ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2006Gesundheitsreform: Fachärzte plädieren für Grund- und Wahlleistung

POLITIK

Gesundheitsreform: Fachärzte plädieren für Grund- und Wahlleistung

Dtsch Arztebl 2006; 103(6): A-305

Maus, Josef

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GFB-Präsident Jörg A. Rüggeberg: Grundlegende Reform Foto: Johannes Aevermann
GFB-Präsident Jörg A. Rüggeberg: Grundlegende Reform Foto: Johannes Aevermann
Die Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände hofft auf die Einsicht der Politik, dass nur noch eine grundlegende Reform nachhaltige Wirkung zeigen kann.

Die massiven Ärzteproteste vom 18. Januar in Berlin haben nach Auffassung der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB) zumindest zwei Dinge gezeigt: Im Protest gegen die fortschreitende Mangelverwaltung im Gesundheitswesen sind sich alle Arztgruppen einig, und mehr als 80 Prozent der Bevölkerung stimmen den Anliegen der Ärzteschaft zu. „Wir wollen jetzt dafür sorgen“, sagt GFB-Präsident Dr. med. Jörg A. Rüggeberg, „dass dies im Bewusstsein der Bevölkerung haften bleibt.“
Die GFB, die Dachorganisation von 27 fachärztlichen Berufsverbänden, hat ein „Grundsatzpapier zur nachhaltigen Sicherung einer patientennahen fachärztlichen Versorgung auf hohem Qualitätsniveau“ vorgelegt. Darin beschreiben die niedergelassenen Fachärzte die Defizite des Systems und plädieren für grundlegende Korrekturen. Rüggeberg: „Es ist nicht mehr damit getan, die Löcher zu stopfen oder neue Regulierungen einzuziehen, denn so ist das Gesundheitswesen nicht mehr zu retten.“
Auf dem Weg in die krasse Unterversorgung
Der Chirurg aus Bremen hofft auf die Einsicht der Politik und auf eine breite Diskussion über die Notwendigkeiten und Grenzen der sozialen Sicherungssysteme. „Das deutsche Gesundheitssystem“, heißt es im Grundsatzpapier der GFB, „bewegt sich als Folge einer chronischen und zunehmenden Unterfinanzierung bedrohlich aus einer bereits bestehenden Mangelversorgung in Richtung einer krassen Unterversorgung.“ Die Dachorganisaton der Fachärzte macht dafür eine Vielzahl von Ursachen verantwortlich: fehlende Planungssicherheit aufgrund ständig wechselnder Gesetze, fehlende wirtschaftliche Sicherheit infolge der Budgetierung, Gefährdung der Therapiefrei-heit durch ökonomischen Druck und eine geradezu erstickende Bürokratie, die inzwischen gut ein Drittel der ärztlichen Arbeitszeit binde.
Dass inzwischen rund 30 Prozent der Studienabsolventen im Fach Humanmedizin dem Arztberuf den Rücken kehren, führt die GFB auf diese Ursachen zurück. Und das hat dramatische Folgen: „Schon heute ist klar“, sagt Rüggeberg, „dass in zehn Jahren keine Fachärzte in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen werden, um die dann ausscheidenden Ärzte zu ersetzen.“ Selbst wenn sie da wären, bestünden kaum Aussichten auf eine Praxisgründung: „Die restriktiven Bedingungen für die Vergabe von Krediten bewirken, dass niederlassungswillige Ärzte wegen der auch von den Banken als problematisch eingeschätzten Ertragssituation nicht mehr auf eine fremdfinanzierte Existenzgründung bauen können.“
Trübe Aussichten – wenn es nicht gelingt, das Ruder herumzureißen. Die GFB sieht eine reelle Chance in der Rückführung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) auf die solidarische Absicherung des Existenzrisikos. Die Aufgabe der Ärzteschaft werde es sein, gemeinsam mit dem Gesetzgeber die Definition eines Grundleistungskataloges zu erarbeiten. Eine solche Grundsicherung müsse jeder Bürger erhalten – entweder über die GKV oder über private Krankenversicherer. Der Staat solle den dafür notwendigen Solidarausgleich über Steuermittel finanzieren. Darüber hinaus sollen freiwillige Zusatzversicherungen möglich sein – aber auch Eigenbeteiligungen der Patienten im konkreten Behandlungsfall. Die GFB glaubt, dass ein solches Modell grundsätzlich sowohl im Rahmen einer Bürgerversicherung als auch in einem System mit Gesundheitsprämien möglich ist. Allerdings sieht die GFB derzeit keine Anzeichen dafür, dass
die Politik den Bürgern die Freiheit einräumen will, selbst zu entscheiden, welche Gesundheitsleistungen sie in welchem (versicherten) Umfang in Anspruch nehmen wollen.
Nach Ansicht der Fachärzteorganisation kann sich eine marktwirtschaftlich geprägte Wettbewerbsordnung besser in direkten Vertragsbeziehungen zwischen Patienten und Ärzten entfalten. Die Kassenärztlichen Vereinigungen könnten da-bei als Dienstleister hilfreich sein. Ferner plädiert die GFB für eine Gebührenordnung mit festen Preisen und diagnosebezogenen Fallpauschalen für Fachärzte, die um prozessbezogene Einzelleistungskomplexe ergänzt werden sollten.
Die GFB ist für die Zusammenführung der ambulanten und stationären Versorgung und für die Aufhebung der bisherigen Bedarfsplanung nach Verhältniszahlen. An ihre Stelle solle eine regionale sektorübergreifende Versorgungsbedarfsplanung treten. Aus diesen Maßnahmen folgt für die GFB eine gemeinsame Honorarverantwortung „mehrerer Leistungserbringer an einem Behandlungsfall“.
An die Hausärzte sendet die Dachorganisation der fachärztlichen Berufsverbände versöhnliche Signale. Rüggeberg: „Wir brauchen ein gemeinsames Vorgehen. Wir Fachärzte können unseren Versorgungsauftrag ohne die hausärztliche Basisversorgung nicht erfüllen. Aber das gilt auch umgekehrt.“ Josef Maus
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