ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Telematik: Vorteile werden überschätzt
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Foto: Barbara Krobath
Foto: Barbara Krobath
Wenn Sie die Unterzeile „Die Nutzerperspektive muss bei den Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte stärker berücksichtigt werden“ ernst nehmen, kann man nur zu dem Schluss kommen zu hoffen, dass die Gesundheitskarte nicht kommt. Denn 1. wir brauchen sie nicht, 2. sie birgt Gefahren in sich, 3. sie behindert uns in unserer Arbeit, und 4. sie wird die Kostenprobleme unseres Gesundheitswesens in keiner Weise lösen.
Zu 1.: Die Vorteile des Datenzugriffs über die Karte werden maßlos überschätzt. Kein Arzt wird sich vor einer Transfusion auf die Blutgruppen-Daten auf der Karte verlassen. Zudem kann der Patient bestimmen, was er als Information auf seiner Karte zulässt. Die viel bezichtigten Doppeluntersuchungen kommen doch zum Großteil dadurch zustande, dass der Patient eine Zweitmeinung hören will oder ein Arzt sich aus juristischen Gründen nicht auf eine Voruntersuchung verlassen will oder weil unser Abrechnungssystem die Zweituntersuchung als Leistung höher honoriert als die Zweitmeinung an sich.
Zu 2.: Dazu nur stichwortartig: Euroscheine, ec-Karten, Online-Banking. All dieses sei sicher, hat man uns in der Vergangenheit erzählt. Wir sind zwischenzeitlich eines Besseren belehrt worden. Und nun dieses Medium in so einem sensiblen Bereich wie den Gesundheitsdaten meiner Patienten? Nein Danke!
Zu 3.: Das Älterwerden der Bevölkerung wird nicht berücksichtigt. Wir haben schon jetzt zwei Millionen Demenzkranke in der BRD, Tendenz steigend. Die, die sich die Gesundheitskarte ausgedacht haben, würde ich einmal gerne am Quartalsanfang mit in ein Altenheim nehmen und die Karte dort vor Ort ausprobieren lassen. Oder mit einem älteren Patienten in die Apotheke laufen lassen und mit ansehen lassen, wie dieser seine Marcumar-Tabletten nicht bekommt, weil das Diclofenac, das er schon vor einiger Zeit vom Orthopäden bekommen hat und längst nicht mehr nimmt, nicht von der Karte genommen wurde. Unsere älteren Patienten vergessen jetzt schon öfters die Karte oder wissen zum Teil nicht einmal die Namen ihrer Medikamente, die sie gerade einnehmen . . .
Zu 4.: Die Kostenproblematik unseres Gesundheitswesens liegt darin, dass die Medizin immer mehr kann und das Geld dafür aber von dem arbeitenden Teil der Bevölkerung schon gar nicht, und ich fürchte auch von der Gesamtbevölkerung (also auch den Rentnern) nicht, mehr aufgebracht werden kann oder werden will. Ich verweise auf die Arbeiten von Herrn Prof. Beske zu dieser Problematik, der aufzeigt, wohin sich der lohnbezogene Beitrag zur Kran­ken­ver­siche­rung unter Einbeziehung der demographischen Entwicklung bewegt. Die Einspareffekte durch die elektronische Gesundheitskarte und die elektronische Patientenakte, deren Softwarepflege dann durch Patient und Hausarzt auch noch betrieben und bezahlt werden soll, halte ich für vernachlässigbar. Allein die Einrichtung des Ganzen kostet Milliarden und jeden einzelnen Arzt Tausende von Euro in seiner Praxis . . .
Dr. Hans-Joachim Nagel,
Auf dem Wasen 2, 71640 Ludwigsburg
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