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Falsche Schlussfolgerungen und fehlende Detailkenntnisse kennen wir Ärzte schon seit langem. Über Jahrhunderte waren wir der festen Überzeugung, das Blut würde in unseren Adern lediglich hin und her schwappen, vermuteten chemische Reaktionen und „Fermentationen der Humores“ als Ursache aller Krankheiten und ließen unsere Schutzbefohlenen zur Ader, selbst wenn diese von blutigen Durchfällen geplagt waren. Obwohl kaum zu erwarten war, dass sich dadurch eine Colitis ulcerosa oder etwa ein Kolonkarzinom prognostisch günstig beeinflussen ließ. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich in der nichtmedizinischen Bevölkerung Vorurteile gegenüber Ärzten manifestiert haben, die genauso wenig evident sind wie die Säftelehre.
Kürzlich hatte ich in geselliger Runde Gelegenheit, meine Profession kundzutun, was bei meinem Gegenüber zu einem verbalen Krampfanfall führte: „ . . . und dann reißt ihr Ärzte die Krankenversicherungskarte an euch, zieht sie durch den Kartenleser und plündert die Krankenkassen aus!“ Ich halte ihm entgegen, dass mehrere Praxisbesuche pro Quartal gar nicht mehr honoriert, daher höchstens die Praxen geplündert würden. „Dann macht ihr euer Ultraschallgerät an, das vorne komische Bilder zeigt und hinten Tausend-Euro-Scheine druckt!“ Ich entgegne, dass diese Leistungen längst budgetiert seien und die Honorare kaum noch ausreichten, moderne Geräte anzuschaffen. „Also geben Sie auch noch zu, den armen Krankenversicherten mit veraltetem Schrott das Fell über die Ohren zu ziehen! Für die bleibt sowieso keine Zeit mehr, weil ihr ständig mit eurem Börsenmakler quasselt!“ Mein Banker offeriert schon lange keine Telekomaktien mehr, sondern kontrolliert nur noch das Kontokorrent. Aber wir Ärzte schaffen Arbeitsplätze, bilden Helferinnen aus, führen Steuern ab, und das für einen Stundenlohn, für den kein Elektriker einen Funken Verstand aufbringt und es jedem Maler zu bunt werden würde! Mein Gegenüber wird still. Ich habe nun die einmalige Chance, das Ärztebild grundlegend zu korrigieren: dass wir als Ärzte im Praktikum einen Hungerlohn bekommen, als Assistenten unzählige unbezahlte Überstunden leisten, als Oberärzte endlose Hintergrundbereitschaften garantieren, uns als Niedergelassene ständig fortbilden und nie zu Hause sind und selbstverständlich Hausbesuche auch nachts und am Wochenende . . . Mein Gegenüber lenkt ein: „Na ja, mag schon sein, dass es euch nicht mehr so gut geht wie früher . . . aber nach dem Nachtdienst, da fahrt ihr wieder zum Porschehändler, damit der Beifahrersitz ausgebaut wird, auf dass die Golftasche besser reinpasst, nicht wahr? Aber“, er zieht seinen Schuh und Strumpf aus, legt den Fuß auf den Tisch, „Sie können sich bei der Gelegenheit mal meinen Fußpilz anschauen, das juckt so erbärmlich . . ., die Medikamente dagegen können Sie mir gefälligst kostenfrei überlassen, ihr Ärzte macht doch heutzutage eh alles umsonst, nicht wahr?“
Früher hätte man ihn wohl geschröpft. War vielleicht doch nicht ganz verkehrt, was unsere ärztlichen Vorfahren praktiziert haben. Dr. med. Thomas Böhmeke
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