ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Funk-Erkennung im Gesundheitswesen: Erfolgreich in Nischen einsetzbar

VARIA: Computer

Funk-Erkennung im Gesundheitswesen: Erfolgreich in Nischen einsetzbar

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-280 / B-239

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Ein breiter Durchbruch der RFID-Technologie ist für die Gesundheitsbranche noch nicht zu erkennen.
Eine US-amerikanische Studie, die Ende 2005 von BearingPoint, Inc. (www.bearingpoint.de), und der National Alliance for Health Information Technology (nahit.org) durchgeführt wurde, prognostiziert für die RFID (Radio Frequency Identification)-Technologie im Gesundheitswesen eine große Zukunft. Danach werden vor allem große Unternehmen und Organisationen in den nächsten zwei Jahren in die Funktechnologie investieren. Als wichtigster Nutzen wurde die Verbesserung der Patientensicherheit genannt. An zweiter Stelle folgten ein verbesserter Patientenfluss und die Steigerung der Produktivität.
Vielfältig anwendbar
Vor allem für folgende Anwendungsbereiche lässt sich die RFID-Technologie im Gesundheitswesen nutzen:
- für die eindeutige Identifikation von Personen und Material. Beispiele sind die sichere Zuordnung von Medikation und Behandlungen im Krankenhaus. Auch für die Inventarisierung und das Bestellwesen von Medikamenten und medizinischen Geräten ist RFID geeignet;
- für die sichere Authentifizierung, etwa bei der Zugangskontrolle zu Daten und Räumen in medizinischen Einrichtungen;
- zur Qualitätssicherung, zum Beispiel beim Umgang mit Blutprodukten.
Bei einem Workshop des Fraunhofer-Instituts für Software und Systemtechnik, Dortmund, im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft wurden einige RFID-Projekte vorgestellt und die Zukunftschancen der Technologie diskutiert. So berichtete beispielsweise Frank Tuschmann, Evangelische Krankenhausgemeinschaft Herne/Castrop-Rauxel gGmbH, vom erfolgreichen Einsatz der Funktechnik zur Bettenidentifikation, um dort die Transportlogistik von rund 320 000 Aufzugsfahrten jährlich zu optimieren. An beiden Seiten der Patientenbetten werden Transponder und an den Aufzugstüren Antennen montiert. Die Aufzüge werden automatisiert zugewiesen, Wartezeiten lassen sich dadurch erheblich verringern. Zusätzlich zeigen die Bettentransponder auch die Wartungsintervalle an. Das System habe sich bereits innerhalb eines Jahres amortisiert, betonte Tuschmann. Weitere Einsatzmöglichkeiten bietet das Management von Medizinprodukten, beispielsweise die Aufbereitung von Endoskopen. Wird das Endoskop in den Reinigungsapparat gelegt, kann dies per Funk erkannt und automatisiert dokumentiert werden. Fehler bei der Dateneingabe oder Manipulationen bei der Dokumentation lassen sich so vermeiden.
Prof. Dr. med. Martin Kunz, Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin Wien, stellte ein Pilotprojekt zum qualitätsgesicherten Management von Blutprodukten vor. Das Projekt umfasst die Speicherung von Produkt-, Patienten- und Logistikdaten, das Messen der Temperatur der Blutprodukte und die Identitätskontrolle am Krankenbett. Zusätzlich zur RFID-Technologie ist eine spezielle Software für die Datenverwaltung und die Prozesskontrolle erforderlich. Das Temperaturmonitoring erfolgt über aktive RFID-Tags (Funkeinheiten), die sämtliche Temperaturschwankungen während Transport und Lagerung der Blutprodukte aufzeichnen. Eine Schädigung des Patienten durch die Verabreichung verfallener Blutprodukte lässt sich dadurch verhindern.
Am Klinikum Saarbrücken wird die RFID-Technologie zurzeit für die Patientenidentifikation und zur Verbesserung der Medikamentensicherheit erprobt. Dort erhalten die Patienten bei ihrer Einlieferung Armbänder mit einem RFID-Chip. Über eine im Chip gespeicherte Identifkationsnummer kann der Arzt am Krankenbett mit einem mobilen Endgerät die im Krankenhausinformationssystem gespeicherten Patientendaten abrufen.
Arne Dicks, GS1 Germany, verwies auf einen weiteren Anwendungsbereich der RFID-Technologie: So könnten RFID-Tags die bislang verwendeten Barcode-Systeme im Pharmamarkt ablösen, um eine lückenlose Produkthistorie von Arzneimitteln zu dokumentieren, Fälschungen zu verhindern oder Rückrufe von Produkten zu vereinfachen. Die US Food and Drug Administration, die noch 2004 den Barcode (und nicht RFID) als geeignetes Werkzeug zur eindeutigen Identifizierung von Pharmazeutika empfohlen hat, rät inzwischen, bis 2007 Machbarkeits- und Fallstudien mit RFID-Verfahren entlang der Versorgungskette – von der Medikamentenproduktion bis zur Ausgabe am Krankenbett – durchzuführen. Dabei ist auch zu klären, ob Kosten und Nutzen, etwa im Hinblick auf Alternativtechnologien, in einer sinnvollen Relation zueinander stehen.
Die Vorteile von RFID gegenüber Barcodes: Zum Auslesen der Tags ist kein Sichtkontakt notwendig. Die Informationen vieler Tags können gruppiert im Pulk erfasst werden. Die Tags sind robuster und ermöglichen (als aktive Tags) viele Zusatzanwendungen. Allerdings sind Barcode-Systeme technisch ausgreifter und deutlich preiswerter als RFID-Verfahren. Dr. Andreas Stiehler, Berlecon Research, betonte, bislang sei unklar, wer die Entwicklung von RFID-Lösungen vorantreiben und finanzieren soll. Viele Nutzenpotenziale summierten sich nicht, denn jede Anwendung erfordere eine unterschiedliche technische Ausstattung. Selbst im Pharmabereich seien trotz der weit fortgeschrittenen Automatisierung die Geschäftsfelder noch nicht geklärt.
Fazit: Für die nahe Zukunft sind beim Einsatz der RFID-Technologie im Gesundheitswesen nur Insellösungen zu erwarten. Heike E. Krüger-Brand

Radio Frequency Identification (RFID)
Die RFID-Technologie ist ein Verfahren, bei dem Daten auf Funkchips (auch Smart Tags, Transponder) berührungslos und ohne Sichtkontakt über Lesegeräte ausgelesen werden können. Ein RFID-Tag besteht aus einem mit einer Funkantenne verbundenen Speicherchip. Zu unterscheiden sind aktive und passive Tags: Bei aktiven Systemen sendet die Funkeinheit mit einer Batterie, wohingegen die Datenübertragung bei passiven Tags durch elektromagnetische Wellen der Lesegeräte ausgelöst wird. Die Entfernung, über die ein Funkchip ausgelesen werden kann, reicht je nach Typ, Frequenzband und weiteren Faktoren von wenigen Zentimetern bis zu mehr als einem Kilometer. Wesentlich für die RFID-Technologie ist darüber hinaus die Kombination der Informationen auf den Funkchips mit einer Datenbank.
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