ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2006Diagnostik von Demenzerkrankungen: Präventionsstrategien

MEDIZIN: Diskussion

Diagnostik von Demenzerkrankungen: Präventionsstrategien

Dtsch Arztebl 2006; 103(6): A-348 / B-305 / C-290

Wenderlein, J. Matthias

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LNSLNS Die zertifizierte Fortbildung skizziert eine frühe Demenzdiagnostik. Sie ist nur für jene sehr wenigen Demenzarten hilfreich, für die es eine Kausaltherapie gibt. Die Mehrheit Demenzerkrankter kann therapeutisch nur einen verzögerten Krankheitsverlauf für wenige Jahre beziehungsweise mehrere Monate erwarten. Damit müssten Präventionsstrategien von Risikogruppen größte Aufmerksamkeit finden. Wird die hohe Prävalenzrate kognitiver Probleme mit dem Altern bedacht, ist derzeit nur ein rechtzeitiges Screening mittels Risiko-Anamnese-Daten möglich. Da die Demenzentwicklung von den ersten Neuronen-/Synapsen-schäden bis zur klinischen Manifestation viele Jahre bis Jahrzehnte dauert, sind
Risikopersonen bald auf Präventionsmöglichkeiten hinzuweisen. Über die in der Regel infauste Prognose – die fortgeschrittenen Krebsleiden entspricht – sind zu wenige Laien informiert.
Die Autoren skizzieren eine aufwendige Demenzdiagnostik in zwei Stufen einschließlich zerebraler Bildgebung. Beim Screening werden viele leichte kognitive Störungen entdeckt. Von diesen wird jeder Zehnte eine Demenz in Jahresfrist entwickeln. Wie oft löst das bei den anderen neun von zehn „Entdeckten“ eine Depression aus, die kognitionsmindernd wirkt? Das spricht für Präventionsstrategien bei Risikogruppen: Internisten sollten gezielt und rechtzeitig bei Hypertonikern, Diabetikern und Gefäßgefährdeten (zum Beispiel durch erhöhtes Cholesterin) auf das erhebliche Demenzrisiko bei einer Therapie mit fehlender Compliance hinweisen.
Aus gynäkologischer Sicht kommt noch eine demenzgefährdete Frauengruppe dazu. Sie umfasst sehr schlanke Frauen mit früh eingetretener Menopause – sei dies natürlich oder iatrogen durch beidseitige Adnexentfernung aus unterschiedlichsten Gründen. Diese Frauen haben durch frühen Östrogenmangel später ein hohes Osteoporoserisiko. Der Literatur nach ist dieses Hormondefizit auch für das Gehirn nachteilig. Somit muss eine schlechte Knochendichte mit einer schlechten Kognitionsleistung assoziiert sein. Das ließ sich psychometrisch in einer eigenen Studie bei Seniorinnen beeindruckend nachweisen. Damit ist ein rechtzeitiger, zeitlich nahe an der Menopause begonnener Hormonersatz zur Neuroprotektion biologisch plausibel nachweisbar. Aus der umfangreichen Literatur dazu sei eine kürzlich veröffentlichte dänische placebokontrollierte Studie angeführt: Frauen mit Nutzung von Hormonersatz für nur zwei bis drei Jahre hatten später bessere Kognitionsleistungen. Das Risiko für verschlechterte Gedächtnisleistung lag um 64 Prozent niedriger als in der Placebogruppe. Das widerspricht nicht den Ergebnissen der WHI- (Womens Health Initiative-)Memory-Study. Die dort entdeckten zusätzlichen „möglichen“ Demenzerkrankungen unter Hormonersatz trafen 8 pro 10 000 Frauen/Jahr. Es handelte sich bei einem Risikokollektiv zwischen 65 und 80 Jahren mit erstmaligem, zu hoch dosierten Hormonersatz um vermeidbare Apoplex-Ereignisse mit Demenzsymptomen – vermuten auch die WHI-Autoren.
Fazit: Über eine Million Demenzerkrankte (die Verdoppelung in den näch-
sten Jahrzehnten) wird unser Gesundheitssystem vor Rationierungsprobleme stellen. Dem ist schon jetzt zu begegnen durch Neuroprotektion bei Frauen.
Prof. Dr. med. J. Matthias Wenderlein
Universitäts-Frauenklinik
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm

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