ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Der Birklehof: Individuelles Profil entwickeln

VARIA: Bildung und Erziehung

Der Birklehof: Individuelles Profil entwickeln

Bühring, Petra

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In der fünften bis siebten Klasse lernt jeder Schüler ein Blasinstrument, um im Klassenverband zu musizieren. Foto: Birklehof
In der fünften bis siebten Klasse lernt jeder Schüler ein Blasinstrument, um im Klassenverband zu musizieren. Foto: Birklehof
Im traditionsreichen Internat im Schwarzwald sollen Schüler lernen, frühzeitig Verantwortung für einander zu übernehmen.

Kurz nach Freiburg passt der Zug seine Geschwindigkeit der Landschaft an: Langsam, fast ehrfurchtsvoll, fährt er oberhalb des Höllentals durch den Hochschwarzwald in süd-östliche Richtung. „Himmelreich“ heißt die letzte Station vor Hinterzarten, dem kleinen Ort auf 900 Meter Höhe, der seit 1932 „den Birklehof“ beherbergt – lange bevor Hinterzarten bei Nordic Walkern so beliebt wurde.
Der Birklehof e.V., Gymnasium und Internat, ist angelegt wie ein großer Gutshof und passt sich mit der Architektur der Gebäude der Schwarzwaldlandschaft an – für Großstadtkinder eine Idylle. Die Landschaft soll die zurzeit 150 Internatsschüler sowie die 70 Externen zum Sport in der freien Natur verführen. Einmal wö-chentlich steht ein Nachmittag „Outdoorsport“ verpflichtend auf dem Stundenplan: Montainbiken, Kanu fahren, Wandern, Ski fahren. „Im Winter schaue ich von meinem Klassenzimmer manchmal sehnsüchtig auf die Windeck, unsere Haus-Skipiste, und freue mich auf den Nachmittag“, berichtet Oberstufenschülerin Lena, die als Mitglied des „Aufnahmeteams“ Gäste durch den Birklehof führt. Selbstbewusst und offen erzählt Lena, womit sie – wenn kein Schnee liegt – nachmittags ihre Zeit verbringt: Neben Reiten und der Tanztheater-AG ist sie engagiert als Schülermentorin, das heißt, sie steht den „Kleinen“ aus der Unterstufe zur Seite und arbeitet im „Turmkeller“ mit, wo die beliebten Schulpartys stattfinden. Mit ihrem vielseitigen Engagement ist das Mädchen eine typische Birklehöferin.
Wichtig ist für Schulleiter Dr. Christof Laumont, herauszustellen, dass der Birklehof keine „glamouröse“ Schule ist, die Wert auf Status und Herkunft der Schüler legt, sondern einen individuellen fördernden Ansatz hat. Laumont, der vorher sechs Jahre in der Schlossschule Salem am Bodensee war, mag kein „pseudoelitäres Gehabe“, sondern will im Sinne der Schulgründers, des Reformpädagogen Kurt Hahn, und des Altphilologen und Philosophen Georg Picht jeden Schüler „nach seinem individuellen Profil fördern“ und ihm frühzeitig Verantwortung übertragen. Beispielsweise durch die Dienste, in denen Lena sich engagiert, oder die sozialen Dienste, bei denen Schüler älteren Menschen aus der Umgebung zur Hand gehen, Spielnachmittage für Migrantenkinder veranstalten oder Hausaufgabenbetreuung für Kinder der Hauptschule im Ort anbieten. Individuelles Profil erlangen können Schüler, indem sie sich in den verschiedenen Arbeitsgemeinschaften (zum Beispiel Chor, Orchester, Combo, Theater, Kunst, Töpfern, Fotografieren, Video, verschiedene Ballsportarten, Hockey, Badminton und Klettern) ausprobieren. Davon sind in der Mittelstufe wöchentlich drei verpflichtend. Üblich ist dabei auch, dass Oberstufenschüler AGs für die Jüngeren anbieten, wie Philipp aus der 12. Klasse, der die Kletter-AG leitet. Es macht ihm Spaß, sie in der Trendsportart zu unterweisen, auch wenn er dafür seine Freizeit opfern muss. Was Philipp, der seit sechs Jahren im Birklehof lebt und der sich freiwillig für das Internatsleben entschieden hat, wie er sagt, an der Schule schätzt, sind „die Freiheiten, die man hier hat“. Bis auf die Vorgaben der Dienste und der AGs kann die Zeit nach dem gemeinsamen Mittagessen frei eingeteilt werden. Verpflichtend ist, die Zeit zwischen 17.00 und 19.00 Uhr auf den Zimmern zu verbringen, um Hausaufgaben zu erledigen.
Die Schüler wohnen meist zu zweit auf den Zimmern, in nach Unter-, Mittel- und Oberstufe eingeteilten Häusern. In der 13. Klasse hat der Schüler Anrecht auf ein Einzelzimmer. Ein so genannter Hauserwachsener, ein Lehrer, wohnt jeweils mit im Haus. Für die Lehrer heißt das: rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. „Das ist manchmal anstrengend“, sagt Deutschlehrerin Katharina Karras, die in einem Haus für Mädchen der Oberstufe wohnt. „Man muss das mögen, ständig angesprochen zu werden“, betont die junge Frau, während zwei Mädchen nach dem Mittagessen auf sie zu- stürmen. Sie kann sich jedoch keinen anderen Job mehr vorstellen.
Schüler der fünften und sechsten Klasse leben zusammen im „Unterraum“, einem Haus, in dem es noch etwas familiärer zugeht, weil dort eine Familie mit bald zwei kleinen Kindern und eine weitere „Hauserwachsene“ lebt. Zurzeit wohnen dort zehn Mädchen und vier Jungen. Überforderte Eltern, Beziehungskrisen, beruflich sehr eingespannte Eltern oder auch Anpassungsschwierigkeiten beim Übergang auf das Gymnasium können Gründe dafür sein, bereits mit zehn Jahren ins Internat zu gehen. Für die Kleinen hält Laumont ein differenziertes pädagogisches Konzept bereit, ,,bei dem Musik eine große Rolle spielt“. So ist es in den Klassen fünf bis sieben für jeden Schüler verpflichtend, ein Blasinstrument zu lernen, um mit seiner Flöte, Klarinette, Saxophon oder Trompete zusammen im Klassenorchester zu spielen. Dieses „Bläserklassenkonzept“, das inzwischen auch an einigen staatlichen Schulen angeboten wird, „stärkt das
Zusammengehörigkeitsgefühl enorm“, weiß Laumont. Der musisch-künstlerische Bereich spielt im Birklehof eine große Rolle. In einem eigenen „Musikhaus“ werden die Schüler in ihren Instrumenten unterrichtet. Dort treffen sich Orchester, Chor und Combo zu Proben und Konzerten. Gesangstalent Elissa wählte den Birklehof aus, weil sie wusste, dass sie hier entsprechend gefördert wird. Mithilfe ihrer Gesangslehrerin Ann Mc-
Guire ist sie heute, kurz vor dem Abitur, so weit, klar zu wissen, dass sie eine Karriere als Musicalsängerin ansteuern wird. Petra Bühring

Kosten
Die Gebühren für Schule und Internat betragen rund 2 000 Euro monatlich. 20 bis 25 Prozent der Schüler können Stipendien erhalten, die abhängig vom Einkommen bei 200 Euro im Monat beginnen. Finanziert werden diese durch Spenden von „Altbirklehofern“ und sonstigen Förderern.

Kontakt
Schule Birklehof, 79854 Hinterzarten, Telefon: 0 76 52/12 20, E-Mail: kontakt@birklehof.de, Internet: www. birklehof.de
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