ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Unkonventionelle Therapien der multiplen Sklerose – Nutzen unklar: Schlusswort
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LNSLNS In der Übersicht haben wir einige häufig verwendete unkonventionelle Therapien der MS vorgestellt und aus dem Blickwinkel der wissenschaftlichen Medizin diskutiert.
Herr Kollege Doepp kritisiert unsere Schlussfolgerung, dass keine dieser Therapien empfohlen werden kann, weil adäquate Studien fehlen, die den Nutzen beweisen. Wie Herr Doepp zu Recht schreibt, sind solche aufwendigen Studien zurzeit so gut wie nicht durchführbar, weil öffentliche Gelder dafür kaum zu erhalten sind und pharmazeutische Unternehmen aus verschiedenen Gründen nicht interessiert sind. Die Autoren können dies aus eigener Erfahrung bestätigen.
Frau Kollegin Bischoff merkt an, es werde mit zweierlei Maß gemessen. Bei unkonventionellen Therapien würde schnell das Argument des fehlenden Wirkungsnachweises vorgebracht, wohingegen konventionelle Therapien auch bei Patientengruppen, bei denen ein Nutzen nicht nachgewiesen wird, kritiklos angewendet würden. Wenn dies in der Praxis tatsächlich so erfolgt, ist es nicht gerechtfertigt. Aus unserer Sicht sollte selbstverständlich auch für konventionelle Therapien gelten, dass diese entsprechend den gegenwärtigen Behandlungsrichtlinien nur bei den Patienten angewendet werden, bei denen ein Nutzen bekannt ist. Bei dem von Frau Bischoff zitierten Beispiel der chronisch progredienten MS ist der Nutzen konventioneller immunmodulierender Medikamente nicht belegt, und diese Medikamente sollten bei diesen Patienten deswegen auch nicht indiziert werden. Frau Bischoff spricht noch das Thema Erfahrungsmedizin versus wissenschaftlicher Medizin an. Dies ist ein grundsätzliches Problem aller unkonventionellen Verfahren, das wir nicht diskutiert haben, weil es den Rahmen und das Ziel der Arbeit bei weitem gesprengt hätte. Allerdings muss gerade bei chronischen Erkrankungen wie der MS die persönliche Erfahrung ganz besonders kritisch betrachtet werden, weil der spontane Krankheitsverlauf bei der MS individuell nicht vorhersehbar und höchst variabel ist. Zudem spielen Placeboeffekte eine große Rolle: So sind in klinischen Studien bei MS bei einzelnen Symptomen wie Schmerz oder Spastik Placeboeffekte im Bereich von 40 Prozent gesehen worden. Leider gibt es bisher kaum valide Studien, die den Effekt unkonventioneller Therapien auf die Lebensqualität untersuchen.
Herr Kollege Beer kritisiert die fehlende Abgrenzung „echter, klassischer Naturheilverfahren“ von anderen unkonventionellen Therapien. Wir haben nicht den Versuch unternommen, die einzelnen Therapiesysteme zu differenzieren, sondern haben lediglich die wissenschaftliche Evidenz diskutiert, die für die jeweilige Therapie spricht, ohne zwischen häufig weitgehend akzeptierten Methoden wie der Phytotherapie und anderen Verfahren zu differenzieren. Herr Beer hat völlig Recht, dass es eine Tautologie darstellt, wenn unkonventionelle Therapien aus wissenschaftlicher Sicht nicht empfohlen werden können. Unserer Meinung nach war eine solche Klarstellung angesichts der zahlreichen unkonventionellen Heilverfahren, die zunehmend auch von Schulmedizinern (meist als IGEL-Leistung) angeboten werden, sinnvoll. Aus wissenschaftlicher Sicht können Therapien, deren Wirkung völlig unklar ist, die aber oft aufwendig, häufig teuer und gelegentlich sogar riskant sind, nicht empfohlen werden.
Wir unterstützen nachhaltig das Anliegen der meisten Leserbriefe, die beklagen, dass die Studienlage in Bezug auf unkonventionelle Therapien der MS schlichtweg zu dürftig ist, um valide Aussagen treffen zu können. Sowohl von der wissenschaftlichen Medizin, aber vor allem natürlich von den Anbietern unkonventioneller Therapien sollten dringend zuverlässige Daten zum Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil dieser Maßnahmen erhoben werden.

Priv.-Doz. Dr. med. Stefan Schwarz
Priv.-Doz. Dr. med. Hans Leweling
Prof. Dr. med. Michael Daffertshofer
Prof. Dr. med. Hans-Michael Meinck
Neurologische Universitätsklinik
Klinikum Mannheim der Universität Heidelberg
Theodor-Kutzer-Ufer 1–3
68135 Mannheim

Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

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