ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Somatisierungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Verselbstständigung der psychosomatischen Symptomatik

MEDIZIN: Diskussion

Somatisierungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Verselbstständigung der psychosomatischen Symptomatik

Simchen, Helga

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LNSLNS In der Kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis ist eine häufige Ursache für Somatisierungsstörungen das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität. Mit dessen Diagnose ergibt sich eine im oben genannten
Artikel nicht erwähnte, aber sehr erfolgreiche kausale Behandlungsmöglichkeit. Wird die Diagnose ADS/ADHS gestellt, können die begleitenden psychosomatischen Beschwerden mit einer in ein multimodales Therapiekonzept eingebundenen Stimulanzientherapie recht erfolgreich und dauerhaft gebessert werden.
Noch immer wird dieser Subtyp des ADS zu selten diagnostiziert, wobei die psychosomatischen Beschwerden hier Folge und nicht Ursache der ADS-Problematik sind. Bestehen neben psychosomatischen Beschwerden folgende Funktionsbeeinträchtigungen, so sollte an das Vorliegen eines ADS gedacht werden:
– Aufmerksamkeit und Konzentration können nicht willentlich konstant gehalten werden
– Es besteht eine Reizüberflutung des Gehirns durch Filterschwäche
– Die Gefühlssteuerung ist spontan und ungebremst
– Zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis kommt es zu Informationsverlusten
– Die verschiedensten motorischen Bereiche können betroffen sein.
Bei ausgeprägter ADS-Symptomatik mit ständiger Überforderung, fehlen-
den Kompensationsmöglichkeiten, Unverständnis des sozialen Umfelds, hohem Eigen- und Fremdanspruch leidet vor allem das Selbstwertgefühl der Betroffenen. Sie fühlen sich den Anforderungen nicht gewachsen, sind verunsichert und entwickeln eine negative Sichtweise. Erfolgt keine rechtzeitige Behandlung, kann es zur reaktiven Fehlentwicklung kommen mit sekundärer Somatisierung. Eine mögliche Psychodynamik ist dabei Folgende:
– Beim ADS besteht eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung, die zu Lerndefiziten mit Teilleistungsstörungen und fehlender sozialer Kompetenz führen kann. Die Folgen sind dann Misserfolgserlebnisse mit Enttäuschung, Frust, innerer Verunsicherung und schlechtem Selbstwertgefühl. Diese unbewältigten Konflikte führen zur sekundären Somatisierung, wobei sich begleitende Stoffwechselprozesse dann verselbständigen können.
– Patienten mit einem ADS ohne Hyperaktivität reagieren introvertiert und regen sich nicht wie beim hyperaktiven Subtyp nach außen hin über Aggressionen ab, sondern geben sich für alles die Schuld. Sie entwickeln frühzeitig durch die Mitbeteiligung des serotonergen Systems Ängste, Zwänge und depressive Verhaltensmuster. Zwar haben dabei die Serotoninwiederaufnahmehemmer einen therapeutischen Effekt, aber mit der Gabe eines Methylphenidats im Rahmen eines multimodalen Therapieprogramms könnte die eigentliche Ursache und somit die gesamte ADS-Problematik gebessert werden. Wenn es erforderlich ist, können auch beide Medikamente miteinander kombiniert werden.
Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist nicht selten die Ursache; seine angeborenen neurobiologischen Defizite haben eine anhaltende kognitive, emotionale, soziale und motorische Überforderung zur Folge, die den Weg für eine reaktive Fehlentwicklung mit psychosomatischen Beschwerden bahnt. Diese sekundäre Somatisierung erfolgt über Schmerzbahnen, die bei psychischer Belastung sofort über Stoffwechselprozesse aktiviert werden. Je länger die psychische Belastung besteht, umso mehr verselbstständigt sich dann die psychosomatische Symptomatik.

Dr. med. Helga Simchen
Bonifaziusplatz 4a
55118 Mainz

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