartenübergreifend zu schließen, denn oftmals scheitert man da schon an der unterschiedlichen EDV.

DÄ: Was spricht vor diesem Hintergrund gegen Kollektivverträge?
Rebscher: Es muss Kollektivverträge geben, aber keinen Kollektivvertragszwang. Wenn eine KV für einzelne Arztgruppen gute Verträge machte, wäre ich der Letzte, der sie nicht unterzeichnen würde. Aber eines will ich nicht: dass die Mehrheit sinnvolle Verträge der Minderheit verhindert.

DÄ: Einzelverträge verärgern Ärzte, auf die die Kassen für die Versorgung doch angewiesen sind.
Rebscher: Es gibt viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ärzteschaft und Kassen, als man denkt. Wir kennen unsere Probleme wechselseitig recht gut. Unsere Vertragspartner in den IV-Verträgen kritisieren sowieso wenig. Die Kritik kommt von denen, die keinen Vertrag haben. Oder die durch ein Modell in Argumentationsnöte kommen.

DÄ: Wie geht es weiter?
Rebscher: Mit der Friedhofsruhe ist es vorbei, bei den Kassen und bei den Leistungserbringern. Die Diskussionslinien verlaufen längst querbeet. Und wer in der Politik einerseits mehr Wettbewerb verlangt und andererseits will, dass das System zur Ruhe kommt, ist auf dem falschen Dampfer.
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