ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Benjamin Franklin: Verbundenheit mit der Medizin

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Benjamin Franklin: Verbundenheit mit der Medizin

Gerste, Ronald D.

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Zeichnung: KF
Zeichnung: KF
Der Naturforscher war ungemein von der Heilkunde fasziniert. Er konzipierte unter anderem einen Harnkatheter und die Bifokalbrille.

Der Mann hatte Nerven. Die Großmächte führten wieder einmal Krieg gegeneinander, und das Überleben seines Landes in dem Konflikt hing ganz wesentlich von seinem Geschick als Diplomat am französischen Hof ab. Doch trotz dieser Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, fand er Muße, sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Physiologie des menschlichen Digestivtraktes verbessern könnte: „Ich würde ein Preisgeld für die Entdeckung eines Medikamentes aussetzen, welches mit unserem Essen und den Saucen vermischt wird und das dafür sorgt, dass das natürliche Lassen der Winde unseres Körpers nicht als abstoßend, sondern als so angenehm wie Parfüm empfunden würde.“
Die pharmakologische Beeinflussung der Darmwinde stand auf seiner Prioritätenliste nicht sehr weit oben, sodass er auf eine Publikation dieses Gedankenganges wohlweislich verzichtete. Die meisten anderen Geistesblitze, ob wissenschaftlich, politisch oder philosophisch, pflegte der gelernte Drucker meist relativ schnell und zur Freude einer immer größeren Verehrergemeinde in dicken Lettern setzen zu lassen. Er war eines der großen Universalgenies der Neuzeit und wird in diesem Jahr in seinem Heimatland gebührend gefeiert: Benjamin Franklin. Vor 300 Jahren, am 17. Januar 1706 in Boston, geboren, gibt es vielerlei Gründe, sich seiner zu erinnern. Die beiden wichtigsten sind seine Erfindung des Blitzableiters, mit dem der Mensch nicht länger einer als Verderben bringend erachteten Naturgewalt hilflos gegenüberstand, und sein Anteil an der Gründung der USA. Im Alter von 70 Jahren gehörte er 1776 zu den Mitautoren der Un-
abhängigkeitserklärung. Danach schickte ihn der Kongress nach Frankreich, um dort Unterstützung für den Unabhängigkeitskrieg gegen England zu gewinnen. Auch dies gelang – ohne seine diplomatischen Bemühungen hätten sich die 13 ehemaligen Kolonien vielleicht nie als unabhängiger Staat konstituieren können.
Franklins Ruf war ihm nach Europa vorausgeeilt, denn seit seinem berühmten Experiment mit dem Drachen im Gewittersturm galt er als einer der größten Naturforscher der Epoche. Franklin war sein ganzes Leben lang ein begeisterter Mann der Wissenschaft. Entscheidend war für ihn: Die Wissenschaft musste praktischen Nutzen haben, musste das Leben der Menschen verbessern. Dazu ist die Medizin in besonderem Maße angetan – folgerichtig faszinierte die Heilkunde den Mann, der nur eine kurzzeitige Schulausbildung genossen hatte, ungemein. Als sein älterer Bruder John, der in Boston lebte (Franklin selbst war als 17-jähriger Druckerlehrling von zu Hause weggelaufen und nach Philadelphia gegangen), ihm von seinen Blasenbeschwerden schrieb und über Dysurie klagte, suchte Ben sofort nach einer praktischen Lösung. Er konzipierte einen dünnen Silberkatheter, den er bei einem Schmied anfertigen ließ, flexibel und mit einem Draht in seinem Lumen zu bewegen, sodass er beim Einführen den Windungen der Harnröhre angepasst werden konnte.
Persönliches Leid motivierte ihn zu seinem publizistischen Feldzug für eine umstrittene Prophylaxe. Als Lehrling in der Druckerwerkstatt seines Bruders James hatte er für dessen Zeitung „The New England Courant“ noch die Buchstaben für Artikel gesetzt, in denen das Blatt gegen die damals heftig diskutierte Pocken-Inokulation zu Felde zog. Einige Jahre später wurde er einer der aktivsten Verfechter der von der englischen Diplomatengattin Lady Mary Montagu nach Europa gebrachten Methode, einem Vorläufer der später von Jenner propagierten Impfung. Als Franklin in Philadelphia längst ein erfolgreicher Geschäftsmann und offizieller Drucker der Kolonie Pennsylvania geworden war, schlug die Infektion auch in seiner Familie zu. Sein vierjähriger Sohn Folger Franklin, genannt Franky, fiel 1736 den Pocken zum Opfer. Er schrieb Essays und propagierte die Inokulation. Einer seiner späteren Weggefährten, Thomas Jefferson, setzte Franklins Werk fort und wurde zum bekanntesten Befürworter der Jennerschen Impfung in den USA.
Der amerikanische Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin wurde vor 300 Jahren in Boston geboren. Abb.: Picture Alliance/KPA
Der amerikanische Staatsmann und Erfinder Benjamin Franklin wurde vor 300 Jahren in Boston geboren. Abb.: Picture Alliance/KPA
Eine von Franklins Erfindungen fand – was keineswegs seine Absicht gewesen war – Eingang in die Medizingeschichte des 18. Jahrhunderts. Es war die Glasharmonika, ein aus Glaskolben unterschiedlicher Größe bestehendes Musikinstrument, dem man Töne entlocken konnte, die ein späteres Zeitalter wahrscheinlich als psychedelisch bezeichnet hätte. Die Sphärenklänge der Glasharmonika wurden von keinem Geringeren als Franz Anton Mesmer, Namensgeber des „Mesmerismus“, regelmäßig als Hintergrundmusik für seine Séancen benutzt, bei denen er das „Fluidum“, den „thierischen Magnetismus“ mithilfe von Metallstäben und nicht zuletzt seinen heilenden Händen durch die Körper seiner Patienten strömen ließ. Mesmers Erfolge, die eher gesellschaftlicher als medizinischer Art waren, konnte ein durch und durch rational denkender Mensch wie Franklin nicht nachvollziehen. Wie sein Biograf Philip Dray schreibt, war Franklin zusammen mit wissenschaftsinteressierten Freunden wahrscheinlich der Erste, der die Wirkung eines Placebos dokumentierte. Im Garten seines Hauses in Passy bei Paris ließ er einen Mesmer-Doppelgänger auftreten und Patienten an „magnetisierte“ Gegenstände fassen. Mehrere äußerten körperliche Beglückung, als sie sich des Magnetismus teilhaftig glaubten. Ein zwölf Jahre alter Junge, dem man erzählt hatte, dass ein Baum „mesmerisiert“ sei, bekam die Augen verbunden und wurde dann aufgefordert, den betreffenden Baum herauszufinden. Bei einem der Bäume geriet er in Konvulsionen, vermeinte das Fluidum zu verspüren und fiel schließlich in Ohnmacht – natürlich war der Baum in keiner Weise behandelt worden. Franklins Urteil über diese Modeerscheinung der Heilkunde war nüchtern: „Dies ist ein Effekt, der keine äußere, physikalische Ursache hat, sondern der nur von der Einbildung hervorgerufen sein kann.“
Noch während seiner Zeit als Gesandter der im Entstehen begriffenen Vereinigten Staaten in Frankreich (1776 bis 1785) machte Franklin eine weitere Erfindung, die noch heute Millionen von Patienten zugute kommt, die an einer harmlosen Alterserscheinung leiden, der Presbyopie. Wahrscheinlich ist ihm beim Lesen der unzähligen Präliminarentwürfe und Konzepte für den von ihm ausgehandelten Friedensschluss mit England im November 1782 die Notwendigkeit deutlich geworden, über eine Sehhilfe zu verfügen, die es erlaubt, gleichzeitig das Kleingedruckte wie auch das Pokerface des ihm gegenübersitzenden Unterhändlers zu ergründen. Ihm kam eine Idee: „Die Konvexität einer Brille, durch die ein Mann am deutlichsten und besten in der richtigen Leseentfernung sieht, ist nicht die beste für größere Distanzen. Daher hatte ich zwei verschiedene Brillen, zwischen denen ich je nach Gelegenheit wechselte, da ich beim Reisen gern lese, aber auch gern die Umgebung betrachte. Dieses Vorgehen fand ich doch recht mühsam und hatte oft auch nicht beide Brillen zur Hand, sodass ich die Gläser entzweischnitt und je eine Hälfte mit der anderen in einer Fassung vereinte. Auf diese Art kann ich die Brille ständig tragen, ich muss nur die Augen nach oben oder unten bewegen, wenn ich deutlich in der Ferne oder Nähe sehen will – die richtige Brillenstärke ist stets dabei.“
Als Franklin 1785 von dem Künstler Charles Willson Peale porträtiert wurde, trug er seine neue Brille mit erkennbarem Stolz. Sie nützte ihm auch bei seinem letzten historischen Akt, dem Entwurf der Verfassung der Vereinigten Staaten im heimischen Philadelphia. Als 1787/88 dieses Werk geschaffen wurde, war Franklin der elder statesman unter den Vätern der Constitution. Verfassung, Bifokalbrille und Blitzableiter funktionieren bis auf den heutigen Tag, wenngleich viele Presbyopen heute die Gleitsichtbrille, die auch mittlere Distanzen abdeckt, bevorzugen.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er als Patient. Er litt unter zwei Krankheiten, die damals vor allem Angehörige der besser gestellten Klassen befielen, Blasensteine und Gicht. Zwar frönte er den Freuden der Tafel, doch das Rauchen lehnte er ab, und sein Umgang mit geistigen Getränken war sehr zurückhaltend. Franklin war, im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen, ein Freund frischer Luft. Interessant ist seine Einschätzung der Pathogenese der Erkältung, die er seinem Freund Benjamin Rush (der einzige Arzt unter den Unterzeichnern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) mitteilte: „Ich bin oft in kalten Wintern gereist und habe mich extremer Kälte ausgesetzt, doch dabei keine Erkältung bekommen. Die Menschen fangen sich eher voneinander eine Erkältung ein, wenn sie zusammen in engen Räumen, Kutschen etc. eingeschlossen sind und einer des anderen Transpirationen einatmet.“
Die gesunde Lebensführung ließ ihn 84 Jahre alt werden; Benjamin Franklin starb am 17. April 1790. Seine Verbundenheit zur Medizin dokumentierte Franklin unter anderem mit der Gründung des heute noch existierenden Pennsylvania Hospital, seine Sorge um die Ausbildung nachfolgender Generationen mit der Konstituierung eines College, aus dem die University of Pennsylvania hervorging. Seine Hochachtung vor Ärzten war ungebrochen, wie aus einigen Aphorismen in seinem großen Werk „Poor Richard’s Almanac“ hervorgeht. Die Belastungen, unter denen der ärztliche Berufsstand leidet, würdigte er in seinem „There is more old drunkards than old doctors“; allzu enge Vertraulichkeit mit dem behandelnden Arzt wehrte er jedoch mit seinem Ratschlag „He’s a fool that makes his doctor his heir“ ab. Über alle Berufs- und Standesgrenzen hinweg ist sein Aufruf zu einem Leben in Pflichterfüllung und ohne sündhafte Exzesse von bleibender Kraft: „Early to bed and early to rise makes a man healthy, wealthy
and wise.“ Ronald D. Gerste
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