ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Die Tote an der Fahnenstange

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Die Tote an der Fahnenstange

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-271 / B-236 / C-231

Schulz, Annerose

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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Ärzteschaft.

Das Telefon schrillte hässlich – an diesem grauen, regnerischen Morgen. Die Sprechstunde lief schon auf Hochtouren, und das Wartezimmer war wie immer voll. Das Gesicht der Schwester am Telefon verkündete nichts Gutes. Ein Unglücksfall in einem öffentlichen Gebäude, fast im Stadtzentrum, in der Beethoven-Straße. Ganz dringend! Die Kriminalpolizei sei auch schon da.
Wir rasten los, sprangen in den Bereitschaftswagen, sprinteten die Treppen hinauf. Erste Etage, zweite Etage. Keuchend blieben wir vor einer steilen engen Bodentreppe stehen. Ein Kriminalist empfing uns. „Schlimm“, sagte er, „sehr schlimm. Erschrecken Sie nicht.“ Wir kletterten die halsbrecherische Stiege hinauf. Oben erwarteten uns weitere Kriminalpolizisten, bemühten sich um Spurensicherung, mit besorgten, verzerrten Mienen.
Die Mutter von zwei kleinen Kindern
Auf dem Fußboden dieses schäbigen, staubigen Bodenraumes lag eine junge Frau, oder vielmehr die Leiche einer jungen Frau. „Wir haben sie gerade von der Fahnenstange da draußen über dem schrägen Dach abgeschnitten“, sagte jemand und zeigte zum offenen Bodenfenster. Nach draußen hin, über das Dach hinaus und hoch über den Köpfen der Menschen der Stadt hatte sich die junge Frau im Morgengrauen erhängt. Da es an diesem Morgen vom grauen Himmel regnete, hatte lange keiner der Passanten etwas bemerkt. Nicht gesehen, dass hoch droben eine Frauenleiche schwebte, im Winde leicht hin und her schwankte, während sich ihre Kleider langsam mit dem Nass des Regens vollsaugten. Erst einem Mitarbeiter, der das Gebäude betrat, war die Leiche an jener Fahnenstange aufgefallen, als er mit einem zufälligen Blick nach oben prüfen wollte, ob der Regen nachließ.
Da lag sie nun, die junge Frau, mit ihrem mageren, ausgemergelten Körper auf dem staubigen Boden. Ich hatte die Leichenschau zu machen, das Schlusswort sprach später der Gerichtsmediziner. Also – ich beugte mich über sie, suchte nach den typischen Zeichen des Erhängens, fand sie und zusätzlich Probierschnitte über beiden Handgelenken. Offenbar hatte sie zuerst versucht, sich die Pulsadern zu öffnen. Die Schnitte hier waren zu oberflächlich gewesen. Trotzdem zog sich eine Spur von Blut über den Fußboden des hässlichen Bodenraumes. Unschlüssig war sie anscheinend hin und her gelaufen, bis sie endlich zum Strick gegriffen hatte. Das Ende des Seils hing noch um ihren Hals, und im Weiß der Augen zeigten sich die typischen punktförmigen blutunterlaufenen Flecken.
Irgendwo hörte ich Kinder weinen. Ja, sie war die Mutter von zwei kleinen Kindern. Gewesen. Und nun sah ich, immer noch neben der Leiche kniend, wie sich eine Bodentür öffnete. Die Tür jener Wohnung, in der sie gewohnt hatte. Als Reinigungskraft, ihr Mann als Hausmeister. Aus der Tür trat ganz kurz ein Mann im Trainingsanzug. Eigentlich taumelte er mehr. Sein Gesicht war gerötet, vom Alkohol gezeichnet. Er stierte dumpf in Richtung der Menschen, die sich um die Frauenleiche scharten, und verschwand dann schnell wieder. Ganz kurz sah ich die beiden tränenverschmierten Gesichter zweier kleiner Kinder, die er grob zurückdrängte. Dann schlug die Tür wieder zu.
Die Gedanken ließen mich nicht los
Ich beeilte mich, die Formalitäten durchzuführen und fuhr zurück in meine Sprechstunde. Aber die Gedanken ließen mich nicht los. Wie verzweifelt musste eine Frau sein, um das zu tun? Warum brachte eine junge Frau und Mutter das fertig? Litt sie an einer Depression? War sie Alkoholikerin? Ertrug sie die Erbärmlichkeit ihres Lebens oder die Ehe mit jenem Trinker nicht mehr? Die Kriminalpolizei würde es klären.
Der Tag war irgendwie für mich gelaufen. Mechanisch nur führte ich die Sprechstunde weiter, bis zum späten Nachmittag. Ich bekam heftige Kopfschmerzen. Am Abend, nach Dienstende, hatte ich noch einen Friseurtermin. Den konnte ich nicht so einfach absagen, denn es war schwer, bei meinen vielen Spät- und Nachtdiensten einen passenden neuen Termin zu bekommen. Also ging ich hin.
Der Selbstmord in der Beethoven-Straße
Meine Friseurin, eine freundliche Frau, eine Seele von Mensch, umgab mich mit Fürsorge. Ihre Gespräche plätscherten dahin, taten wohl, entlasteten. Sie konnte nicht nur gut frisieren, sondern auch gut unterhalten, und es war immer nett und familiär. Manchmal schüttete sie mir ihr Herz aus, bat um medizinischen Rat, den ich gern und reichlich gab. Heute hatte ich das Gefühl, mein Herz ausschütten zu müssen. Ich sprach von meinen Kopfschmerzen und dass ich am Morgen etwas Schreckliches erlebt hatte . . . eine junge Frau, Mutter zweier Kinder . . . Ich verstummte. Nähere Details wollte ich gar nicht erzählen.
Aber da fiel mir meine Friseurin schon ins Wort, und die anderen stimmten ein. Ach ja, der Selbstmord in der Beethoven-Straße!
Ich traute meinen Ohren nicht! Sie wussten genau Bescheid – und erzählten mir haarklein, wie dort alles gewesen war. Der Tatort, hoch über der Stadt, die Frau hatte sich an einer Fahnenstange erhängt, nach draußen zur Straße, vorher hatte sie versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden, sie depressiv, der Mann ein Trinker, fast jeden Abend betrunken und gewalttätig. Zwei kleine Kinder im Alter von drei und fünf Jahren. Oft habe der Mann die Frau abends geschlagen . . .
Ich schwieg schockiert. Aber sie erzählten mir immer neue Details. Und sie wussten alles viel besser als ich, die ich am Tatort gewesen war.
Ich grübelte. Wie war das möglich?
Die Lösung war einfach. Die Polizeidirektion befand sich gleich um die Ecke. Beamtinnen hatten anscheinend eher Dienstschluss als Ärztinnen. Und so hatte eine der Angestellten beim Frisieren ihres Kopfes ausgiebig über ihre aufregenden Erlebnisse dieses Tages geplaudert. In allen Details. Mit der Schweigepflicht schien sie kein Problem zu haben.
Während am Abend meine drei Kinder fröhlich von ihrem Tagesablauf berichteten, blieb ich sehr still und ging zeitig ins Bett. Ich konnte sogar bald einschlafen.
Ein Bild aber verfolgt mich bis in meine Träume – das abgezehrte Gesicht der Toten, der stumpfe Blick des Trinkers – und die verweinten Gesichter der beiden kleinen Kinder. Dr. med. Annerose Schulz
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