ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Medizingeschichte(n): Euthanasie – Wert des Lebens

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Medizingeschichte(n): Euthanasie – Wert des Lebens

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-254 / B-220 / C-215

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „Es kann [...] keinem Zweifel unterliegen, daß es thatsächlich Fälle giebt, in welchen, mathematisch gesprochen, der Werth eines Menschenlebens negativ wird. In diesem Falle haben wir also thatsächlich ein Recht auf den Tod principiell anzuerkennen. [...]
Nehmen wir an, wir wüssten, daß von tausend Kranken etwa einer genesen werde, daß aber die anderen 999 Menschen noch durch längere Zeit unter großen Schmerzen fortleben, dann aber doch sterben würden. Wen haben wir da zu bevorzugen, die 999 oder den einen? Stellen wir uns zunächst auf den egoistischen Gesellschaftstandpunkt. Was konsumieren oder schaden die 999 Sterbenden und was produciert der eine Gesunde, das ist die nächste Frage. Vergegenwärtigen wir uns nochmals, was vorhin über den Schaden unheilbar Kranker gesagt wurde. Rechnen wir alles zusammen, was ein solcher an Lebensmitteln, Pflege etc. braucht, ferner, was er in vielen Fällen einerseits als physischer Ansteckungsherd für seine Umgebung bedeutet, andrerseits als Träger einer geistigen Infektion durch den deprimierenden Einfluß auf die Gemüther in seiner Nähe. Nun summieren wir das alles und mulitplicieren wir es mit 999; dann haben
wir den Einfluß der unheilbaren 999 auf die Gesellschaft. [...] In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist das langsame Hinsiechen der 999 ein größerer Schaden, als das Fortleben des einen, der gesund wird, ein Nutzen.“

Adolf Jost: Das Recht auf den Tod. Sociale Studie. Göttingen 1895, Seite 18 beziehungsweise 22 f. Diese 53-seitige Streitschrift des jungen Studenten der Philosophie, Mathematik und Physik in Göttingen antizipierte die Argumentation über „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, wie sie in der gleichnamigen Schrift von Karl Binding und Alfred Hoche vorgetragen werden sollte, die 1920 erschien. Im Mittelpunkt steht bereits bei Jost die „mathematische“, das heißt ökonomische Einschätzung des „negativen Wertes“ unheilbar kranker Menschen – eine Einstellung, die für die „Euthanasie“ im „Dritten Reich“ von fundamentaler Bedeutung war.

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