ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2006Chefärzte: Neue Qualitäten gefragt

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Chefärzte: Neue Qualitäten gefragt

Dtsch Arztebl 2006; 103(5): A-296 / B-260 / C-248

Niermann, Inga

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Chefärzte müssen in Zukunft noch mehr Verwaltungs- und Managementaufgaben übernehmen. Das betonten Vertreter von öffentlichen und privaten Trägern auf einer Tagung des Konvents leitender Krankenhauschirurgen (KLK) in Hamburg.
„Der Chefarzt muss nicht nur gut in seinem Fach sein, sondern auch Managerqualitäten besitzen“, sagte der Stuttgarter Bürgermeister Klaus-Peter Murawski. Chefärzte sollten künftig selbst über die Verwendung der Budgets entscheiden. „Dafür müssen sie betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse haben“, unterstrich Murawski. Das Berufsbild des Chefarztes habe sich komplett gewandelt. So sei der Chefarzt mehr denn je auch für die Außendarstellung seiner Klinik verantwortlich. Murawski sprach sich auch für die Übernahme der Pflegeleitung durch die Chefärzte aus, „damit dieser Konkurrenzkampf mit den Pflegeleitungen ein Ende hat“.
Bei Rhön sollen die Kompetenzen der Chefärzte weiter beschnitten und flachere Hierarchien durchgesetzt werden. „Grundsätzlich ist die vertikale, Chefarzt orientierte Krankenhausorganisation ein Auslaufmodell“, sagte Astrid Aulkemeyer, Vorstandsmitglied der Rhön-Klinikum AG. Der Chefarzt müsse vor allem ein erfolgreicher Verfahrensmanager sein, der Prozesse optimiere und die Qualität der medizinischen Leistungen verbessere. Als Generalist müsse er sich auch um die Organisation, die interdisziplinäre Zusammenarbeit und um die außerbetriebliche Ausbildung kümmern, sagte Aulkemeyer. Zudem sollten sich Chefärzte aktiv an medizintechnischen Innovationen beteiligen.
Eine Zusatzausbildung für Fachärzte in Managementaufgaben, empfahl der geschäftsführende Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Heidelberg, Prof. Dr. Markus Büchler. Managementaufgaben würden künftig 70 Prozent aller Aufgaben von Chefärzten ausmachen: „Die nächste Generation der chirurgischen Chefärzte muss deshalb eine betriebswirtschaftliche Zusatzausbildung nach der Facharzt- und Chefarztausbildung machen, um sich Wissen über Mitarbeiterführung, Budgetsteuerung, Kapazitätenauslastung und Patientenmanagement anzueignen“, meinte Büchler.
In einer aktuellen Umfrage des Konvents unter knapp 292 leitenden Chirurgen bewerten die meisten Ärzte ihre Situation schlechter als noch vor wenigen Jahren. „Viele Chefärzte fühlen sich überfrachtet mit Tätigkeiten, die eigentlich nicht zu ihrem Aufgabengebiet zählen“, erläuterte der KLK-Vorsitzende Prof. Dr. Reinhard Bittner. Die Zeit fehle für die Tätigkeiten am Patienten.
Als eine der zeitaufwendigsten Arbeiten bezeichneten die Chefärzte die Kodierungen seit Einführung der DRGs. Der Umfrage zufolge sind die Kodierungsarbeiten so zeitaufwendig, dass 80 Prozent der Befragten die Auffassung äußerten, dass diese Aufgabe von extra qualifiziertem Personal übernommen werden müsste. Zudem wünschen sich viele der Befragten ein höheres Einkommen. 2005 verdiente etwa die Hälfte der befragten leitenden Klinikchirurgen zwischen 100 000 und 175 000 Euro und etwa die andere Hälfte zwischen 200 000 und 250 000 Euro. Drei von vier Chefärzten, insbesondere in der unteren Einkommensspanne, wünschen sich der Umfrage zufolge mehr Gehalt. „Im Grunde sind es die 30 Prozent mehr Gehalt, die der Marburger Bund für die Klinikärzte fordert“, sagte Bittner.
Doch trotz der Kritik am wachsenden Aufgabengebiet steht der Großteil der Befragten Veränderungen im Krankenhausumfeld positiv gegenüber. Die Einführung des Fallpauschalensystems in den Kliniken halten 65,2 Prozent der befragten Chefärzte für sinnvoll. Allerdings hat jeder fünfte Chefarzt erhebliche Probleme mit der Geschäftsfüh-
rung seiner Klinik.
Seit der letzten Umfrage des Konvents vor sieben Jahren hat sich die Anzahl der privaten Arbeitgeber verdoppelt. Jedes fünfte Krankenhaus hat den Träger gewechselt. Die Abteilungen werden tendenziell verkleinert; es gibt weniger Stationen mit mehr als 100 Betten, aber mehr Stationen mit einer Bettenzahl unter 60. In verkleinerten Abteilungen kommt es zur Arbeitsverdichtung, zum Beispiel werden mehr Operationen im gleichen Zeitraum durchgeführt. Mit dem Bettenabbau ging auch ein Stellenabbau einher: Bei jedem vierten Chefarzt fielen durchschnittlich 1,5 Stellen in der Abteilung weg. Zugleich hat sich eine Arbeitsverdichtung vollzogen. Knapp 80 Prozent der Befragten gab an, dass die Anzahl der Operationen gestiegen sei. Jeder vierte Chefarzt beklagt Schwierigkeiten bei der Besetzung von Arztstellen, erklärte Bittner. Als Gründe dafür werden die hohe Arbeitsbelastung, zu viel Bürokratie, die geographische Lage des Krankenhauses sowie zu wenig gut ausgebildete Ärzte genannt.
Trotz aller Kritik und Widrigkeiten sind aber knapp 75 Prozent der Chefärzte zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden mit ihrem Posten. In den neuen Bundesländern ist die Zufriedenheit dabei deutlich höher als in den alten Bundesländern. Ihre beruflichen Perspektiven beurteilen die Chefärzte dagegen unterschiedlich. Zwar denken weniger Chefärzte an eine vorzeitige Aufgabe ihres Postens als noch vor sieben Jahren, allerdings ziehen auch mehr Ärzte eine Verlängerung ihrer Lebensarbeitszeit in Erwägung.
Inga Niermann
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