ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2006Julius Moses: „Medizin ohne Politik gibt es nicht“

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Julius Moses: „Medizin ohne Politik gibt es nicht“

Dtsch Arztebl 2006; 103(6): A-328 / B-287 / C-272

Jachertz, Norbert

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Foto: Privatarchiv Nemitz
Foto: Privatarchiv Nemitz
Eine Ausstellung erinnert an den herausragenden und streitbaren Arzt und Politiker der Weimarer Zeit.

Ein dickes Album, bestückt mit Zeitungsausschnitten, Textfragmenten und Fotos, ist das greifbare Vermächtnis des Dr. med. Julius Moses, bestimmt für seine Nachkommen. Die sollten wissen, was ihr Vater gedacht und gemacht hatte. Moses, der herausragende sozialdemokratische Gesundheitspolitiker der Weimarer Zeit, hat die Erinnerungsstücke 1938 ins Album geklebt, als er in einem der Berliner „Judenhäuser“, Levetzowstraße 11a, interniert war. Die handgefertigten Blätter und weitere Dokumente wurden nach dem Zweiten Weltkrieg buchstäblich ausgegraben; Anna Nemitz, die Mutter seiner Lebensgefährtin Frieda Nemitz, hatte die Hinterlassenschaften in Köpenick im Kohlenkeller versteckt. Sie werden heute von seinem Sohn, Kurt Nemitz, gehütet. Eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung erinnert an Moses, gestützt auf dessen Erinnerungsstücke.
Moses wurde am 2. Juli 1868 in Posen als Sohn eines Schneiders geboren, studierte dank der Unterstützung eines wohlhabenden Onkels in Greifswald Medizin und ließ sich im Berliner Norden als Arzt nieder. Er beschränkte sich nicht auf seine Praxis. Seiner Meinung nach hatte sich ein Arzt politisch zu äußern, denn: „Medizin ohne Politik gibt es nicht.“ Moses wurde zu einem Streiter für die Sozialhygiene. Von 1920 bis 1932 gehörte er dem Reichstag an, zunächst als Abgeordneter der USPD, dann, nach deren Vereinigung mit der SPD, der sozialdemokratischen Fraktion. Aus Moses wurde jedoch nie ein „Parteisoldat des Klassenkampfes“, bemerkte der Medizinhistoriker Hans-Peter Schmiedebach anlässlich der Ausstellung. Das zeigte sich etwa in der Debatte um den „Gebärstreik“ (1913). Moses setzte sich im Gegensatz zu führenden Vertretern der Linken für Geburtenbeschränkung des Proletariats ein, weil er, der Arzt in einem Proletarierviertel, dessen Verelendung hautnah miterlebte. Er wandte sich, obwohl er Abtreibung grundsätzlich ablehnte, gegen den Paragraphen 218, weil er Abtreibung als soziale Krankheitserscheinung ansah, die nicht durch das Strafgesetzbuch geheilt werden könne. Moses stritt gegen wissenschaftliche Experimente am Menschen. Diese dürften nicht allein um des Experimentes willen durchgeführt werden und schon gar nicht ohne Aufklärung und Einwilligung des Probanden; der Heilerfolg habe stets im Blick zu bleiben. Nach öffentlichen Skandalen (Erprobung eines Vitamin-D-Präparates, Lübecker „Impfunglück“) erließ der Reichsgesundheitsrat, wesentlich auf Betreiben von Julius Moses, Richtlinien, die zwischen wissenschaftlichen und therapeutischen Experimenten unterschieden. Schließlich lehnte Moses, entgegen dem Zeitgeist, die Eugenik ab.
Mit den ärztlichen Standespolitikern geriet Moses immer wieder aneinander, ja, diese sahen in ihm geradezu die „Symbolfigur der ärztlichen Kritiker“ (Schmiedebach). Streitpunkt war vor allem Moses’ Einsatz für die Ambulatorien. Aber auch die politisch-ideologisch divergierenden Positionen dürften eine Rolle gespielt haben. Für Karl Haedenkamp, einen der führenden Standespolitiker der Weimarer Zeit, der für die Deutschnationalen (DNVP) im Reichstag saß, galt Moses als Inkarnation des Feindbildes.
Während der Politiker Moses, weil Sozialdemokrat, nach 1933 ausgeschaltet und der Arzt Moses, weil Jude, aus seinem Beruf entfernt wurde, konnte sein Gegner Haedenkamp seine Karriere fortsetzen. Die „Säuberung“ des Ärztestandes begründete Haedenkamp auch mit dem Hinweis „auf die Saat, die von denen um Moses“ gesät wurde.
Im Vorwort zu seinen Erinnerungen schreibt Julius Moses: „Und dieses hier ist niedergeschrieben worden im Sommer 1938, also unmittelbar nach meinem 70. Geburtstag, in jener Zeit, da man mir die Bestallung als Arzt – nach 45-jähriger Tätigkeit – genommen hat. Ich darf mich nicht mehr praktischer Arzt nennen, ich, der ich beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch meine ärztliche Tätigkeit ausschließlich in den Dienst der Armen, des Proletariates gestellt habe, ohne Rücksicht auf meine eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse.“
Im Sommer 1942 wurde Moses nach Theresienstadt deportiert. Ein Mithäftling traf ihn dort an, „mit 10 Herren ein Zimmer teilend, auf dem Boden liegend, nur notdürftig mit einer Decke zugedeckt“ – und doch „voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft“. Die hat er nicht erlebt. Moses starb wenig später, am 24. September 1942 in Theresienstadt. Norbert Jachertz


Die Ausstellung zu Julius Moses ist vom 8. Februar bis 9. März 2006 im Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, 53175 Bonn zu sehen. Informationen unter Tel.: 02 28-88 34 73.
Zu den standespolitischen Auseinandersetzungen vgl. auch: Robert Jütte (Hrsg.): „Geschichte der deutschen Ärzteschaft“, Köln, 1997.
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