ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Doctor to doctor: Der Nutzen überzeugt

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Doctor to doctor: Der Nutzen überzeugt

Mohr, Gilbert

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LNSLNS Über die von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein entwickelte Telematikplattform lassen sich inzwischen viele Routineanwendungen in der Arztpraxis optimieren.

Die technischen Hürden sind eigentlich erledigt“, meint Ulrich Driessen, Facharzt für Allgemeinmedizin in Langerwehe. „Jetzt muss noch die Trägheit unter den Ärzten und in den Krankenhäusern überwunden werden.“ Driessen gehört zu den ersten Ärzten, die das D2D(Doctor to Doctor)-Kommunikationssystem seit dessen Einführung im Jahr 2001 einsetzen. Hauptanwendungen sind für ihn die Online-Abrechnung mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und die elektronische Verwaltung der DMP (Disease-Management-Programme). Auch vom Arztbrief verpricht er sich künftig eine spürbare Entlastung im Praxisalltag – wenn noch mehr Ärzte diese Anwendung nutzen. Immerhin kommuniziert er seit kurzem mit drei Fachärzten regelmäßig per D2D.
Diese Zahl könnte bald steigen, denn die Telematikinitiative der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) hat sich zu einer Erfolgsstory entwickelt: Noch vor dem Jahreswechsel 2005/2006 wurde auf den beiden D2D-Servern in Düsseldorf (KVNo) und Stuttgart (KV Baden-Württemberg) der tausendste ärztliche D2D-Teilnehmer registriert (Grafik 1). Zurzeit kommen durchschnittlich etwa 100 neue Anwender monatlich hinzu, sodass bis Ende 2006 mit einer Verdoppelung der Nutzerzahlen gerechnet werden kann. Vor allem auf dem Düsseldorfer Server sind nicht nur Mitglieder der KVNo eingetragen, sondern zunehmend auch aus ande-
ren Regionen Deutschlands. Dies resultiert aus der bundesweiten Anwendung DALE-UV, dem Datenaustausch mit Leistungserbringern in der gesetzlichen Unfallversicherung. Deshalb gibt es inzwischen beispielsweise auch in Berlin bereits 30 und in Bayern 80 D2D-Praxen, ohne dass dies aktiv von den örtlich zuständigen KVen unterstützt wird.
Darüber hinaus ist der Datenverkehr auf den D2D-Servern 2005 signifikant gestiegen. Auswertungen zeigen, dass die Anwender nicht nur auf den Servern registriert sind, sondern auch tatsächlich miteinander kommunizieren (Grafik 2). „Transaktionen“ (Sendungen) zwischen D2D-Teilnehmern sind etwa Datenlieferungen an die DMP-Annahmestelle und Eingangsquittungen von dieser, Einsendungen von Testabrechnungen an die KV, Arztbriefe sowie DALE-UV-Lieferungen an den Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften.
Die ersten drei Jahre im D2D-Projekt dienten vor allem der technischen Erprobung und der Verbesserung der Praktikabilität. Die Zuverlässigkeit und Robustheit konnten deutlich optimiert werden. Dabei haben insbesondere rund 30 Praxen aus der Region Düren, die alle das Praxissystem Duria einsetzen, wichtige Pionierarbeit geleistet. Im Rahmen dieser intensiven Testphase wurde aber auch deutlich, dass Telematik nicht l’art pour l’art sein kann: Die Ärzte setzen eine neue Technik nur dann ein, wenn sie ihnen praktische Vorteile bringt. Sie muss schneller oder preiswerter sein als das konventionelle Verfahren – oder am besten beides.
Kein l’art pour l’art
So erfüllten die elektronische Überweisung und die elektronische Patientenakte, die im breiten Anwendungsportfolio von D2D enthalten sind, diese Bedingung nicht. Es gibt kein Geschäftsmodell für diese Anwendungen: zu kompliziert, zu teuer und zu aufwendig. Ähnliches gilt auch für das elektronische Rezept, auf das die Macher der Gesundheitskarte setzen.
Nachgefragt werden einfach strukturierte Anwendungen, wie zum Beispiel das elektronische DMP. „Statt die Patientendaten auf einem DMP-Bogen auszudrucken oder den DMP-Datensatz auf Diskette zu speichern und den Datenträger an die Datenannahmestelle zu senden, kann ich mit D2D sofort per Knopfdruck die elektronischen DMP-Bögen über die Datenleitung versenden“, erläutert Driessen. „Als unmittelbare Rückkopplung gibt es dann eine Eingangsquittung von der Datenannahmestelle, die ebenfalls mit D2D verschickt wird.“ Derart optimierte Prozesse überzeugen die Praxen und generieren Nachfrage. Nach dem gleichen Muster sind auch die anderen erfolgreichen Anwendungen in D2D gestrickt: Online-Abrechnung mit der KV, Versand von elektronischen Arztbriefen, Übermittlung von DALE-UV-Unterlagen an die Berufsgenossenschaften und schließlich Einreichung der Dokumentation zur Früherkennungskoloskopie an die KV.
Mit diesen wirtschaftlich sinnvollen und de facto auch genutzten Anwendungen wurde gleichzeitig bei den Softwarehäusern die Bereitschaft gesteigert, D2D in die Praxissoftware zu integrieren. Darin liegt der zweite Erfolgsfaktor: Die Nutzung setzt voraus, dass die verwendete Primärsoftware (Praxisverwaltungssysteme/PVS oder Krankenhausinformationssysteme/KIS) die Kommunikationslösung unterstützt, das heißt den Empfang und Versand von Nachrichten über einen D2D-Server vorgesehen hat.
Auch wenn die in D2D mitgelieferte Sicherheitstechnik anspruchsvoll ist, bedeutet das nicht, dass die Anwendungen kompliziert sind. Die Primärsystemanbieter legen besonderen Wert auf Anwenderfreundlichkeit und Praktikabilität: Beispielsweise wird, statt ein Formular oder einen Brief auszudrucken, einfach der elektronische Versand vom Anwender per Knopfdruck gewählt. Die entsprechenden Kommandos sind in jedem PVS oder KIS anders umgesetzt. Damit wird ein harmonisches Einfügen in die gewohnte Bedienoberfläche und in Routineabläufe gewährleistet. Inzwischen haben alle führenden PVS-Anbieter D2D implementiert, ebenso einige namhafte KIS-Anbieter. Die Liste der D2D-unterstützenden Softwarehäuser wird länger (siehe Überblick unter www.d2d.de).
Zukunftssichere, ausbaufähige Technologie
Schließlich konnte im Jahr 2005 auch ein wichtiger Schritt hin zur künftigen Tele­ma­tik­infra­struk­tur umgesetzt werden. Bis Mitte 2005 war der Zugang zum D2D-Server aus Datenschutz- und Datensicherheitsgründen ausschließlich über ISDN-Wählverbindungen möglich. Seit Juli 2005 werden alternativ auch Betreiber von VPN für den Zugang zum D2D-Dienst zugelassen. Virtuelle Private Netzwerke (VPN) sind sichere Netze, die eine vollständig verschlüsselte, von außen unangreifbare Verbindung zwischen den Kommunikationspartnern auf IP-Basis (Internet-Protokoll) ermöglichen. Die Anbindung über VPN ist wichtig für die Zukunftsfähigkeit des D2D-Systems. Dabei wird im Prinzip die gleiche Technologie benutzt, wie sie später auch bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte verwendet werden soll. Die für den D2D-Dienst bislang zugelassenen VPN-Provider i-motion, dgn und telemed bieten ihren Kunden die Möglichkeit des Zugangs alternativ über ISDN oder DSL.
Im laufenden Jahr sollen zusätzliche D2D-Anwendungen etabliert werden, beispielsweise die Übermittlung der Meldungen für das Krebsregister, so wie sie das Land Nordrhein-Westfalen gesetzlich fordert. Darüber hinaus ist die Investitionssicherheit für alle D2D-Nutzer definitiv gegeben. In Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung werden die Ansätze von D2D so weiterentwickelt, dass eine Interoperabilität mit den künftigen Telematikkomponenten der gematik gegeben ist. Auch vor diesem Hintergrund dürften sich die Anwenderzahlen 2006 noch deutlich erhöhen. Gilbert Mohr,
Stabsstelle IT in der Arztpraxis, KV Nordrhein


Hintergrund D2D
D2D ist eine Kommunikationslösung, die als Ergänzung zur Praxis- oder Krankenhaussoftware den sicheren Transport sensibler Daten zwischen medizinischen Leistungserbringern ermöglicht. Sie unterstützt sämtliche im Gesundheitssystem benötigten elektronischen Versandarten von Daten:
c Bei der „adressierten“ Übermittlung an eine bestimmte Person oder Institution (Beispiele: Arztbrief, DMP-Bericht, Abrechnung) werden die Daten so verschlüsselt, dass sie nur der ausgewählte Empfänger lesen kann. Außerdem werden die Daten elektronisch signiert. Dadurch sind sie verbindlich, und es lässt sich prüfen, ob alle Informationen vollständig und unverfälscht übertragen wurden.
c Bei der „gerichteten“ Übermittlung bestimmt der Patient den Empfänger (Beispiele: Überweisung, Rezept). Bei der Verschlüsselung wird deshalb ein spezielles Verfahren eingesetzt („Verschlüsselung für Unbekannt“), das die Vertraulichkeit und Sicherheit gewährleistet.
c Bei der „ungerichteten“ Übermittlung (Patienten- oder Fallakte) können verschiedene Behandler Informationen zu einem gemeinsamen Fall speichern. Auch hier wird es über ein spezielles Verschlüsselungsverfahren ermöglicht, dass der Patient den Empfänger auswählen kann und festlegen kann, wer Zugriff auf die Akte hat.
Eine Anmeldung zur D2D-Teilnahme ist bei den KVen Nordrhein und Baden-Württemberg möglich. Die wichtigsten Anwendungen sind zurzeit elektronisches DMP, Online-KV-Abrechnung, DALE-UV (Datenaustausch mit Leistungserbringern in der gesetzlichen Unfallversicherung), elektronischer Arztbrief und elektronische Dokumentation zur Früherkennungskoloskopie.
Information: http://kvno.arzt.de/importiert/d2d_anwenderinfos_2005_01.pdf
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