ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Unkonventionelle Therapien der multiplen Sklerose – Nutzen unklar: Zweierlei Maß

MEDIZIN: Diskussion

Unkonventionelle Therapien der multiplen Sklerose – Nutzen unklar: Zweierlei Maß

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-259

Bischoff, Martina

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LNSLNS Die Autoren raten, bei aus ihrer Sicht ungenügender Datenlage Patienten mit MS unkonventionelle Therapien nicht zu empfehlen. Dabei werden diese, wie sie selbst schreiben, von den Patienten übereinstimmend als positiv beurteilt und – trotz einer breiten Anwendung – Nebenwirkungen nur selten angegeben.
Von unkonventionellen Therapien soll abgeraten werden, wenn diese mit hohen Therapiekosten (zum Beispiel mehr als 2 000 Euro pro Jahr) oder möglichen Nebenwirkungen auch in Einzelfällen verbunden sind.
Gleichzeitig erwähnen die Autoren, dass gerade für die Subgruppe der Patienten mit chronisch progredientem Verlauf, die Wirksamkeit der meist angewandten konventionellen Medikamente (Beta-Interferonen, Glatiramerazetat, Mitoxantron, Corticoide) nicht nachgewiesen ist. Dabei sind diese Therapien mit hohen Kosten (beispielsweise für Beta-Interferon 15 210 Euro pro Jahr) und durchaus häufigen und relevanten Nebenwirkungen behaftet.
Soll den MS-Patienten von diesen Medikamenten nun auch abgeraten werden? Oder wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Neue Studien werden gefordert. Aber wer soll diese durchführen? Die Autoren befinden sich in einer Position, in der sie die wissenschaftliche Situation bezüglich unkonventioneller Therapieverfahren verbessern könnten. Aber wie soll das gehen, wenn sie selbst keine Erfahrung damit haben, weil sie ihren Patienten diese Therapien nicht empfehlen?
So wird eine große Chance vertan, wirksame Therapien zu untersuchen und diese den Patienten bereits jetzt anzubieten. Aus meiner Sicht wird in diesem Fall der Begriff evidenzbasierte Medizin missgedeutet. Diese fordert, die für den Patienten beste Evidenz im Einzelfall anzuwenden. Bei Fehlen von qualitativ hochwertigen kontrollierten Studien können dies durchaus Beobachtungsstudien oder sogar persönliche Erfahrungen sein. Diese in dieser Lage zu ignorieren erscheint mir den Patienten gegenüber unfair.

Martina Bischoff
Ob dem Dorf 6
79379 Müllheim

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