ArchivDeutsches Ärzteblatt6/1997Ärzte auf dem Weg ins „Dritte Reich“

SPEKTRUM: Bücher

Ärzte auf dem Weg ins „Dritte Reich“

Thomsen, Peter

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LNSLNS Geschichte
Krankenkassen als Bedrohung
Peter Thomsen: Ärzte auf dem Weg ins "Dritte Reich". Studien zur Arbeitsmarktsituation, zum Selbstverständnis und zur Standespolitik der Ärzteschaft gegenüber der staatlichen Sozialversicherung während der Weimarer Republik, Historische Studien, Band 447, Matthiesen Verlag, Husum, 1996, 214 Seiten, gebunden, 68 DM
Die rasche Hinwendung der ärztlichen Standesorganisationen und großer Teile der Ärzteschaft zum Nationalsozialismus nach der Machtübernahme Hitlers ist inzwischen hinlänglich bekannt. Was aber waren die Gründe für die reibungslose Eingliederung des ärztlichen Standes in den nationalsozialistischen Staat? Bei der Beantwortung dieser Frage bringt uns die Publikation ein gutes Stück voran. Der Autor konzentriert sich auf einen wesentlichen Teilbereich ärztlichen Handelns und ärztlicher Standespolitik in der Weimarer Republik, nämlich auf die kassenärztliche Tätigkeit und die Konflikte der organisierten Ärzteschaft mit den gesetzlichen Krankenkassen.
Mit der Ausdehnung der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung auf weite Kreise der Bevölkerung hatte das tradierte Rollenverständnis des Arztes, das auf seiner Handlungs- und Entscheidungskompetenz innerhalb einer exklusiven Arzt-Patienten-Beziehung beruhte, erhebliche Brüche erfahren. Das Vordringen der Krankenkassen als einer "dritten Kraft" im Gesundheitswesen wurde von der Ärzteschaft nicht nur als Einbruch in die ökonomische Autonomie, sondern auch als Bedrohung der Standesautonomie wahrgenommen. Der noch durch Wirtschaftskrisen verschärfte Dauerkonflikt mit den Krankenkassen dominierte die standespolitische Debatte in der Weimarer Zeit. Dabei wurde das Handeln der Ärzteschaft nicht allein von ökonomischen Motiven bestimmt; mehr und mehr schob sich die ideologische Auseinandersetzung mit einer als Bedrohung der freiberuflichen Autonomie empfundenen Massenorganisation in den Vordergrund. Innerhalb eines zunehmend als ärztefeindlich wahrgenommenen politischen Rahmens wurde die Verstaatlichung des Gesundheitswesens für die Ärzteführung zu einer immer konkreter erscheinenden Variante staatlicher Gesundheitspolitik. Der Nationalsozialismus wurde hier als Ausweg aus einer Krisensituation wahrgenommen, versprach er doch - so Karl Haedenkamp im März 1933 -, daß "wir auf lange Zeit nicht mehr mit den Versuchen zu rechnen haben, die Sozialisierung des Heilwesens zu verwirklichen und den behandelnden Arzt zum Staatsbeamten oder zum Angestellten der Versicherungsträger zu machen".
Thomas Gerst, Köln
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